Nicole Hess – Domizile auf Zeit Oder: Welche Räume braucht der künstlerische Prozess?

Orte der Kunstproduktion und Kunstvermittlung: Künstler- und Kulturhäuser in der Schweiz

Foto: Stefan Groß

Nicole Hess Domizile auf Zeit Oder: Welche Räume braucht der künstlerische Prozess? Orte der Kunstproduktion und Kunstvermittlung: Künstler- und Kulturhäuser in der Schweiz, Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, ISBN: 978-3-85881-622-1, 38 EURO (D)

In dem Band „Domizile auf Zeit“ fragt Nicole Hess nach den Entstehungsorten von Kunst, im Zentrum oder in der Peripherie. Sie vertritt die These, dass Ideen für künstlerisches Schaffen oft im Alltag entstehen, ihre Ausgestaltung jedoch im Rückzug erfahren: an Orten, in Räumen und Kontexten, die die Auseinandersetzung zwischen Künstler und Werk, aber auch unter Kunstschaffenden anregen. In der Schweiz existiert eine Zahl „solcher Drehscheiben der Kunstproduktion und –vermittlung“ außerhalb der urbanen Zentren, die Infrastruktur und Atmosphäre für Artists in Residence unterschiedlicher Sparten bieten. Gleichzeitig sind sie wichtige Kulturveranstalter in den Randregionen.

Das Buch stellt 15 ausgewählte „Domizile auf Zeit in Regionen der Schweiz näher vor; es ist „als Spaziergang durch die Schweiz gestaltet – und lädt zum Lesen, Schmökern und Schauen ein.“ Auf einer geografischen Karte der Schweiz sind die Domizile zum Beginn des eingezeichnet. Dann folgt ein Bildessay des Fotografen Georg Aerni, der die Außen- und Innenräume der vorgestellten Domizile in zwei Sequenzen verdichtet in Szene setzt. Zwischendrin werden die einzelnen Domizile dann per Text und weitergehender Literaturangabe dargestellt. Es folgt noch ein Essay von Jacques Cordonier, Leiter der Kulturförderung des Kantons Wallis, der die Rolle von Künstlerresidenzen aus kulturpolitischer Sicht schildert. Anschließend gibt die Schriftstellerin Nora Gomringer ihre Erfahrungen als Rückzugsstipendiatin weiter. In einem Serviceteil werden die Geschichte der Domizile, ihre Ausstattung und Leistungen mitsamt Adressen, Telefonnummern oder Mailadresse aufgelistet. 

Diese Domizile der Ruhe und inneren Einkehr für Kunst- und Kulturschaffende jenseits der großen Zentren werden, wie Nicole Hess richtig feststellt, in der fortschreitenden Schnelllebigkeit und Hektik unserer Zeit an Bedeutung gewinnen, wenn die Künstler kein eigenes Haus oder Anwesen auf dem Land besitzen. Die hier vorgestellten Refugien sind eine Auswahl vieler Rückzugsorte in der Schweiz, die in Text und Bild ausführlich beschrieben und deren Bedeutung durch die Essays vertieft werden. Spannend wäre zu wissen, ob es auch für Künstler in der Schweiz möglich ist, in einem Kloster oder anderen spirituellen Orten für einige Zeit zu wohnen und zu arbeiten. 

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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.