Von einer „Berufung“ zu sprechen, hat im modernen Diskurs Hochkonjunktur, doch das Wort ist tückisch, da es gefährlich zwischen dem hehren Ideal des demokratischen Kontrollorgans und dem messianischen Eifer eines Predigers changiert. Der deutsche Journalismus befindet sich in einer tiefen Identitätskrise, weil er diese beiden Pole fatal miteinander verwechselt. Aus der vierten Gewalt, deren Kernaufgabe die distanzierte, handwerkliche Analyse der Realität ist, ist eine sozial homogene und ideologisch verengte Kaste der Volkserzieher geworden, was letztlich kein kritischer Journalismus mehr ist, sondern ein strukturelles Versagen, das die demokratische Debattenkultur nicht schützt, sondern spaltet.
Die soziologische Betrachtung der deutschen Redaktionen offenbart in diesem Kontext ein massives Repräsentationsdefizit, denn während der Journalismus einst ein Beruf für Außenseiter, Abenteurer und Quereinsteiger war – ein raues Handwerk, das die tatsächliche Vielfalt der Gesellschaft spiegelte –, ist der Zugang heute rigide kodifiziert. Der Weg in die Leitmedien führt fast ausnahmslos über ein geisteswissenschaftliches Studium und unbezahlte oder prekäre Praktika in den teuren Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München, gefolgt von einer elitären Journalistenschule. Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Michael Meyen analysiert diese Entwicklung scharf und spricht von einer zunehmenden Entfremdung, da sich der Journalismus von den Lebenswelten der Mehrheitsbevölkerung entkoppelt habe und diejenigen, die heute in den Redaktionen sitzen, vor allem die Werte und Sichtweisen des akademischen Bildungsbürgertums reproduzieren. Dieses System filtert systematisch aus, wer es sich nicht leisten kann, monatelang ohne nennenswertes Einkommen in Berlin-Mitte zu überleben, sodass Arbeiterkinder, Handwerker oder Menschen aus dem ländlichen Raum in den Redaktionen eine rare Spezies bleiben. Diese soziale Inzucht führt zu einer kollektiven Betriebsblindheit, bei der die Lebensrealitäten, Sorgen und ökonomischen Ängste der Mehrheitsbevölkerung nicht mehr abgebildet, sondern aus der Perspektive einer abgehobenen Komfortzone heraus bewertet und oft garniert mit einer spürbaren moralischen Herablassung betrachtet werden.
Gleichzeitig ist es das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Branche, dass die politische Landschaft der Redaktionen keine Pluralität, sondern eine Monokultur darstellt. Wissenschaftliche Erhebungen zeichnen hierzu ein extremes Bild, denn bereits die „Journalismus-in-Deutschland“-Studie des Instituts für Publizistik in Mainz sowie Langzeituntersuchungen der Universität Hamburg zeigten einen drastischen Links-Drall, der besonders evident bei Umfragen unter den Volontären des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurde, bei denen regelmäßig über 90 Prozent der angehenden Journalisten angaben, die Grünen, die SPD oder Die Linke zu wählen. Das konservative, wirtschaftsliberale oder gar rechts-konservative Spektrum existiert in weiten Teilen der Kernredaktionen schlicht nicht mehr, weshalb der Medienökonom Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl vor den systemischen Folgen dieser Homogenität warnt: Wenn die journalistische Elite politisch so einseitig schlägt, schwindet die Fähigkeit zur Selbstkritik, und es entsteht ein Bestätigungs-Fehler, bei dem abweichende Fakten und Argumente gar nicht mehr wahrgenommen oder sofort moralisch diskreditiert werden.
An die Stelle des klassischen Handwerks ist dadurch das Elend des sogenannten „Haltungsjournalismus“ getreten, und der berühmte Satz von Hanns Joachim Friedrichs, dass sich ein guter Journalist nicht mit einer Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten, wird von einer neuen Generation von Medienschaffenden als veraltet verhöhnt. Viele Journalisten begreifen ihre Berufung nicht mehr darin, zu informieren, sondern die Gesellschaft zu transformieren, womit sie das Publikum erziehen und zu einem vermeintlich richtigen Wahlverhalten, zum Gendern oder zum Verzicht bewegen wollen. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, kritisierte diese Fehlentwicklung in der eigenen Branche treffend und konstatierte, dass es heute im Journalismus eine gefährliche Neigung zum Konformismus und eine Lust am Belehren gebe, bei der viele Kollegen die Rolle des Berichterstatters mit der des Missionars verwechseln, was letztlich der Tod der Glaubwürdigkeit sei. Aus Journalismus wird somit Pädagogik, doch ein Publikum, das sich belehrt fühlt, reagiert unweigerlich mit Abwehr, und wenn Medien nicht mehr beschreiben, was ist, sondern vorschreiben, was zu denken ist, mutieren sie vom Chronisten zum Propagandisten.
Die Konsequenz dieser Entwicklung ist eine verhängnisvolle Synchronität der Berichterstattung, bei der in großen Krisen beobachtet werden kann, wie die Leitmedien im Gleichschritt marschieren und der Eindruck eines medialen Kartells entsteht, das jedoch nicht auf geheimen Absprachen basiert, sondern darauf, dass die Akteure aus derselben sozialen Schicht stammen, dieselbe Agenda teilen und die gleichen Narrative bedienen. Diese Homogenität treibt ein immer größeres Segment der Bevölkerung in die Arme von alternativen, oft populistischen Medienstrukturen, denn wenn die etablierte Presse legitime, konservative oder systemkritische Positionen aus dem Diskurs verbannt, verliert sie ihr Monopol auf die Wahrheit, wodurch der Vertrauensverlust kein Produkt von Manipulationen von außen, sondern das Resultat einer hausgemachten Arroganz von innen ist. Journalismus braucht Leidenschaft, aber er braucht vor allem handwerkliche Askese, und wenn er eine Berufung sein will, dann die Berufung zur radikalen Aufklärung, zur Distanz und zur Demut vor den Fakten. Die Branche muss ihre intellektuelle Bequemlichkeit ablegen und aufhören, sich hinter dem Schutzschild der guten Absicht zu verstecken, denn nur wenn Redaktionen wieder sozial diverser werden, wenn sie den Mut aufbringen, echte politische Kontroversen im eigenen Haus zuzulassen und auszuhalten, und wenn sie den Leser wieder als mündigen Bürger statt als zu erziehendes Kind begreifen, werden sie ihre Existenzberechtigung als vierte Gewalt zurückerlangen – oder hat der Journalismus in seinem pädagogischen Eifer schlicht verlernt, neutral zu sein, weil „Haltung“ in Krisenzeiten zur bequemen Pflicht erhoben wurde?
Die Folge dieser Entwicklung ist kein Verlust politischer oder institutioneller Autorität, sondern eine schrittweise Erosion der publizistischen Glaubwürdigkeit. Medien verlieren nicht ihre Macht im klassischen Sinne, sondern ihre Funktion als allgemein anerkannte Referenzinstanz öffentlicher Orientierung.
In dem Maße, in dem sich Deutungsrahmen angleichen und kritische Distanz durch normative Selbstgewissheit ersetzt wird, entsteht ein öffentlicher Raum, in dem Vertrauen nicht mehr selbstverständlich gegeben ist, sondern zunehmend zur Ausnahme wird. Nicht die Existenz von Medien steht dabei infrage, sondern ihre Fähigkeit, unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven glaubwürdig abzubilden, ohne sie vorschnell in ein vorgeprägtes Werteschema einzuordnen
Autor:
H o s s e i n – Z a l z a d e h
Wissenschaftliche Quellen und Referenzen
