Der ukrainische Dichter Serhij Zhadan im Kampf für Freiheit und Demokratie

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Serjih Zhadan – populärer Dichter, Musiker und Freiheitsaktivist

 Seit zwei Jahrzehnten ist der ukrainische Dichter Serhij Zhadan durch sein politisches Engagement für Freiheit und Demokratie bekannt. Ebenso lange schon besuchte er die deutschsprachigen Länder Deutschland, Schweiz und Österreich. Mittlerweile spricht er gut Deutsch, so dass Interessierte im Internet zahlreiche Interviews mit ihm in deutscher Sprache hören können. Sein erstes Buch ist in deutscher Übersetzung im Jahr 2006 erschienen und im selben Jahr erhielt er den Hubert Burda Preis für junge Lyrik. In den Folgejahren wurde er deutschen Literaturinteressierten durch viele Gastbeiträge, Rezensionen und Interviews in Zeitungen wie NZZ, FAZ, Die Zeit, Die Welt oder der Süddeutschen Zeitung zunehmend bekannt. Die BBC kürte im Jahr 2014 seinen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ als das beste ukrainische Buch des Jahrzehnts (der Jahre 2005 – 2014). In deutscher Übersetzung erschienen aus seiner Feder vierzehn Bücher, darunter fünf Romane und drei Gedichtbände. In der literarischen Welt wird er überwiegend als moderner Lyriker geschätzt. Bei der jungen ukrainischen Bevölkerung ist darüber hinaus als Rockmusiker bekannt und wird bei Festivals begeistert gefeiert. Durch dieses Gesamtmosaik wurde Serhij Zhadan zur Ikone der freiheitsliebenden ukrainischen Jugend.

Seit dem Beginn des erschreckenden Ukraine-Krieges ist Serhij Zhadan zu einer wichtigen Stimme der Ukraine für die deutsche Öffentlichkeit geworden. Trotz Krieg und heftiger Bombardierungen lebt er weiterhin in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Mutig engagiert er sich für sein bedrohtes Volk. Zhadan war schon immer ein politischer Dichter und lebte die meiste Zeit seines Lebens in Charkiw nahe der russischen Grenze. Er spricht gut russisch und kennt sehr viele Ukrainer russischer Herkunft. Der aktuelle Krieg zerreißt ihm das Herz. Die hart umkämpften Fronten spürt er in sich selbst. Gerade deshalb ist seine Stimme so wichtig. Die Tiefe und Bedeutung seiner Worte wird dadurch verstärkt, dass er seit des von Russland angezettelten Krieges mit der Annexion der Krim im Jahr 2014 hervorragende Romane und Gedichte über diesen Krieg geschrieben hat. Er darf deshalb als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dichter Europas gewürdigt werden, die in der Gegenwart die Dämonie des Krieges zur Sprache bringen können und große Literatur dadurch schaffen. Vielleicht wird er dereinst mit dem großen russischen Dichter Tolstoi verglichen werden, der mit seinem Roman „Krieg und Frieden“ ein dichterisches Monument zu dieser existentiellen Herausforderung geschaffen hat.

Von der Orangenen Revolution zum Ukraine-Krieg

 Bereits im Alter von 30 Jahren war Serhij Zhadan ein engagierter Aktivist der Orangenen Revolution im Jahr 2004 in der Ukraine. Zehn Jahre später kämpfte er für die Oppositionellen bei den Demonstrationen am Euromaidan in Kiew. Seit der Annexion der Krim und der Besetzung des Donbass äußert er sich politisch gegen die russischen Besatzer. Zhadan erlebte in Charkiw und Umgebung hautnah die zunehmende Spannung und die immer erbitterter werdenden Kämpfe an der Front. Während sich viele Beobachter im Westen täuschen ließen und euphemistisch von dem Ukraine-Konflikt sprachen, fand er von er von 2014 an deutliche Worte: Es ist Krieg! Er kritisierte schon damals jene, die das Wort Krieg vermieden. Einem von Empörung getragenen Aufsatz in der NZZ gab er den Titel: „Später wird es einmal Krieg heissen.“ Zhadan lag mit seiner Einschätzung vollkommen richtig. Führende deutsche Politiker wie der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz bekannten jetzt acht Jahre später mit großer Beschämung: „Wir müssen eingestehen, dass wir uns geirrt haben“ ist die Überschrift des ganzseitigen Bekenntnisses in der „Zeit“. Und im Untertitel ist zu lesen: „Russlands Überfall auf die Ukraine legt eine lange Reihe deutscher Fehlentscheidungen brutal offen.“  Serhij Zhadan hingegen schrieb von 2014 an Klartext. Seinem der ersten nach der Krim-Annexion folgenden Buch gab er den Untertitel „Gedichte aus dem Krieg“. Es handelt sich dabei um den Gedichtband „Warum ich nicht im Netz bin“ (2015). Der im Jahr 2018 erschienene Roman „Internat“ ist eine eindrucksvolle Beschreibung über das Schreckensszenario des Krieges im Donbass, der auch zu diesem Zeitpunkt noch im Westen deutlich unterschätzt wurde. Andreas Breitenstein schrieb in seiner Rezension über den Roman „Internat“ folgende eindrucksvolle Worte:

„Der Krieg ist eine schwärende Wunde des Sinns, er raubt den Menschen Würde und Persönlichkeit. Wo er einmal zu wüten begonnen hat, verkehrt und zerstört er alles, was dem Dasein Halt und Struktur verleiht. Angst fressen Seele auf.“ (Breitenstein 2018)

In neuesten Gedichtband „Antenne“ (2020) von Serhij Zhandan stehen überwiegend Gedichte über den Krieg. Es sind überwiegend Gedichte gegen den Krieg, also Anti-Kriegsgedichte im besten Sinn (Csef 2022).

In seinem Gedicht „Seit drei Jahren reden wir über den Krieg“ können wir folgende Verse lesen:

Wir haben gelernt, über unsere Vergangenheit zu sprechen

und über den Krieg.

Wir haben gelernt, Pläne zu machen, ausgehend vom

Krieg.

Wir haben Wörter, um unsere Wut zu äußern.

Wir haben Wörter, um unser Mitleid zu äußern.

Wir haben Wörter, um unsere Verachtung zu zeigen.

Wir haben Wörter für Flüche, für Gebete,

Wir haben alle unverzichtbaren Wörter,

um in den Zeiten des Krieges über uns zu sprechen.

Es ist uns sehr wichtig, in Zeiten des Krieges über uns zu

sprechen.

Wir können nicht anders, als in den Zeiten des Krieges über uns zu sprechen.

Wir halten es für fahrlässig, über uns zu schweigen.

Das „posttotalitäre Syndrom“ und die Frage der Verantwortung

In dem Roman „Internat“ drückte der Hauptprotagonist Pascha ein existentielles Grundgefühl der Verlassenheit aus, das Zhadan als typisch für ukrainische Menschen in der postsowjetischen Zeit hält.

Pascha drückt dies mit folgenden Worten aus:

„Wir leben hier doch alle wie im Erziehungsheim, im Internat. Von allen verlassen, aber geschminkt“

Der Romanautor Zhadan kommentiert in einem Interview in der „Welt“ diese Schlüsselszene wie folgt:

Das ist ein posttotalitäres, postkoloniales Syndrom. Wir haben 1991 unseren Staat bekommen, aber wir wussten nicht, wie weiter. Wir haben unser Land nicht gefühlt. Und diese Nichtzugehörigkeit, die Abwesenheit einer Identität hat sich als der Kern unserer Misere erwiesen. Das Problem liegt doch nicht darin, dass es Nationalisten oder Separatisten gibt, sondern darin, dass die Mehrheit der Bevölkerung bis 2014 in einem undefinierten Zustand gelebt hat, in dem man keine Verantwortung übernehmen wollte.“ Zhadan 2018, Interview)

Diese Gleichgültigkeit, Indifferenz und Apathie hat seiner Meinung nach wesentlich zum Ukraine-Konflikt im Donbass beigetragen. Zhadan äußert in dem Interview die Hoffnung, das die Extremsituation des Ukraine-Krieges dazu führen könnte, dass die Ukrainer aufwachen, sich selbst besser kennenlernen, sich selbst finden und eine neue Identität entwickelt.  Vergegenwärtigt man sich aktuell nach den ersten Wochen des Krieges die Solidarität, den Kampfeswillen und die neue Liebe zum Vaterland Ukraine, so könnte die Hoffnung Zhadans in Erfüllung gehen.

Kritik an den Illusionen der Europäer

 Drei Wochen nach dem Einmarsch der russischen Armee am 24. Februar 2022 schrieb Serhij Zhadan einen tiefgründigen Beitrag im „Spiegel“ mit dem Titel: „Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen“. Darin geht er davon aus, wie lange die Europäer die Kriegsgefahr ignoriert haben und wie lange sie sogar das Wort „Krieg“ vermieden haben, für das, was seit acht Jahren im Donbass geschah. Sie sprachen weiterhin euphemistisch von „Ukraine-Konflikt“ statt vom „Ukraine-Krieg“. Selbst als die amerikanischen Geheimdienste vor einem bevorstehenden Einmarsch der zusammengezogenen russischen Truppen warnten, blieben viele Europäer ignorant und hofften, Putin würde dies schon nicht wagen. Dieses Versagen liege in der kollektiven Verantwortung des Westens. Um weiteren Beschönigungen vorzubeugen konstatierte Zhadan im Klartext: „Was hier geschieht ist Völkermord.“ Putins Ziel sei die Zerstörung des ukrainischen Volkes. Die Russen seien gekommen, um zu töten.

Einige Tage nach dem Erscheinen dieses Beitrages war in den Nachrichten zu lesen, dass der Oligarch Abramowitsch als Vermittler tätig war und Putin eine Botschaft des ukrainischen Präsidenten Selenskij überbrachte. Putin soll ihm geantwortet haben: „Sag ihm, ich werde sie alle zerstören!“

Am Schluss seines Beitrages zog Serhij Zhadan folgendes Fazit:

„Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen: Dies ist kein lokaler Konflikt, der morgen zu Ende sein wird. Dies ist der dritte Weltkrieg. Und die zivilisierte Welt hat kein Recht, diesen zu verlieren, wenn sie sich für zivilisiert und unabhängig hält.“

Literatur

Andreas Breitenstein, Die Lehre vom Krieg – Serhij Zhadan begibt sich ins Innere der Kampfzone des Donbass. Neue Zürcher Zeitung vom 18. Mai 2018

Herbert Csef, Gedichte gegen den Krieg – Der ukrainische Lyriker Serhij Zhadan. Tabularasa Magazin vom 31. März 2022

Friedrich Merz, Wir müssen eingestehen, dass wir uns geirrt haben. Die Zeit vom 31. März 2022

 Serhij Zhadan, Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006

Serhij Zhadan, Die Erfindung des Jazz im Donbass. Roman. Suhrkamp, Berlin 2012

Serhij Zhadan, „Später wird es einmal Krieg heissen.“  Neue Zürcher Zeitung vom 29. August 2014

Serhij Zhadan, Mesopotamien. Roman. Suhrkamp, Berlin 2015

Serhij Zhadan, Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte aus dem Krieg. Suhrkamp, Berlin 2015

Serhij Zhadan, Internat. Roman. Suhrkamp, Berlin 2018

Serhij Zhadan, „Wir haben unser Land nicht gefühlt.“ Interview mit Inga Pylypchuk. Die Welt vom 13. März 2018

Serhij Zhadan, Antenne. Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2020

Serhij, Zhadan, Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen. Spiegel vom 18. März 2022

Serhij Zhadan, „Wir leben für die Ukraine weiter.“ FAZ vom 27. März 2022

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Csef_h@ukw.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.