Sechs Stunden Glaube, Vögel und Ekstase: Salzburg wagt Messiaens Opern-Monument

Salzburger Dom, Salzburg, Quelle: werdepate, Pixabay License, Freie kommerzielle, Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

„Saint François d’Assise“ läuft bis 23. August in der Felsenreitschule. Im 800. Todesjahr des heiligen Franziskus wird ausgerechnet eines der sperrigsten Werke des 20. Jahrhunderts zum Festspielereignis.

Kaum ein Komponist des 20. Jahrhunderts hörte so obsessiv auf Vogelgesang wie Messiaen. Er notierte Rufe in der Natur, übertrug sie auf Instrumente und machte sie zu einem eigenen musikalischen Vokabular. In „Saint François“ kulminiert diese Arbeit in der berühmten Vogelpredigt. Das ist keine naive Naturidylle. Für Messiaen waren Vögel Zeichen einer Schöpfung, deren Vielfalt sich menschlicher Ordnung entzieht. Ihre Rhythmen und Tonfolgen sprengen die regelmäßigen Muster europäischer Kunstmusik. Erst in dieser Rückbindung zeigt sich, warum der gegenwärtige Anlass mehr verdient als die schnelle Chronik des Kulturbetriebs.

Eine Oper, die sich der gewöhnlichen Dramaturgie verweigert – Franziskus als Gegenfigur zum beschleunigten Kulturbetrieb

Die Salzburger Festspiele zeigen „Saint François d’Assise“ vom 4. bis 23. August in sechs Vorstellungen. Maxime Pascal dirigiert, Romeo Castellucci verantwortet Regie, Bühne, Kostüme und Licht; Philippe Sly singt Franziskus, Lauranne Oliva den Engel. Die Aufführung dauert ungefähr fünfeinhalb Stunden zuzüglich zweier Pausen. Schon diese Länge macht klar, dass Messiaens Werk nicht auf die schnelle dramatische Zuspitzung zielt.

Die Oper besteht aus acht Bildern. Franziskus begegnet seinen Brüdern, ringt mit Angst, predigt den Vögeln, begegnet einem Aussätzigen, empfängt die Wundmale und stirbt. Äußerlich geschieht weniger als in einer einzigen Stunde Verdi. Innerlich soll sich dagegen eine radikale Veränderung vollziehen. Messiaen interessiert nicht die Biografie des Heiligen in chronologischer Vollständigkeit, sondern einzelne Stationen eines geistlichen Weges. Musik wird zur Zeit, in der Wahrnehmung sich verändern kann.

Vielleicht ist „Saint François d’Assise“ gerade deshalb ein so guter Sommerstoff. Festivals leben oft von Verdichtung: viele Premieren, viele Namen, viele Termine. Messiaens Oper antwortet mit Verlangsamung. Ein Heiliger lernt, einen Aussätzigen zu umarmen, hört Vögeln zu und wartet auf eine Verwandlung, die sich nicht beschleunigen lässt. Das ist religiös, musikalisch und kulturell ein Gegenprogramm zur Gegenwart – und gerade darum aktueller, als es der monumentale Apparat zunächst vermuten lässt.

Messiaen komponierte Vögel nicht als Naturdekoration

Damit berührt das Werk auch eine moderne ökologische Sensibilität, ohne ökologisches Manifest zu sein. Franziskus wird nicht als romantischer Tierfreund verkleinert, sondern als Figur, die Geschöpfe nicht nach ihrem Nutzen hierarchisiert. Im 800. Todesjahr des Heiligen bekommt dieser Aspekt zusätzliche Resonanz. Die Gegenwart liest Franziskus häufig durch Fragen von Armut, Schöpfungsverantwortung und Frieden; Messiaen setzt dem eine extreme musikalische Aufmerksamkeit für das Nichtmenschliche zur Seite.

Messiaen war bekennender Katholik. Seine Musik versucht nicht, diese religiöse Grundlage zu verstecken oder in allgemein spirituelle Unverbindlichkeit aufzulösen. Genau das macht die Oper für ein heutiges Publikum interessant. Sie verlangt, religiöse Erfahrung als ernsthafte ästhetische Kategorie zu behandeln, auch wenn der Zuschauer die Theologie nicht teilt. Es lässt sich die Glaubensgewissheit des Komponisten ablehnen und trotzdem von der Konsequenz beeindruckt sein, mit der er Klang, Farbe und Zeit organisiert.

Das unterscheidet „Saint François“ von vielen modernen Aktualisierungen religiöser Stoffe. Die Oper will Franziskus nicht psychologisch entzaubern. Sie nimmt die Möglichkeit der Heiligkeit als dramatische Voraussetzung an. Für eine säkulare Festspielöffentlichkeit kann das irritierend wirken. Gerade diese Irritation ist produktiv: Kunst muss religiöse Erfahrung nicht erst in Sozialpsychologie übersetzen, um sie diskutierbar zu machen.

Castellucci antwortet mit Bildern auf eine Musik der Überfülle

Romeo Castellucci ist für bildmächtige, häufig körperlich und symbolisch radikale Theaterarbeiten bekannt. Bei Messiaen besteht die Gefahr, dass eine visuelle Ebene mit der ohnehin extrem dichten Partitur konkurriert. Deshalb ist jede Inszenierung dieses Werkes eine Balancefrage: Wie viel Bild verträgt Musik, die selbst bereits Farben zu erzeugen scheint? Wie kann man Stille oder Kontemplation zeigen, ohne sie dekorativ zu verdoppeln? Salzburg macht diese Spannung zum Zentrum einer Großproduktion.

Die Aufführung ist damit mehr als ein repräsentatives Festivalereignis. Sie testet, ob ein Publikum im Jahr 2026 bereit ist, sich für viele Stunden auf eine Musik einzulassen, die weder ironisch noch schnell noch leicht konsumierbar ist. Die Tickets, die prominente Besetzung und der außergewöhnliche Ort liefern Aufmerksamkeit; die eigentliche Provokation liegt in der Dauer. Messiaen zwingt zum Zuhören, wenn die gewöhnliche innere Uhr längst nach dem nächsten Reiz verlangt.

Messiaens Farben und die andere Zeit des Hörens

Messiaen besaß eine ausgeprägte Verbindung von Klang und Farbe. Er beschrieb bestimmte Akkorde in farblichen Bildern und behandelte Harmonie nicht nur funktional, sondern als leuchtende Fläche. In „Saint François“ entstehen dadurch Passagen, die weniger auf ein Ziel zulaufen als einen Zustand entfalten. Für Hörer, die an dramaturgische Beschleunigung gewöhnt sind, kann das wie Stillstand wirken. Tatsächlich verändert sich die Musik oft im Inneren, nicht durch schnelle Handlung.

Gerade darin liegt die Herausforderung der Aufführung. Ein Festivalabend wird üblicherweise nach Höhepunkten erinnert; Messiaen verlangt ein anderes Gedächtnis. Nach Stunden bleiben vielleicht nicht einzelne Melodien, sondern Klangfarben, ein Chorblock, ein Vogelruf oder ein Moment der Stille. Die Oper organisiert Erfahrung eher wie eine Kathedrale als wie einen Thriller: Man durchquert Räume, verliert den Überblick und gewinnt erst im Rückblick eine Vorstellung des Ganzen. Salzburg riskiert mit diesem Werk deshalb nicht nur Länge, sondern eine andere Form von Aufmerksamkeit.  Die Veranstaltung hat ein Ende; die Frage, die sie aufwirft, nicht unbedingt.