Deutsche Trauerdaten und universalistisch intendierte Weltgedenktage

Gedenktage, Narrative und inkongruente Fakten

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Dank Kirchenkalender endete in den – von Krieg überschatteten – ersten Advenstagen der deutsche Trauermonat November. Dessen Daten inspirierten den Autor Herbert Ammon zu Reflexionen über Sinn, Ästhetik und Begründungen historisch-politischen Gedenkens. Auf der abstrakten Ebene geht es um die politisch-soziale Funktion von dies festae und den entsprechenden Riten in Gesellschaften. Im konkreten Kontext der Gegenwart richtet sich der Blick  ungeachtet aller universalistischen Deklarationen (Weltfrauentag, Weltkindertag, Tag der Menschenrechte usw.) – unterschiedlich fortbestehenden, historisch begründeten nationalen (und/oder nationalstaatlichen) Gedenktage. Herbert Ammon schließt seinen Essay mit einer persönlichen Erinnerung als ein gegenüber den geläufigen „Narrativen“ inkongruenten historischen Detail, das nicht der Vergessenheit anheimfallen soll.

I.

Der traurige Monat November, durchzogen von säkularen (id est zivilreligiösen) und religiösen Gedenktagen, inspiriert zu Reflexionen über Sinn, Ästhetik und Begründungen des Gedenkkalenders. Auf der abstrakten Ebene geht es um die politisch-soziale Funktion von dies festae und den entsprechenden Riten in Gesellschaften. Im konkreten politischen Kontext der Gegenwart richtet sich der Blick auf die Fest- und Gedenktage in den – ungeachtet aller universalistischen Deklarationen (Weltfrauentag, Weltkindertag, Tag der Menschenrechte usw.) – unterschiedlich fortbestehenden, historisch begründeten nationalen (und/oder nationalstaatlichen) Gedenktage.

Die historisch-politisch relevanten Unterschiede sind an beliebigen Daten zu erkennen, nicht zuletzt am Weltgedenktag des 27. Januar, zum Gedenken der Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen an besagtem Januartag 1945. Solange die universalistisch gemeinte Intention, das von deutschen Nationalsozialisten verübte Massenverbrechen für alle Zeit als Mahnung an alle Menschheit zu begreifen, am Selbstverständnis der in diesen Tagen auf acht Milliarden angewachsenen Menschheit vorbeizielt, dürfte der – 1996 von Bundespräsident Roman Herzog in Deutschland proklamierte, anno 2005 von der UNO etablierte –  Gedenktag selbst innerhalb des Westens sehr unterschiedliche Empfindungen und Assoziationen wecken. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges tritt die bittere Ironie kollektiven – realiter selektiven – Gedenkens hervor: Im historischen Selbstbewusstsein der ihre Unabhängigkeit gegen den imperial-russischen Aggressor Putin verteidigenden Ukrainer dominiert das Gedenken des „Holodomor“, des von Stalin exerzierten, millionenfachen Hungertodes in der Ukraine (und in Südrussland).

II.

Die Symbolik des zivilreligiösen Gedenkens korreliert mit der modischen Begrifflichkeit des „Narrativs“ oder der „Erzählung“. Diese wiederum erfährt – in reduktionistischer Gestalt – als „Geschichtspolitik“ ihre ideologische Zwecknutzung. Hinter derlei akademisch aufgeladenen Begriffen steckt nichts anderes als die alte Erkenntnis, dass die Geisteswissenschaften – ein immer weniger geläufiger Begriff – dem jeweiligen Zeitgeist verpflichtet sind, und dass Erkentnisinteresse nicht selten mit Machtverhältnissen verquickt ist. Nicht zuletzt gilt diese Erkenntnis der auf „Narrative“ abhebenden Modeströmung des Dekonstruktivismus. Auch die „große Erzählung“ des westlichen Universalismus bleibt von der Dekonstruktion nicht verschont, mit der Konsequenz, dass nunmehr im Zeichen der „wokeness“ partikulare Narrative universelle Gültigkeit beanspruchen. Als Quintessenz der Debatte ist festzuhalten, dass in Tradition und Wissenschaft inkongruente Fakten, erst recht mindere historische Details zugunsten der dominanten „Erzählung“ geglättet oder ausgelassen werden.

Weitab von akademischen Diskursen, auf der Ebene politischer Realität, erleben wir den Widerspruch zwischen universalistischen Proklamationen und divergierenden Bewusstseinsinhalten im Alltag der zusehends multiethnischen – und/oder multikulturellen – westlichen Gesellschaften. Ein eklatantes Beispiel für ideologische Ungereimtheiten liefert wiederum der Ukrainekrieg: Das – historisch-kulturell begründete – Selbstverständnis der Ukraine als eigenständige, freiheitsliebende Nation wird von deutschen – ansonsten allen nationalhistorischen „Erzählungen“, sprich: Traditionen abgeneigten – Linksliberalen und Grünen als unzweifelhaftes Bekenntnis zur liberalen Demokratie akzeptiert und aufgewertet. Bei einem – von der Kulturstaatssekretärin Claudia Roth persönlich beehrten – Solidaritätskonzert in der Berliner Philharmonie erhob sich bei  Intonation der ukrainischen Nationalhymne andächtig das postnationale, postheroische deutsche Publikum.

Die aktuelle Debatte um fehlgeleiteten Pazifismus und notwendiger Parteinahme in einem „gerechten“ Verteidigungskrieg offenbart das spezifisch deutsche Dilemma: Mit gutem und – unter Verweis auf den Zweiten Weltkrieg – schlechtem Gewissen sollen „wir Deutsche“  uns moralisch erweisen, indem wir der Ukraine hinreichend schlagkräftige Waffen liefern.

III.

Krieg heißt Bereitschaft zu töten, zu verletzen und verletzt oder getötet zu werden. Kriegshandeln ist bereits seit dem Kosovo-Krieg 1999 auch für Deutsche wieder erlaubt, ja – gemäß der damaligen Auschwitz-Rhetorik des Außenministers Fischer und des Verteidigungsministers Scharping – historisch und politisch-moralisch geboten. Seit dem fehlgeschlagenen – politisch sinnlosen – NATO-Einsatz in Afghanistan sind auch wieder deutsche Soldaten als opferbereite Gefallene zu beklagen.

Und auch zu ehren. Am 14. November 2022, dem diesjährigen – terminologisch noch fortbestehenden – Volkstrauertag ehrte die Verteidungsministerin Christine Lambrecht an einer Gedenkstätte, gelegen in Schwielowsee bei Potsdam (!), mit Kränzen die neunundfünfzig in Afghanistan zu Tode gekommenen Bundeswehrsoldaten. Die Gedenkstätte besteht aus einem von einer mit Namen der Toten versehenen Gedenkmauer, davor ein großer Felsblock mit einer Plakette. Die mit Blütenzweigen versehene Tafel trägt diverse Aufschriften. Sie ist dem Gedenken „an unsere toten Kameraden“ gewidmet, das von einer eindeutig christlich-religiösen Formel („In Deine Hände befehle ich meinen Geist“) unterlegt ist. Darunter heißt es in bündnistreuer NATO-Sprache: „Lest we forget“. Ganz unten befinden sich – etwa als Zeichen der Solidarität für die ungezählten afghanischen Opfer der gescheiterten, im Gefolge von  Präsident Joe Biden abgebrochenen demokratischen Befriedungsaktion ? – zwei Zeilen in arabischen Schriftzeichen.

Die Symbolik nötigt zum Nachdenken über deutsches Gedenken bezüglich der jüngsten Vergangenheit und der von multiethnischer Vielfalt geprägten Zukunft: Wie passt derlei zeitgenössisches Gedenken mit der „uns Deutsche“ – nicht etwa alle Bundesbürger –  bedrückenden Geschichte im 20. Jahrhundert zusammen? Lest we forget.

IV.

Der zentrale Gedenktag im deutschen Geschichtskalender ist der 9. November. Der Vorschlag, den Tag zum Nationalfeiertag zu erheben, wurde zugunsten des 3. Oktober, dem Tag der staatlichen Wiedervereinigung 1990, ad acta gelegt. Als Nationalfeiertag hätte sich das betreffende Datum – ungeachtet des deutschen Glückstags anno 1989 – als wenig geeignet erwiesen. Das Gedenken an die  Novemberpogrome im Jahre 1938 überlagert längst wieder die Erinnerung an den Mauerfall. Kein Grund zum Feiern.

Es ist hier nicht der Ort, das Geschichtsnarrativ bezüglich der in ganz Deutschland (samt „angeschlossenem“ Österreich) allgemein verbreiteten Pogromstimmung in jenen Novembertagen 1938 genauer zu beleuchten. Die Quellen und die Bilder dokumentieren die zahllosen Szenen mörderischer Gewalt, von Teilnahmslosigkeit angesichts der vor aller Augen stattfindenden Verbrechen, aber auch von erkennbarer Ablehnung bis hin zu stummem Entsetzen.

V.

Ich habe lange gezögert, die nachfolgene Episode aus dem Leben meiner Eltern öffentlich zu machen. Ich tue dies im Gedenken an meine Eltern sowie aus einer gewissen Verantwortung heraus, ein historisches Detail nicht im Orkus des Vergessens verschwinden zu lassen. Meine Mutter (gest.1992),  erinnerte sich genau an jenen Tag in Duisburg, als mein Vater Dr. Christian Ammon, spätabends von der Arbeit (als Chemiker in einem Industriebetrieb) nach Hause kam und berichtete, in der Stadt und in der weiteren Umgebung des Ruhrgebiets seien die Synagogen in Brand gesetzt worden. Bald werde dies auch „mit unseren Kirchen“ geschehen. Am nächsten Tag, dem 10. November 1938, erlebte er, wie sich der Mob auf den Straßen austobte. Dabei erblickte er eine Bande von Männern, die eine Frau an den Haaren über den Rinnstein zerrte. Er ging auf die Gruppe zu und herrschte sie „als deutscher Offizier des Weltkriegs“ an, von der Frau abzulassen. Von derlei Intervention überrascht, machten sich die Pogromhelden davon, während er der Frau aufhalf.

Mein Vater, ehedem Anhänger der linksliberalen Deutschen Staatspartei, hatte sich nie Illusionen über Hitler und den Nazismus gemacht. In den dreißiger Jahren ventilierte er die Chancen einer Emigration. Er gehörte keiner aktiven Widerstandsgruppe an, bewegte sich indes im Umfeld des Goerdeler-Kreises.  Nach einer Anzeige wegen defätistischer und „wehrkraftzersetzender“ Bemerkungen landete er anno 1943 (?) vor dem Sondergericht Bayreuth, wo er dank Geschick seines Verteidigers mit einem Freispruch davonkam. Zum „Volkssturm“ einberufen, stand er Ende Januar/Anfang Februar 1945 in meiner Geburtsstadt Brieg (Niederschlesien) Posten gegen die anrückende Rote Armee unter General Konjew. Er galt seither als „vermisst“. Nach Rücksprache mit mir verfasste die Mutter in meinem Abiturjahr 1962 die Todeserklärung.

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Über Herbert Ammon 67 Artikel
Herbert Ammon (Studienrat a.D.) ist Historiker und Publizist. Bis 2003 lehrte er Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der FU Berlin. Seine Publikationen erscheinen hauptsächlich auf GlobKult (dort auch sein Blog https://herbert-ammon.blogspot.com/), auf Die Achse des Guten sowie Tichys Einblick.