Céline Krestel: „Shaftesburys Philosophie“ – Buchrezension zur Moralphilosophie der Aufklärung

Lausbergs buchtipp

Bild von Susanne Jutzeler auf Pixabay.

»Warum gibt es keine Rosen mehr?« Anstatt vor Sehnsucht nach der schon lange verwelkten Blüte der Philosophie zu vergehen, nimmt der elegante Lord Shaftesbury (1671–1713) die Sache selbst in die Hand: »Propfe dir andere Meinungen auf, wechsle deinen Trieb aus, veredle dich.« Er legt die gepuderte Allongeperücke ab, eine blaue Toga an und stellt sich in der Hoffnung auf eine Renaissance in das Frühlicht der Aufklärung. So manch einem seiner Zeitgenossen ist der träumende Lord ein Dorn im Auge. Was ist es, wovon die Rose träumt?
Wenn Shaftesburys Philosophie eine Rose ist, schwelgten im achtzehnten Jahrhundert die einen in ihrem Duft, während sich die anderen an ihr blutig stachen. Man nannte ihn einen »vernünftigen Moralisten« und einen »Blitz aus der Hölle«, einen »Freund der Antiken« und einen »verrückten Modernen«. In jedem dieser Urteile liegt Wahrheit, denn Shaftesbury spricht grundsätzlich in vielen Stimmen. Nie steht es ihm im Sinn, uns zu erklären, was er denkt. Er will es uns zeigen. Es ist an der Zeit, die Philosophie Lord Shaftesburys in ihrer Gesamtheit zu betrachten, anstatt, wie es heute oft geschieht, den Blick auf den »moral Sense« zu beschränken. Erst dann werden wir dem Reichtum seiner Philosophie begegnen und sehen: Diese Renaissance-Rose überschreitet scheinbar mühelos die Grenzen der Nationen, Kulturen, Fachbereiche und Zeiten.

Schon in der Einleitung gibt die Autorin zentrale Thesen der Interpretation preis: „In seinen Schriften bezieht sich Lord Shaftesbury auf sich selbst, als bezüge er sich auf einen Anderen. Sein Ziel besteht darin, diesen Selbstbezug in mannigfaltigen Formen zu verwirklichen. (…) Unser Philosoph will nicht nur, dass wir sein Denken verstehen, er will, dass wir es erfahren, dass wir es miterleben.“ (S. 18f)

Das Buch besteht gründend auf diesen Thesen auf drei aufeinander aufbauenden Kapiteln.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit den Grundlagen von Shaftesburys Philosophie der Zwiesprache.

Im zweiten geht es um Shaftesburys Philosophie im Hinblick auf die Zeiten der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

Das dritte Kapitel will Klarheit über die Frage nach dem Begriff des „moral sense“ geben. Shaftesburys Philosophie der Entzweiung und Einbettung und das, was uns der Lord noch heute zu sagen hat, ist Teil der Schlussbemerkung.

Die zahlreichen Anmerkungen und das Literaturverzeichnis beschließen das Buch.

So viele Sekundärwerke über die Philosophie Lord Shaftesbury gibt es in deutscher Sprache nicht. Dies ist eine breit angelegte Studie mit vielen Hintergrundinformationen und zeitgeschichtliches Wissen, das mit wenigen Abbildungen auskommt.

Es hilft dabei, die komplexe Persönlichkeit und das nicht gewöhnliche Leben von Shaftesbury und seiner Philosophie zu verstehen und in einen Sinnzusammenhang zu bringen.

 

Céline Krestel: Shaftesburys Philosophie, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2026, ISBN: 978-3-7873-4637-0, 39,90 EURO (D)

Über Michael Lausberg 643 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.