Der europäische Markt für Elektroautos wächst kräftig, während die deutsche Fahrzeugproduktion noch immer deutlich hinter früheren Jahren zurückliegt. Die Entwicklung zeigt, dass der Erfolg einer neuen Antriebstechnologie nicht automatisch mit dem Erfolg des Industriestandortes gleichzusetzen ist. Für die deutschen Hersteller wird deshalb immer wichtiger, wo künftig geforscht, entwickelt und produziert wird.
Die Entwicklung der Elektromobilität lässt sich inzwischen mit Zahlen beschreiben, die noch vor wenigen Jahren erheblich optimistischer erschienen wären als die tatsächliche Marktentwicklung, denn im September 2026 nahm die Zahl der neu zugelassenen reinen Elektroautos in Deutschland um 95 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zu, während elektrisch angetriebene Fahrzeuge einschließlich Plug-in-Hybriden inzwischen auf einen Anteil von 45,3 Prozent an sämtlichen Pkw-Neuzulassungen kamen.
Nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie wurden im September rund 88.600 reine Batterieautos neu zugelassen. Seit Jahresbeginn waren es gut 604.000, was gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum einem Anstieg von 58 Prozent entspricht.
Auch international zeigt sich eine zunehmende Dynamik. Reuters berichtete am 19. Oktober, dass die Zulassungen reiner Elektroautos in 17 untersuchten europäischen Märkten im September um 70,3 Prozent gestiegen seien, wobei hohe Ölpreise, staatliche Fördermaßnahmen und ein größeres Angebot vergleichsweise günstiger Modelle eine wichtige Rolle spielten.
Damit gewinnt die Elektromobilität erheblich an Bedeutung, allerdings wäre es wirtschaftspolitisch voreilig, aus diesen Zulassungszahlen unmittelbar auf eine entsprechende Stärkung der deutschen Automobilindustrie zu schließen.
Die Produktion liegt weiterhin deutlich unter dem früheren Niveau
Im September wurden nach Angaben des VDA insgesamt 392.200 Pkw in Deutschland hergestellt, womit die Produktion gegenüber dem Vorjahresmonat unverändert blieb. Von Januar bis September summierte sie sich auf rund 3,03 Millionen Fahrzeuge, vier Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum und etwa 15 Prozent weniger als im vergleichbaren Zeitraum des Jahres 2019.
Auch die Exportzahlen zeigen, dass die Branche weiterhin vor erheblichen Herausforderungen steht. In den ersten neun Monaten wurden rund 2,29 Millionen Fahrzeuge aus Deutschland ausgeführt, ebenfalls vier Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Besonders aufschlussreich ist dabei die Entwicklung der Auftragseingänge, denn während die Bestellungen aus dem Inland im September um vier Prozent stiegen, gingen die Auslandsbestellungen um 16 Prozent zurück. Insgesamt verzeichneten die deutschen Hersteller damit gut 13 Prozent weniger neue Bestellungen als ein Jahr zuvor.
Diese Zahlen deuten auf unterschiedliche Entwicklungen zwischen dem heimischen Markt und der internationalen Nachfrage hin, weshalb die wachsenden Elektroauto-Zulassungen allein kein ausreichendes Bild von der wirtschaftlichen Lage der Hersteller vermitteln.
Der Wandel verändert die industrielle Wertschöpfung
Die deutsche Autoindustrie hat über Jahrzehnte einen erheblichen Teil ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit aus hoch entwickelten Verbrennungsmotoren, komplexen Zulieferketten und einer starken mechanischen Fertigung bezogen. Mit der Elektromobilität verschieben sich jedoch Teile der Wertschöpfung hin zu Batterietechnik, Leistungselektronik und Fahrzeugsoftware.
Diese Veränderung eröffnet neue wirtschaftliche Möglichkeiten, kann gleichzeitig aber bestehende Produktionsstrukturen unter Druck setzen, weil bestimmte Komponenten künftig in geringerem Umfang benötigt werden und neue Technologien andere Kompetenzen sowie erhebliche Investitionen voraussetzen.
Für Deutschland stellt sich deshalb weniger die Frage, ob Elektroautos grundsätzlich eine wirtschaftliche Zukunft besitzen, sondern vielmehr, welcher Anteil ihrer Entwicklung und Produktion langfristig an deutschen Standorten stattfinden wird.
Die Antwort hängt nicht ausschließlich von den Entscheidungen der Automobilhersteller ab, sondern ebenso von Energiepreisen, Arbeitskosten, Forschungsbedingungen, der Verfügbarkeit qualifizierter Beschäftigter und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für neue Industrieanlagen.
Die Politik will zusätzliche Investitionen ermöglichen
Dass die Bundesregierung die industrielle Wettbewerbsfähigkeit stärker in den Mittelpunkt rückt, zeigte sich auch am 20. Oktober bei einer Investorenveranstaltung in Berlin, über die Reuters berichtete. Bundeskanzler Friedrich Merz verwies dort auf zusätzliche Investitionen in Halbleiter, künstliche Intelligenz und andere technologisch wichtige Bereiche und stellte Verbesserungen bei Genehmigungsverfahren und staatlichen Rahmenbedingungen in Aussicht.
Solche Maßnahmen betreffen nicht allein die Automobilindustrie, können für deren langfristige Entwicklung jedoch von erheblicher Bedeutung sein, weil moderne Fahrzeuge zunehmend auf leistungsfähige Halbleiter und komplexe Software angewiesen sind.
Gleichzeitig muss die Politik berücksichtigen, dass internationale Unternehmen Investitionsentscheidungen nach wirtschaftlichen Kriterien treffen und sich industrielle Produktion nicht dauerhaft allein durch staatliche Förderung an bestimmten Standorten halten lässt.
Der Erfolg entscheidet sich nicht an den Zulassungen allein
Die starke Nachfrage nach Elektroautos kann den deutschen Herstellern neue Absatzmöglichkeiten eröffnen, während der internationale Wettbewerb gleichzeitig intensiver wird. Dabei hängt der wirtschaftliche Nutzen für Deutschland davon ab, ob Unternehmen auch künftig einen wesentlichen Teil der Forschung, Entwicklung und Produktion im Inland ansiedeln.
Eine erfolgreiche Transformation müsste deshalb sowohl den Absatz neuer Fahrzeuge als auch die Wettbewerbsfähigkeit der dahinterstehenden industriellen Strukturen berücksichtigen.
Dass immer mehr Menschen Elektroautos kaufen, ist eine wichtige Entwicklung für den Fahrzeugmarkt. Ob die deutsche Autoindustrie davon langfristig im bisherigen Umfang profitieren kann, entscheidet sich allerdings nicht auf den Straßen, sondern vor allem in den Entwicklungsabteilungen, Fabriken und Investitionsentscheidungen der kommenden Jahre.
