Documenta und Antisemitismus – Brief an eine Oberschule

Bild von Dorothea Lucia Pietrek auf Pixabay

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe mich sehr gefreut, in unserer Tageszeitung zu lesen, dass Ihre Schule eine „Schule ohne Rassismus“ ist und sich somit als „Schule ohne Rassismus“ bezeichnet werden darf.

Ich habe hierzu lediglich eine Frage:

Woher wissen Sie, dass es in ihrer Schule keinen Rassismus unter den Schülern gibt?

Bekanntlich leben in unserer Stadt nur sehr wenige Juden, dazu im fortgeschrittenen Alter und ohne Schulkinder, sodass es in der Schule ohne Rassismus keine jüdischen Schüler geben kann. Dem Zeitungsartikel ist ein Foto beigefügt, darunter einigen Mädchen, die islamische Kopftücher tragen. Ein Mädchen ist eindeutig eine Afrikanerin. Auch einige Burschen mit orientalischem Aussehen sind dargestellt.

Ich wüsste gerne, wie muslimische Kinder während des Schulalttags sich gegenüber Juden, hier: jüdischen Schülern, verhalten würden. Doch ohne jüdische Schüler in Ihrer Schule lässt sich das Verhalten muslimischer gegenüber jüdischen Schülern selbst in einer Schule ohne Rassismus nicht einschätzen. Ich weiß, dass es Judenhass auch ohne Juden gibt. Doch meine Frage beinhaltet real existierende jüdische Schüler.

Verstehe ich Sie trotzdem richtig, dass eine Schule ohne Rassismus (und ohne Antisemitismus) nur in einer Schule ohne Juden möglich ist? Somit gebe ich Ihnen zu 100% Recht, dass es in Ihrer Schule keinen Rassismus geben kann, somit keinen Rassismus gibt.

Vor einigen Tagen hat unser hochverehrter Staatspräsident Steinmeier bei der Eröffnung der Documenta in Kassel verkündet, dass er es sich überlegt habe, wegen Ausschluss von Juden, also Antisemitismus, die Documenta-Ausstellung zu boykottieren. Warum er dennoch die Eröffnungsrede in den Räumen der Documenta gehalten hat, ist für mich schwer nachzuvollziehen.

Zusammenfassend bitte Sie, mir zu bestätigen, dass (nur?) eine Schule ohne Juden, eine Schule ohne Rassismus sein kann.

Mit besten Grüßen

N.N.“

Über Nathan Warszawski 531 Artikel
Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.