Nur noch bis 17. August zeigt die Berlinische Galerie Monira Al Qadiris Ausstellung „Hero“. Die Künstlerin verbindet die Geschichte der Ölindustrie mit Erinnerung, Körper, Arbeit und den ökologischen Folgen einer Wirtschaftsordnung.
Das Museum ordnet Al Qadiris Werk deshalb nicht als Spezialfall einer ökologischen Kunst ein. Ihre Arbeiten greifen weiter. Sie fragen danach, wie ein Stoff in Erinnerungen und Körperbilder eingeht. Damit verschiebt sich der Blick von der Ressource zur Lebensform, die sich um sie herum bildet. Der Termin ist also nur die Oberfläche. Darunter arbeitet eine ältere Geschichte weiter, die sich im gegenwärtigen Ereignis neu zeigt.
Eine Ausstellung am Ende ihrer Laufzeit
Wer „Hero“ noch sehen will, hat nur wenige Tage. Die Berlinische Galerie zeigt Monira Al Qadiris Ausstellung bis zum 17. August 2026. Das Museum beschreibt ein Werk, das sich mit den sozialen, kulturellen, ökologischen und politischen Dimensionen der Ölindustrie beschäftigt. Al Qadiri wuchs in Kuwait auf, promovierte in Japan und lebt in Berlin.
Diese biografischen Stationen sind für die Ausstellung keine dekorative Information. Öl ist in ihrem Werk weder abstrakter Börsenwert noch bloßes Symbol für Klimapolitik. Es erscheint als Stoff, der Landschaften, Arbeitswelten, Familiengeschichten und globale Machtverhältnisse verändert hat.
Die Stärke von Al Qadiris Arbeit liegt darin, dass sie den Rohstoff nicht auf eine politische Chiffre reduziert. Erdöl ist in den Golfstaaten mit Modernisierung, Wohlstand, Arbeitsmigration und radikalen Veränderungen der Landschaft verbunden. Es hat Familiengeschichten geprägt und ganze Städte verwandelt. Wer darüber nur in Kategorien von Emissionen und Preisen spricht, erfasst einen wesentlichen Teil dieser Erfahrung nicht.
Kunst kann den Stoff zurück in die Wahrnehmung holen. Das ist paradox, weil Erdöl in unserem Alltag allgegenwärtig und zugleich meist unsichtbar ist. Es steckt in Kunststoffen, Verkehr, Industrie und unzähligen Konsumgütern, erscheint aber selten als das Material, von dem diese Welt abhängt. Al Qadiri macht aus dieser Unsichtbarkeit ein ästhetisches Problem. Ihre glänzenden Oberflächen verführen den Blick und erinnern gleichzeitig daran, dass Schönheit und Zerstörung aus derselben materiellen Ordnung hervorgehen können.
Al Qadiris Arbeiten können visuell verführerisch sein. Gerade das macht ihre Beschäftigung mit Öl interessant. Der Rohstoff ist in der politischen Debatte meist unsichtbar, obwohl er unzählige Produkte und Verkehrsformen bestimmt. In der Kunst kann seine Oberfläche dagegen zum Gegenstand werden: glänzend, farbig, beinahe kostbar.
Das Museum betont, dass die Ausstellung neue Arbeiten umfasst. Dazu gehört „Oh Body of Mine“, das in Verbindung mit einem Schiffsabwrackplatz in Bangladesch steht. Der industrielle Kreislauf erscheint damit nicht nur am Anfang, beim Fördern und Verarbeiten von Rohöl, sondern auch am Ende globaler Produktionsketten, dort, wo große materielle Systeme zerlegt werden.
Kuwait, Erinnerung und Modernisierung
Al Qadiris Herkunft aus Kuwait verbindet ihre Arbeit mit einer Region, deren wirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung im 20. Jahrhundert tief vom Öl geprägt wurde. Die Berlinische Galerie stellt diese Verbindung ausdrücklich heraus. Es geht nicht um eine allgemeine Illustration des fossilen Zeitalters, sondern um Erfahrung, die von bestimmten Orten ausgeht.
Das verhindert die moralische Vereinfachung. Öl ist zugleich Wohlstandsquelle, politisches Machtmittel, industrieller Stoff und ökologisches Problem. Eine Kunst, die nur eine dieser Ebenen zeigt, würde die historische Wirkung des Rohstoffs verkürzen. Al Qadiris Arbeiten bewegen sich gerade in dieser Mehrdeutigkeit.
Die Ausstellung macht deutlich, dass Energiegeschichte Kulturgeschichte ist. Welche Städte wachsen, welche Berufe entstehen, welche Verkehrsformen selbstverständlich werden und welche Bilder von Zukunft eine Gesellschaft entwickelt, hängt auch von ihrer materiellen Grundlage ab. Öl hat das 20. Jahrhundert nicht nur technisch, sondern ästhetisch geprägt.
„Hero“ gerade jetzt sehenswert ist
Ausstellungen zu Energie und Klima laufen schnell Gefahr, zu bebilderten Positionspapieren zu werden. „Hero“ ist interessanter, weil die Kunst nicht in einer politischen Botschaft aufgeht. Material, Form und Biografie bleiben eigenständig. Die Fakten über Öl verschwinden nicht, aber sie werden nicht durch eine einzige Parole ersetzt.
Bis zum 17. August ist diese Arbeit in Berlin zu sehen. Der kurze verbleibende Zeitraum ist der aktuelle Anlass, die Ausstellung noch einmal in den Blick zu nehmen. Ihr Thema wird danach nicht erledigt sein. Das fossile Zeitalter ist nicht nur eine Frage künftiger Energiepolitik; es hat bereits eine Geschichte geschrieben, die in Dingen, Städten und Bildern weiterlebt.
Die Ausstellung vermeidet den einfachen Moralismus
Gerade bei ökologischen Themen gerät Kunst leicht in die Nähe der Illustration. Dann bestätigt ein Werk nur noch das, was der Betrachter ohnehin schon weiß. Al Qadiris Arbeiten sind dort stärker, wo sie diesen didaktischen Reflex vermeiden. Sie präsentieren keine fertige Lektion über fossile Energien, sondern verbinden Material, Erinnerung und kulturelle Erfahrung so, dass Widersprüche sichtbar bleiben.
Das ist auch eine Frage der Perspektive. Die Geschichte des Öls sieht in Kuwait anders aus als in Berlin, in einem Fördergebiet anders als in einem europäischen Museum. Die Ausstellung zwingt diese Perspektiven nicht zu einer einzigen Erzählung. Sie lässt den Rohstoff als Träger von Reichtum, Gewalt, Fortschritt und Verlust zugleich erscheinen. Genau dadurch gewinnt die ökologische Debatte Tiefe: Sie wird nicht abstrakter, sondern konkreter.
Auch in einer beschleunigten Energiewende verschwindet Erdöl nicht plötzlich aus dem Alltag. Kunststoffe, Chemie, Luftfahrt und globale Warenströme bleiben abhängig von fossilen Ressourcen. Al Qadiris Ausstellung trifft damit einen Moment, in dem politisch bereits über das Ende des fossilen Zeitalters gesprochen wird, während seine materiellen Strukturen weiterhin überall vorhanden sind. Aus dieser Gleichzeitigkeit gewinnt das Werk seine besondere Spannung. Vielleicht ist das die bessere Bilanz als jede Besucherzahl: Der Blick ist nachher ein anderer.
