Alles ist Krise, alles ist sofort, alles verlangt nach Reaktion. Doch genau dieser politische Dauerstress verhindert echte Zukunftsgestaltung. Prof. Dr. Henning Vöpel fordert eine Politik, die nicht mehr in Echtzeit hektisch reagiert, sondern langfristig denkt, mutiger handelt und Entscheidungen von heute an den Chancen der kommenden zwanzig Jahre misst.
„Alles ist heutzutage sofort Krise. Diese Wahrnehmung ist gefährlich, weil sie das langfristige Denken und Handeln untergräbt. Wer nur noch kurzfristig agiert, kann nicht mehr zusammenhängend gestalten. Genau dies aber ist angesichts umwälzender Entwicklungen die vordringliche Aufgabe der Politik. Wenn nur noch Krise die Politik bestimmt, herrscht zukunftsblinder Aktionismus statt aktiver Zukunftsorientierung.
Wer hingegen langfristig denkt, denkt meistens auch groß, denn in der langen Frist ist mehr möglich als in der kurzen. Und wer groß denkt, handelt zumeist auch in größeren, langfristig die Weichen stellenden Veränderungen. Diese wiederum erzeugen eine höhere Geschwindigkeit, weil sie kohärentes, gestaltendes Handeln ermöglichen. Es gibt in diesem Sinne einen positiven Zusammenhang zwischen der Langfristigkeit des Handelns und der Geschwindigkeit der Veränderung. China ist schneller, weil es weitaus langfristiger denkt. Das Silicon Valley ist innovativer, weil es weitaus größer denkt. Langfristigkeit als Handlungsprinzip gewinnt an Bedeutung, wenn sich, wie gerade jetzt, die Zukunft „beschleunigt“.
Die positiven Effekte der Langfristigkeit
Langfristigkeit wirkt positiv auf unterschiedliche (polit-)ökonomische und (sozial-)psychologische Mechanismen. So gibt es starke Evidenz dafür, dass Menschen beginnen, ihr Investitionsverhalten längerfristig auszurichten, sobald sie eine positive Zukunftsperspektive sehen. Ihre Entwicklung verläuft dann eben aufgrund des veränderten Investitionsverhaltens wesentlich schneller. Aus der Spieltheorie ist bekannt, dass Geduld – interpretiert als die Fähigkeit, langfristige Ziele gegenüber kurzfristigen zu priorisieren – ein strategischer Vorteil ist. Langfristigkeit ermöglicht es überhaupt erst, wichtige strategische Ziele zu priorisieren. Dadurch verliert man nicht, sondern gewinnt Zeit, weil man ruhiger und klarer agieren kann. Langfristigkeit erhöht zudem das Vertrauen und dadurch die Bereitschaft zu kurzfristigem Verzicht und zu langfristiger Kooperation. Langfristigkeit führt weiterhin dazu, dass der Verhandlungs- und Lösungsraum größer wird: Das Nullsummen-Spiel der Gegenwart wird zu einem Positivsummen-Spiel der Zukunft.
Schließlich erlaubt Langfristigkeit es, größere Risiken einzugehen – Risiken, die entweder radikale Innovationen schaffen oder im Falle des Scheiterns langfristige Lernkurven erzeugen, indem sie bereits sehr früh zukünftige Innovationsräume ausleuchten. Im Übergang von kurzfristiger zu langfristiger Perspektive vollzieht sich ein methodischer Bruch: Was kurzfristig als exogenes Risiko erscheint, wird in langfristiger Betrachtung zu einer gestaltbaren Aufgabe. Wer langfristig handelt, reduziert Risiken, wer kurzfristig handelt, muss sie managen.
Wer langfristige Ziele verfolgt, ist zudem weniger anfällig gegenüber kurzfristigen Störungen und Fehlern, weil sie erstens nicht so stark ins Gewicht fallen und zweitens leichter zu korrigieren sind. Stabilität und Fortschritt sind umso weniger gegenläufige Ziele, je langfristiger der relevante Zeithorizont gewählt wird. Langfristigkeit abstrahiert von Krisen, statt sie zum alleinigen Maßstab politischen Handelns zu machen. Sie reduziert den „Lärm“ und stärkt das „Signal“ und bietet dadurch Orientierung, was wiederum zu stabilen Erwartungen führt.
Langfristigkeit erzeugt außerdem Mut und Optimismus. Man ist eher bereit, Gewohntes aufzugeben, um Neues zu gewinnen. Kurzfristigkeit führt zu Verlustängsten. Verzicht aber ist kein Verlust, denn er rationalisiert sich durch positive Zukunftserwartungen. Worauf lässt sich verzichten? – ist daher eine wichtige Zukunftsfrage, denn sie erleichtert die Entscheidung, von Altem loszulassen.
Die Illusionen und Fallen der Kurzfristigkeit
Heutzutage ist Langfristigkeit als wirtschaftspolitisches Prinzip fast vollständig abhandengekommen. Politik und Gesellschaft denken immer kurzfristiger. Durch die extreme Aufmerksamkeitsökonomie in den Medien wird das politisch und gesellschaftlich relevante Zeitintervall stark verkürzt. Die Politik sieht sich ständig gefordert, einzugreifen und zu handeln. Doch dahinter steht in Wahrheit eine zeitliche Täuschung über die tatsächliche Relevanz von Problemen. Die Krise wird zu einem statistischen Artefakt: Wählt man ein sehr kurzes Zeitintervall, stellt sich fast jede beliebige Zeitreihe als äußerst volatil dar. Je größer man das Zeitintervall jedoch macht, desto weniger relevant werden die kurzfristigen Ausschläge gegenüber dem langfristigen Trend. Krisen werden zu „weißem Rauschen“.
Je kurzfristiger Entscheidungen sind, desto weniger sind sie geeignet, die Zukunft nachhaltig zu gestalten. Wer nur noch reaktiv handelt, ist gezwungen, immer kurzfristiger zu handeln, weil die Handlungsmöglichkeiten weniger und inkrementeller werden. Unsicherheit ist keine Eigenschaft der Zukunft, sondern die Folge eines Mangels an Gestaltung in der Gegenwart. Der einzige Weg, den Teufelskreis der Kurzfristigkeit zu durchbrechen, besteht darin, den Mut aufzubringen, wieder langfristige Entscheidungen zu treffen.
Die Kurzfristigkeit wird darüber hinaus verschärft durch zwei charakteristische Phänomene unserer Zeit: Regulierung und Populismus. Übermäßige Regulierung unterdrückt durch zu enge Kontrolle langfristiges unternehmerisches Handeln, Populismus verkürzt durch die Fixierung auf Verteilungskonflikte und Kulturkämpfe den Zeithorizont politischen Handelns. Alternativlose Politik ist immer eine, die bereits zu spät dran ist. Sie handelt unter Zwängen und Zielkonflikten, die sie vorausschauend hätte auflösen können. Der beste Zeitpunkt, zu langfristiger Politik zurückzukehren, ist daher immer: jetzt.
Politik muss langfristiger werden, um Reformen überhaupt durchsetzen zu können
Wenn die Politik heute kaum noch Reformen durchsetzen kann, so hat dies wesentlich mit fehlender Langfristigkeit zu tun. Die diskutierten Reformen sind ohne hinreichenden und überzeugenden Zukunftsbezug. Zudem sie sind nicht in der Lage, den Zusammenhang zwischen der Notwendigkeit heutiger Reformen und ihren zukünftigen Wohlfahrtswirkungen zu erklären. Die Erklärung fällt auch deshalb schwer, weil das Referenzszenario für Reformen ja nicht die (noch bequeme) „Gegenwart ohne Reformen“, sondern eine (noch hypothetische) „Zukunft ohne Reformen“ ist. Die politische Logik versteht Reformen immer als eine Veränderung des Status quo, wodurch sie zu einer Finanzierungs- und Lastenverteilungsfrage statt zu einer Zukunftschancenfrage werden.
So führt am Ende kein Weg daran vorbei, dass die Politik die Kraft finden muss, gegen den starken Anreiz zur Kurzfristigkeit wieder langfristig zu handeln. Die Kosten langfristiger Politik sind geringer als gemeinhin vermutet. Wer langfristig handelt, kann schon die Gegenwart positiv verändern und darüber hinaus Politik überzeugender begründen.
Der Verlust der Langfristigkeit hat in den heutigen Demokratien dazu geführt hat, dass die Zukunft schleichend unattraktiver geworden ist. Eine gute Zukunft ist immer das Ergebnis von vorausschauender Politik über längere Zeiträume. Die drängenden Zukunftsfragen von heute dürfen nicht wie Krisen behandelt werden. Die Bundesregierung muss daher von ihrer Politik in „Echtzeit“ zu einer Politik mit dem „Zukunftsfaktor fünf“ übergehen: Die Entscheidungen in den vier Jahren ihrer Amtszeit müssen die Weichen stellen für die kommenden zwanzig Jahre – in Infrastruktur, Technologie und Bildung.“
Prof. Dr. Henning Vöpel
Vorstand Stiftung Ordnungspolitik
Direktor Centrum für Europäische Politik
Quelle: cep
