DEUTSCHLAND, DAS LAND DER HAMSTERER

Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 25 – Notstände werden mutwillig produziert, aus falschem Sicherheitsdenken

Bild von bierfritze auf Pixabay

Aufklärung & Absolutismus:

„Zu Tode gefürchtet ist nämlich auch gestorben.“
„Die Presse“, Wiener Tageszeitung, vom 28. April 2020.

Morgen Abend sollten alle von Euch, die mal wieder richtig auf andere Gedanken kommen möchten, Arte einschalten. Dort läuft „Licht“, der neueste Film der in Berlin lebenden, in Potsdam lehrenden, österreichischen Regisseurin Barbara Albert. Es ist ihr erster Kostümfilm – und ein hochinteressanter, weil er realistisch ist, kein „Sinn-&-Sinnlichkeit“-Kitsch (gegen den natürlich auch nichts zu sagen ist). Dazu eine auf Tatsachen basierende facettenreiche Geschichte über Gefühle im absolutistischen Ständestaat, aus der Zeit Mozarts und jenen Jahren, als parallel zur Französischen Revolution, dem deutschen Idealismus und der Geburt der Romantik auch die Esoterik zurück in die europäischen Gesellschaften kam – in Gestalt des „Mesmerismus“. 

Wer kennt heute noch Franz Anton Mesmer (1734-1815)? Genau! Ist vielleicht auch ganz gut so. Aber in seiner Epoche war der Mann ein Star – als Wunderheiler mittels „Magnetismus“ und Hypnose. Bestenfalls ein Fall von alternativer Medizin, schlimmstenfalls ein esoterischer Scharlatan. Kulturhistorisch ist das aber trotzdem wahnsinnig interessant, weil es etwas erzählt über die traurige Sehnsucht vieler Menschen nach dem Unerklärlichen, Überwissenschaftlichen, der Sehnsucht nach einem Jenseits der Vernunft, die angeblich ja ach so kalt und unsinnlich ist. 

Man kann sich schon vorstellen, was ein Messmer in Corona-Zeiten so alles anfangen würde. Bestimmt hätte er ein paar Tröpfchen für den Hausgebrauch parat und würde per Hypnose ein magnetisches Fluidum um einen errichten, das dem Virus keine Chance lässt – gegen ein paar Taler, versteht sich. So ähnlich wie die Wirte des „Gorki-Park“ im Berliner Weinbergsweg, die gerade munter Wodka-Shots anbieten mit dem Argument: „Hilft gegen Virus!“

Der Hauptstrang der vielen Geschichten, die in „Licht“ enthalten sind, dreht sich aber um Maria Theresia Paradis (1759-1824). Paradis war eine der ganz wenigen Frauen ihrer Zeit, die als Musikerinnen und Komponistinnen arbeiten konnten, und damit auch noch recht guten Erfolg hatten. Und – sie war blind! 

Das war natürlich erstmal schon als solches eine kleine Sensation in den Salons des Rokoko. Einfach famos, zu welchem Talent und Ausdruck dieses arme Geschöpf doch fähig war! Als dann noch der Wunderheiler Mesmer sich ihrer annahm, und sie tatsächlich sehend machte, war dies die Sensation im Wien des Jahres 1777. 

Aber wie konnte das alles sein? Konnte sie wirklich wieder sehen, oder war sie vielleicht nicht blind gewesen? Und nicht nur Mesmer, sondern auch die Paradis infame Hochstapler? Oder war ihre Blindheit am Ende eine psychologische?

Das sind die Fragen, die Barbara Albert entfaltet, und die Andrey Arnold in der Wiener „Presse“ als Reise vom Dunkel in die Dunkelheit durchs Licht beschrieben hat. 

Allemal ist „Licht“, geschrieben von Kathrin Resetarits und produziert von Martina Haubrich und Michael Kitzberger, ein guter und für deutsche Verhältnisse reichlich ungewöhnlicher Film – kein Wunder: die Regisseurin ist ja Österreicherin. In einem tollen Auftritt macht Maria Dragus die Abgründe der Mademoiselle Paradis sichtbar, ohne dass diese an Würde einbüßt, und Devid Striesow spielt den Messmer mit der ihm eigenen Chuzpe dann doch als einen, der auch nur sehen muss, wo er bleibt.

Albert zeigt den Irrsinn, der dieser Zeit, auch eigen war – sie könnte für mein Gefühl etwas mehr Liebe und Pathos in die Epoche investieren, die der Beginn der Moderne und vielleicht doch eine der schönsten und bedeutendsten der Menschheitsgeschichte war, aber das tun die Österreicher eben nicht – und im Vergleich zu so einseitigen wie (am Ende) frech-antiaufklärerischen Polemiken der Filme „Amour Fou“ (Jessica Hausner) und „Angelo“ (Michael Schleinzer) ist „Licht“ eine Liebeserklärung an das Zeitalter. 

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In Corona-Zeiten sieht man diesen Film dann auch noch im Licht (kein Wortspiel) unseres Umgangs mit Medizin: Wir haben die Tendenz, die Naturwissenschaftler zu verklären. Darum wird ein Christian Drosten zum Popstar wie zum Objekt von krassen Aggressionen bis hin zu Morddrohungen

Es ist eine anti-wissenschaftliche, anti-aufklärerische Tendenz, die sich dann leider auch zum Beispiel in einem „FAS“-Text von der eigentlich so geschätzten Julia Encke zeigt, in dem sie die Selbstgewissheit der Großdenker gegen den hübschen Herrn Drosten ausspielt, obwohl der auch nicht ohne Eitelkeit ist. Aber kein Denker, sondern Experte. Das ist anti-intellektuelles Ressentiment – über das wir noch mehr schreiben müssen. 

Und wir haben die Tendenz in Esoterik Zuflucht zu suchen: Die Krise als Chance und alles im Fahrwasser solchen Blödsinns.

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Wenn das Leben wirklich der höchste Wert wäre, dann würden wir auch einen Geiselnehmer foltern, damit dieser das Versteck eines entführten Kindes verrät. Wenn das Leben wirklich das höchste Gut wäre, dann würden wir ein Passagierflugzeug ohne zu zögern abschießen, wenn es von Selbstmordattentätern gekapert auf eine Großstadt zufliegt. Dann würden wir in jedes Auto eine Sperre einbauen, sodass es erst dann losfahren kann, wenn alle Insassen angeschnallt sind (technisch wäre das leicht möglich); dann würden wir in Autos auch eine Sperre einbauen, damit sie innerhalb der Stadt nicht schneller als 30 Stundenkilometer fahren können, und auf einer Autobahn maximal 100 Stundenkilometer. Dies, um mal ein paar Beispiele zu nennen, bei denen wir uns (fast) alle einig sind, dass es höhere Werte gibt als das Leben, erst recht das nur potenziell (!) getötete Leben. 

Daher ist es Polemik und dummer Populismus, so zu tun, als hätte Wolfgang Schäuble (fürs Protokoll: den ich auch noch nie gewählt habe) irgendetwas Empörendes gesagt. Eigentlich hat er uns in seinem „Tagesspiegel“-Interview nur an Selbstverständlichkeiten erinnert, allerdings sind es Selbstverständlichkeiten, über die die Leute nicht gerne reden. 

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Interessant ist, dass Schäuble bei weitem nicht der Erste ist, der diese Gedanken öffentlich äußert. Nur ist unsere Gesellschaft so dämlich, dass es sie offenbar bei Verfassungsrechtlern nicht weiter interessiert. 

Der Staatsrechtler und Rechtsphilosoph Uwe Volkmann hatte Schäuble nämlich die Argumentation geradezu gescripted und ich möchte wetten, dass der Bundestagspräsident das Interview kennt, das Volkmann bereits am 10. April mit Michael Kohler im Deutschlandfunk geführt hat. Unbedingt anhören! 

Darin steht auch das schöne Wort vom „Krankheitsvermeidungsabsolutismus“. Volkmann erklärt darin, dass man dauerhafte und massive Grundrechtseinschränkungen nicht mit dem Hinweis rechtfertigen dürfe, dass dadurch Leben erhalten werde. Denn nicht das Recht auf Leben sei das höchste Gut unserer Verfassung, sondern die Menschenwürde. Im Namen der Würde sei unter Umständen gegen das Leben zu entscheiden.

Kannte Schäuble das, oder kannte er es?

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Ich glaube, man muss sogar über Volkmann hinausgehen: Zum „Krankheitsvermeidungsabsolutismus“ tritt auch noch ein, wie mir scheint, nicht weniger perverser „Todesvermeidungsabsolutismus“. 

Denn eigentlich ist unser überaus luxuriöses Verhältnis zum Sterben und zur vagen Möglichkeit eines Todes durch Corona nur mit unserer Unfähigkeit erklärbar, das Sterben zu akzeptieren, und mit der Möglichkeit, selber zu sterben, angemessen umzugehen. 

Natürlich: Keiner will sterben. Ich auch nicht. Und auch die nette 90-jährige Nachbarin, die noch so rüstig ist, soll nicht sterben. Aber was hilft’s? 

Wollen wir wirklich eine Medizin, die vor allem das Sterben verlängert? 

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Das RKI, das täglich diese tollen Zahlen veröffentlicht und immer passend zum nächsten Termin der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten auch ein paar schlechte Nachrichten parat hat, dieses „Robert-Koch-Institut“ könnte mal anfangen, die Zahl der negativen Tests zu veröffentlichen. Oder die zu testen, die gesund zu sein scheinen. Dann hätte man neben den vielen „Infizierten“, deren Zahl immer steigt, weil man nicht die herausrechnet, die längst genesen sind, auch die (bisher) „Nicht-Infizierten“ – das würde das Bild relativieren. 

Würde aber nicht in das Bild passen, das die Regierenden gern erzeugen möchten. 

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Allemal: Ein Pflegenotstand besteht zur Zeit in Deutschland nicht. Im Gegenteil: Nachdem die Deutschen privat Klopapier, Nudeln und Dosenravioli gehamstert haben, hamstert die Regierung nun Intensivbetten. Man weiß ja nicht, wozu man die noch brauchen könnte. Also vorsichtshalber …

Deutschland, das Land der Hamsterer. 

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Leserpost zum gestrigen Blog: „Bitte Vorsicht mit Halbwahrheiten“ werde ich gemahnt, weil ich schrieb: „Wir sind weit davon entfernt, diese Zahl der Betten auch nur annährend mit Corona-Patienten voll zu kriegen.“ Der Leser kommentiert weiter: „Das stimmt aber nur, wenn das Wachstum der Infiziertenzahlen nicht wieder exponenziell wird, und das wird mit einem zu schnellen Ausstieg nun mal riskiert.“ 

Es stimmt: Wenn die Dinge anders sind, sind die Dinge anders. Eine „Halbwahrheit“ war deshalb meine Aussage aber noch lange nicht. Sondern sie ist aus Zahlen des Gesundheitsministeriums kondensiert. Über 40 Prozent der Intensivbetten sind frei, Krankenhäuser melden Kurzarbeit an und brauchen bald noch Rettungsschirme, 

Notstände werden mutwillig produziert, aus falschem, übertriebenem Sicherheitsdenken heraus. 

Heute berichtet der der Regierungsferne absolut unverdächtige Deutschlandfunk, dass Gesundheitsminister Spahn die Krankenhäuser aufgefordert habe, die Zahl der Corona-reservierten Betten zu reduzieren, und wieder in den „Normal-Modus“ zurückzukehren. 

Warum? Weil im Augenblick Menschen nicht operiert, Herz-Infarkt und Krebs zu wenig behandelt werden, um die Kliniken zu schonen. 

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Potzblitz! Da war Angela Merkel schon kurz vor Heiligsprechung und dann dass: Im Deutschlandfunk erzählt ein Menschenrechtler vom katholischen Misereor, dass Angela Merkel ihren CSU-Entwicklungsminister Müller und SPD-Arbeitsminister Heil „stark unter Druck gesetzt“ habe, nur ja nichts dagegen zu unternehmen, dass deutsche Unternehmen ihre Arbeiter in den Produktionsstätten der „Dritten Welt“ weiter ausbeuten. „Offiziell wurde das mit der Corona-Krise begründet, die andere Aufgaben zu diesem Zeitpunkt als dringlicher erscheinen ließ.“

Erschienen auf out-takes.de

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