Das Land der Preußen mit der Seele suchen

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Moltke, Fichte, Blücher, Hegel. Ein Feldherr, ein Philosoph, abermals ein Feldherr, dann wieder ein Philosoph – kann daraus eine preußische Geistesgeschichte werden, die diesen Namen auch verdient? Ja, und wie!

Neben zwei Philosophen zwei Feldherren, also nach Clausewitz „an der Spitze eines gesamten Krieges oder eines Kriegstheaters stehende“ Generäle? Im veganen, multisexuellen Zeitalter der Realitätsverweigerung aller militärischer Notwendigkeit darf über ein solches Buch wohl nachgedacht werden. Es erweist sich, das sei vorweggenommen, dass dem Autor Andrew Stüve schon mit der Konzeption dieses Buches ein wirklicher Coup gelungen ist.

Die vier Porträts, die der schmucke, handliche Band enthält, sind nicht chronologisch angeordnet. Ein kurzes, erzählerisches Essay eröffnet jeweils das Lebensbild, bevor es um die eigentliche Schilderung geht. So ist der Kammerton – auch Stüve verwendet diesen Terminus – gesetzt. Den Anfang macht Helmuth Karl Bernhard v. Moltke, der Feldherr – der Leser kommt ihm ganz nah. Sieht durch den von Stüve fein gewebten Text hindurch den Feingeist, den sehr zurückgezogenen und bescheidenen, dabei aber höchst gebildeten Mann, der den Frieden liebt und ganz danach lebt. Der aber ganz genau wusste, dass er genau deswegen Feldzüge planen mute. Ein Feldherr, der kein höheres Ziel als den Frieden kennt? Was für eine mutige und ungewohnte Darstellung – nicht aus der heutigen Perspektive, sondern aus der Zeit heraus gesehen. Immerhin: Preußens König erhob Moltke für den von ihm geplanten Feldzug des Jahres 1870, dessen Wendepunkt die Schlacht von Sedan war, in den Grafenstand. Die Härte des Krieges als etwas Edles zu verstehen – selten ist derlei Durchdringung des geistigen Phänomens, das Preußen darstellt, heute andernorts zu hören.

Johann Gottlieb Fichte war ein begeisterter Schüler Kants. Das konnte er sein, weil er ihn verstand. Dieses Verstehen war die Frucht einer ausgezeichneten Bildung, die der junge Fichte genossen hatte, und zwar in Sachsen. Über Preußen hinaus und doch wieder auf Preußen bezogen entwickelt Stüve eine Begründung dafür, dass Deutschland im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zu bekannter Größe wachsen konnte. Die Bildung war für Fichte der Schlüssel, mit dem sich ihm das Kant’sche Universum öffnete – und natürlich hätte auch der große Weltendenker aus Königsberg dieses Buch geschmückt. Höchst interessant ist sodann die Schilderung der Jahre, die Fichte als Professor in Jena verbrachte. Dies vor allem für diejenigen, die den Deutschen Idealismus als eine wichtige Quelle heutiger Werte erachten. Auch die Korporationen, die sich in Jena, Halle und Leipzig entwickelten – die heutigen Corps also –, finden in Fichte einen Zeitzeugen. Stüve unterschlägt diese wichtige Tatsache nicht: auch ein Beleg für die Qualität dieses Buches.

Den „Reden an die Deutsche Nation“ widmet Stüve einen eigenen Unterabschnitt seines Lebensbildes über Fichte. Fein arbeitet r heraus, dass diese Vorträge nicht ohne die Folie der  französischen Besetzung Preußens gedacht werden können. Fichte sprach dabei nicht nur in Preußen und für Preußen, sondern er adressierte seine Worte an alle deutschen Fürsten. Stüve zieht diesen Radius aber noch weiter – er bescheinigt Fichte, und dabei erinnert nochmals an dessen ländliche, einfache Abkunft, den Rang eines europäischen Vordenkers. Die Lobeshymnen der Nachwelt, angefangen von einem Heinrich v. Treitschke, die in fichte einen nationalen Heros sehen wollen, entlarvt er dagegen als Misinterpretationen. Und fein deutet er den Übergang zum nächsten Lebensbild an, indem er anmerkt, dass wenige Wochen vor Fichtes Tod durch eine Typhusinfektion Blücher den Rhein überschritten hatte – die Worte des großen Philosophen hatten begonnen, ihre Wirkung zu entfalten, eine Vollendung deutet sich an.

So elegant, wie Blücher bei der Zollfestung Kaub über den Rhein setzte, um die Truppen Napoleons in tollkühner Art anzugreifen, geht auch Stüve zum nächsten Lebensbild über. Eine gewisse Begeisterung durchzieht dieses Lebensbild des „Marschall Vorwärts“, die leidvollen Seiten des Krieges werden nur am Rande erwähnt. Die Grenze zur Verherrlichung des Militärischen wird berührt, aber nicht überschritten. Eine packendere Schilderung der Freiheitskriege, das ist eben auch zu sagen, las man selten. Und die Parallelitäten der Lebenslinien bei Napoleon einerseits und Blücher andererseits sind verblüffend, Stüve arbeitet sie gut heraus. So wird ablesbar, dass es wesentlich der Geist Preußens war, der aus einem Mecklenburger in schwedischen Diensten – denn das war Blücher zu Beginn seiner militärischen Laufbahn – einen echten Preußen und sodann einen Militärstrategen von europäischem Rang machte. 

In seinem dem Philosophen Hegel gewidmeten Lebensbild flicht Stüve dann die Synthese der vier Abschnitte seines Bandes ein, geschickt wird schon in den Anfangsabschnitt eingewoben, welche Wirkung dieser „dritte preußische Staatsphilosoph“ auf die beiden vorher geschilderten, militärischen Lebensläufe hatte. Am deutlichsten ist bei Hegel das erkennbar, was mit dem Modebegriff „Migrationshintergrund“ richtigerweise gemeint sein kann: Hegel war Württemberger – er hat also innerhalb seines Kulturraumes die Landesgrenzen überschritten, erst nach Franken, dann nach Baden, um nach, 1818, einem Ruf nach Preußen zu folgen.

Interessant die Schilderung der Hegelschen Sicht auf die Geschichte. Stüve legt offen, dass Hegel den Lauf der Welt nach demselben System erklärte wie im Mittelalter die Geschichtssymbolisten; was dabei dem Theologen Gerhoch von Reichersperg das Papsttum war, ist ihm der König von Preußen ein Regent, der als reformierter Fortsetzer des mittelalterlichen Staatswesens den Weg in eine „kultivierte“ Freiheit weist, die Hegel dabei als absolut empfindet, weil er zugleich das regellose und nicht von einer göttlichen Instanz geleitete Staatswesen als für unfrei hält, denn: „Kultur ist immer gleichbedeutend mit religiöser Gestaltungskraft.“ En passant erklärt Stüve auch Arthur Schopenhauers philosophischer Ansatz und erteilt – das vor allem – Marx eine klare Absage, wofür der Oswald Spengler zitiert: „Marx aber denkt Geschichte ohne Staat, Geschichte als Arena von Parteien, Geschichte als Widerstreit wirtschaftlicher Privatinteressen.“ Wo bei Marx der Internationalismus ist, hat bei Hegel das Preußentum seinen Platz, wo bei Marx der Materialismus herrscht, strebt Hegel zum Idealismus. Stüve erklärt sehr schlüssig, dass Hegel zurecht als „preußischer Staatsphilosoph“ bezeichnet wird, und er sagt voraus: „In Hegel Philosophie wird auch das Preußentum weiterleben.“

Auf ein Lebensbild Immanuel Kants hat der Autor verzichtet – eine weise Entscheidung. Der große Königsberger Denker ist universell, er ist Preußens großes Geschenk an die Welt, und sein Denken schwingt ohnehin bei allem vier beschriebenen preußischen Geistesgrößen mit, und dies interessanterweise gerade auch bei den militärisch tätigen Geistesgrößen, Stüwe hat das erkannt. Fast ist dies ein Buch über Kant – ohne Kant.

Die Gestaltung dieses Bandes ist mustergültig. Der Umschlag äußerst schlicht, die graphische Gestaltung ebenso. Auf die heutzutage fast überall zu findenden farbigen Rubrizierungen und farblichen Verunstaltungen wurde komplett verzichtet. Auf kurzatmige Zwischentitel wurde ebenfalls verzichtet, aber ein Lesefaden – andernorts fehlt er meistens – ist erfreulicherweise vorhanden. Mit echter Dankbarkeit stellt der kundige Leser fest, dass dies wirklich ein Buch ist, in dem nicht ständige Aufmerksamkeitshascherei und gestalterische Hypertrophie den Leser stört. Dieses Buch wirkt durch seinen schlicht gesetzten Text. Und nur durch ihn. Bravo! 

Was ist die Leistung dieser preußischen Geistesgeschichte? Sie beschreibt mit erfrischendem Mut, ohne vor dem Zeitgeist einzuknicken, das Beste an Preußens Seele. Hier wird die Synthese zwischen militärischer Strategie und der Philosophie nach Kant, zwischen Schwert und Geist in nachvollziehbarer Weise aufgezeigt. Über den Verstand allein ist Preußen, dieser längst untergegangene Staat, nicht zu begreifen – die Seele Preußens muss auch mit der Seele gesucht werden. Bei Stüve werden Preußenliebhaber – und nicht nur die – fündig. Die Empfehlung lautet daher: sehr lesenswert!

Stüve, Andrew, Schwarz und Weiß – eine preußische Geistesgeschichte, Landtverlag, Berlin 2020, 264 Seiten, geb., Lesefaden, 4 Abb. s/w, ISBN 978-3-948075-16-3, 21 Euro.

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Sebastian Sigler
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Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.