Psychologie der Hoffnung

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Die Hoffnung war seit Jahrtausenden das Metier der Theologen, Philosophen und Dichter. Die Bibel ist reich an „Hoffnungsquellen“, Cicero pries die Hoffnung und in den letzten Jahrhunderten widmeten sich Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Sören Kierkegaard, Friedrich Nietzsche und Ernst Bloch ausgiebig dem Phänomen Hoffnung. Die Psychologie hingegen hatte sehr lange eine skeptisch-zurückhaltende Haltung zur Hoffnung. Sigmund Freud war ein pessimistischer Mensch. Selbst seine Krebserkrankung nahm er stoisch, fatalistisch und negativistisch hin (Csef 2016, 2017). Für Hoffnungen war da kein Platz. Für Verhaltenstherapeuten war die Hoffnung zu vage und zu schwer operationalisierbar.

Vor mehr als 20 Jahren publizierten die beiden Psychologen Philipp Hammelstein der Universität Heidelberg und Marcus Roth der Universität Leipzig eine sehr interessante Übersichtsarbeit, in der sie die deutsche Fachwelt darauf aufmerksam machten, dass die Hoffnung für die Praxis der Psychotherapie zu Unrecht noch „ein vernachlässigtes Konzept“ sei (Hammelstein & Roth 2002). Sie postulierten weiterhin, dass eine stärkere Integration des Phänomens Hoffnung in zeitgenössische psychotherapeutische Behandlungskonzepte sehr erfolgversprechend sein könnte. Dabei gaben sie einen umfassenden Überblick über zahlreiche psychologische Konzepte zur Hoffnung sowie über viele Testverfahren und Erhebungsinstrumente hierzu. Die von den Autoren gewünschte Integration oder Transformation blieb leider aus.

Aktuelle Krisen und neue Sensibilität für Vulnerabilität und Hoffnung

Seit einigen Jahren hat sich nicht nur die psychische Verfassung der Menschen, sondern auch die kollektive Stimmung stark verändert. Statt von „blühenden Landschaften“ und permanentem Wirtschaftswachstum zu träumen, kam jetzt der jähe Absturz in eine Abwärtsspirale mit apokalyptischen Visionen. Während früher Eltern wünschten, ihre Kinder sollten es mal besser haben als sie – jammern heute die Kinder, ihnen würde es mal schlechter gehen als ihren Eltern. Die Wirtschaftsprognosen signalisieren Krise und Wirtschaftsabschwung sowieNiedergang statt Wachstum. Das neue Jahrtausend begann mit vielen Krisen und Katastrophen. Im September 2001 waren die verheerenden Terroranschläge von 9/11 in New York. Es folgten Kriege im Nahen Osten, vor allem im Irak, Afghanistan und Syrien. In den Jahren 2019 bis 2022 wurde die globale Welt durch die Corona-Pandemie erschüttert. Im Jahr 2022 begann der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und seit 2025 gibt es mehrere Kriege im Nahen Osten. Und über allem ist seit Jahren wie ein Damoklesschwert die unbewältigte Klimakrise. Diese Krisenstimmungen haben sich massiv in der Psyche der Menschen manifestiert: Die Prävalenzzahlen von Depressionen und Ängsten nahmen zu – vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Durch die verschiedenen Flucht- und Migrationsbewegungen stieg die Zahl der traumatisierten Menschen. Diese aktuellen Herausforderungen führten dazu, dass sich die Psychologie vermehrt für das Phänomen Hoffnung interessiert und antizipiert, dass Hoffnung ein „kluges Verhältnis zur Welt ist“ (Blom 2024). Bei allen Bedrohungen und Krisen bleibt die Hoffnung ein Garant für die „Wunschbilder des erfüllten Augenblicks“, die Ernst Bloch in seinem Buch „Das Prinzip Hoffnung“ anvisiert hat (Bloch 1985). Hoffnung steht „trotz allem“ für das Gute und das Mögliche.

Angst und Hoffnung – Vulnerabilität und Resilienz

Angesichts der oben beschriebenen Krisenstimmung tauchen in der Diskussion vermehrt zwei Gegensatzpaare auf, die in einer antagonistischen Wechselwirkung zueinanderstehen. Krisen und Unsicherheiten erzeugen bei den meisten Menschen Angst. Hoffnung gilt in der Psychologie als einer der wirksamsten Gegenspieler der Angst. Während die Angst die Bewältigungsmöglichkeiten lähmt, kann Hoffnung dieselben aktivieren und steigern. Hoffnung fördert die psychische Widerstandskraft und gilt deshalb als ein sehr wirksamer Resilienzfaktor.

Vulnerabilität und Resilienz sind zwei weitere antagonistische Kräfte (Csef 2025). Die Vulnerabilität betont die gegebene Verletzlichkeit von Individuen, Gruppen oder Gesellschaften. Vulnerabilität ist die Summe aller Faktoren, die Menschen schwach, angreifbar und verwundbar machen. Den Gegenpol dazu bildet die Resilienz, die psychische Widerstandskraft. Sie trägt dazu bei, dass Menschen gesund bleiben oder Krisen und Traumata erfolgreich bewältigen können.

 Amerikanische Psychologen „entdecken“ die Hoffnung

Mit Jonathan Lear (2020), Adam Grant (2024) und Jamil Zaki (2025) haben aktuell drei sehr renommierte Forscher der Psychologie aus den USA die Bedeutung der Hoffnung für die Psychotherapie hervorgehoben. Der kürzlich verstorbene Philosoph und Psychoanalytiker Jonathan Lear (1948 – 2025) hat sich in seinem eindrucksvollen Lebenswerk besonders der Bedeutung der Hoffnung für die Psychoanalyse gewidmet. Lear war Philosoph und machte nach seinem erfolgreichen Philosophieabschluss eine psychoanalytische Ausbildung. Er war international angesehener Psychoanalytiker, seine Arbeiten wurden in der deutschsprachigen Psychoanalyse-Zeitschrift „Psyche“ übersetzt. Fast 40 Jahre war er Professor an den Universitäten Yale und Chicago. Mit 76 Jahren hielt er im Mai 2024 am DPG-Kongress mit dem Tagungsthema „Zwischen Angst und Hoffnung“ einen Vortrag. Er gab ihm den Titel „Vulnerabilitäten für Bedeutung und die Wechselfälle von Hoffnung und Dankbarkeit.“ (publiziert in Pioch et al 2025).  Etwa ein Jahr später ist er in Chicago gestorben. Sein Bestseller „Radikale Hoffnung“ bezieht sich auf Überleben, Befreiung, Zugehörigkeit und sozialen Aufstieg im Angesicht kultureller Zerstörung (Lear 2020). Er schrieb kurz vor seinem Tod auch über Hoffnungen angesichts der Corona-Pandemie. Lear geht von der Vulnerabilität des Menschen aus und sucht humane Lösungswege, die Ethik, Moral, Tugenden und soziale Solidarität einbeziehen.

Jamil Zaki (2025) hat einen ähnlichen Ausgangspunkt wie Lear für seine Psychologie der Hoffnung. Er geht von den kollektiven Krisen aus. Er diagnostiziert einen grassierenden destruktiven Zynismus, einen gesamtgesellschaftlichen Vertrauensverlust und eine Spirale der Negativität. Einen Ausweg aus der Krise sieht der darin, dass durch Empathie, Hoffnung und neugewonnenes Vertrauen wieder ein besseres Miteinander, Solidarität und ein Gemeinschaftssinn entstehen.

Im Unterschied zu Lear und Zaki fokussiert Adam Grant die Hoffnung als Resilienzfaktor und würdigt sie als Weg zur erfolgreichen Selbstentfaltung. Grant ist ein sehr einflussreicher Wirtschafts- und Organisationspsychologe und Professor an der angesehenen Wharton School der University ofPennsylvania. Seine Bestseller sind in 45 Sprachen übersetzt und er kommuniziert seine Ergebnisse über Podcasts und Newsletters mit großer Reichweite. Für Grant ist Hoffnung wie ein Treibstoff, eine Energiequelle, eine Ressource und ein Katalysator. Sie aktiviert die Menschen positiv und stimuliert die angelegten Fähigkeiten des Individuums. Hatte Grant anfangs überwiegend den beruflichen Erfolg im Blick, so interessiert ihn heute mehr die individuelle Lebensgestaltung und Selbstentwicklung. Die Förderung von Motivation, Kreativität, Flexibilität und Selbstwirksamkeit sind für ihn die „hoffnungsvollen Faktoren“.

Unterschiede von Optimismus undHoffnung

Der Optimismus wird von vielen Wissenschaftlern wie sein Antipode Pessimismus dem Temperament zugeschrieben und soll deshalb eine höhere genetische und neurobiologische Komponente haben (Roth 2016). Der Pionier der Positiven Psychologie, Martin Seligman, bevorzugte ihn und führte ihn bereits vor vier Jahrzehnten verstärkt in dieDiskussion ein. Forscher unterscheiden einen „blinden“ oder „realistischen Optimismus“. Der erstere blendet alles Negative aus („rosarote Brille“, „Alles wird gut“), während der letztere kritisch und mit Realitätssinn auch negative Möglichkeiten und Entwicklungen mit einbezieht. Für Adam Grant hat die Hoffnung einen intensiveren Zukunftsbezug und aktiviert stärker die Handlungsbereitschaft des Individuums (Grant 2024). Hoffnung suche aktiv nach Lösungen, mobilisiere neue Energien und gewinne psychosoziale Ressourcen. Dabei bestehenein vertieftes Bewusstsein und eine Offenheit für mögliche Hindernisse und schwierige Umstände, die der Hoffnungsvolle mehr habe als der Optimist. Für den Hoffnungsvollen sei die Bewältigung von Schicksalsschlägen, Traumata oder Krisen „kein leichtes Spiel“, sondern eine große Herausforderung, deren Ausgang offenbleibt wie die Zukunft selbst.

Hoffnung für Krebskranke – neue Wege in der Psychoonkologie

Der hoffnungsvoll Krebskranke erwartet nicht unbedingt, dass er geheilt wird. Er bezieht ein, dass die Krebsbehandlung schwierig, schmerzvoll und nebenwirkungsreich sein kann. Er erhofft sich vielleicht eine gute und würdige letzte Lebensphase gemeinsam mit den ihm wichtigsten Menschen. Er lebt sinngemäß unter dem Motto, das der tschechische Staatsmann und Schriftsteller Vaclav Havel formuliert hat:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Die erfolgreiche Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933 – 1973), die jahrelang mit ihrem Brustkrebs gerungen hat und schließlich daran starb, drückte dies wie folgt aus: „Die geliebte, die verfluchte Hoffnung“ (Reimann 1983). Die Psychotherapeutin Rittweger hat jahrelang am Universitätsklinikum Halle Krebspatienten betreut und die Ergebnisse ihrer Dissertation darüber als Buch publiziert. Sie beschreibt darin die „Hoffnung als existentielle Erfahrung“ (Rittweger 2007).

Die Psychoonkologie widmet sich besonders der Verbesserung der Krankheitsverarbeitung (Coping) und der Psychotherapie von Krebskranken. An allen deutschen Universitätskliniken gibt es psychoonkologische Arbeitsgruppen, die meistens in das Fachgebiet Psychosomatik integriert sind. Viele onkologische Kliniken haben eine eigene Psychoonkologie. Dieses wichtige Gebiet ist im stationären Versorgungsbereich in Deutschland sehr gut implementiert. Bettina Hitzer forschte am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin über die Emotionsgeschichte der Krebskrankheit. In ihrem mehr als 500 Seiten umfassenden Buch erhielt die Hoffnung ein eigenes Kapitel (Hitzer 2020). Angst, Hoffnung und Sinnfragen haben eine besondere Bedeutung, wenn die Krebserkrankung nicht mehr heilbar ist und in der Palliativmedizin (Csef 1996, 2006, 2009). Das jahrzehntelange Erfahrungswissen im Umgang mit Krebskranken ist im „Handbuch Psychoonkologie“ (Mehnert & Koch 2016) überzeugend aufgezeigt.

Hoffnung in der modernen Psychoanalyse in Deutschland

Die oben beschriebenen neuen psychologischen Werke zur Hoffnung von Jonathan Lear, Adam Grant und Jamil Zaki sind erst vor kurzem erschienen, haben jedoch eine große Resonanz und Reichweite. Über das Buch „Radikale Hoffnung“ von Jonathan Lear (2020) erschienen zahlreiche Rezensionen und kurz nach der Publikation eine TV-Sendung darüber in der ARD. Diese Impulse mögen dazu beigetragen haben, dass sich die Psychoanalyse jetzt verstärkt der Hoffnung widmet. Die Zeitschrift „Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse“ widmete in ihrer Ausgabe 9-10 des Jahrgangs 79 (2025) der Hoffnung ein eigenes Schwerpunktheft mit dem Titel „Hoffnung in der Krise?“

Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) gab im Jahr 2024 ihrem Jahreskongress das Thema „Zwischen Angst und Hoffnung. Psychoanalyse in Zeiten gesellschaftlicher Krisen“. Der Psychoanalytiker Herbert Will stellte dabei ein interessantes Prozessmodell der Hoffnung vor. Darin betont er die Vergänglichkeit der Hoffnung als ein wesentliches Charakteristikum: „Sie kann immer wieder verloren gehen und wiedergewonnen werden.“ (Will 2025).

Literatur

Bloch, E. (1985). Das Prinzip Hoffnung. Werkausgabe Band 5. Suhrkamp, Frankfurt am Main

Blom, P. (2024). Hoffnung. Über ein kluges Verhältnis zur Welt. Carl Hanser Verlag, München

Csef, H. (1996). Neuere Entwicklungen der supportiven Psychotherapie mit Krebskranken. Psychotherapeut 41, 95-98.

Csef, H. (2006). Angst und Krebs. Erfahrungen aus der Psychoonkologie. Psychotherapie und Seelsorge 1, 20-24.

Csef, H. (2009). Die Frage nach dem Sinn in der Palliativsituation von Krebskranken. Existenzanalyse 26, 12-19.

Csef, H. (2016). Sigmund Freud und Thomas Mann als Krebskranke. Eine vergleichende Darstellung ihrer Krankheitsverarbeitung. Psychodynamische Psychotherapie. Forum der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie 15, 75-79.

Csef, H. (2020). „Existenz auf Kündigung.“ Zur Sterbehilfe beim Krebskranken Sigmund Freud. Suizidprophylaxe 47 (1), 16-19.

Csef, H. (2025). Zwischen Vulnerabilität und Resilienz. Struktur und Dynamik der vulnerablen Gesellschaft. Soziologie Heute, Oktober 2025, 14 -17.

Grant, A. (2024). Hidden Potential – Die Wissenschaft des Erfolgs. Piper, München.

Hammelstein, P., Roth, M. (2002). Hoffnung – Grundzüge und Perspektiven eines vernachlässigten Konzeptes. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie 23 (29), 191 – 203.

Hitzer, B. (2020). Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Klett-Cotta, Stuttgart.

Lear, J. (2020). Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung. Suhrkamp, Berlin.

Mehnert, A., Koch, U. (Hrsg.) (2016). Handbuch Psychoonkologie. Hogrefe, Göttingen.

Pioch, E., Hauenschild, L., Meinert, K., Mühlinghaus, I., Watzel, T. (Hrsg.) (2025). Zwischen Angst und Hoffnung. Psychoanalyse in Zeiten gesellschaftlicher Krisen. Psychosozial Verlag, Gießen.

Reimann, B. (1983). Die geliebte, die verfluchte Hoffnung. Tagebücher und Briefe 1947 – 1972. Verlag Neues Leben, Berlin.

Rittweger, J. (2007). Hoffnung als existenzielle Erfahrung am Beispiel onkologischer Patienten in der Strahlentherapie. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig.

Roth, G. (2016). Vulnerabilität und Resilienz sind neurobiologisch verankert. Deutsches Ärzteblatt PP, 10, 453-454.

Will, H. (2025). Hoffen heißt, sich verzaubern lassen. Ein psychoanalytisches Prozessmodell der Hoffnung. In: Pioch, E., Hauenschild, L., Meinert, K., Mühlinghaus, I., Watzel, T. (Hrsg.) (2025). Zwischen Angst und Hoffnung. Psychoanalyse in Zeiten gesellschaftlicher Krisen (S. 237-248). Psychosozial Verlag, Gießen.

Zaki, J. (2025). Hoffnung und Skepsis. Das erstaunliche Wissen vom Guten im Menschen. Klett-Cotta.

 Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email:  herbert.csef@gmx.de

 

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.