Über Jahrzehnte war „Spiegel“ für mich ein tagespolitisches Leitmedium, in das ich morgens zuerst schaute, wie ich früher Nachrichten hörte. Ich erhielt einen Überblick der Nachrichtenlage, den ich dann mit Blick auf andere ergänzte. Dass es dem „Spiegel“ als einstigem Wochen-Magazin gelungen war, an den Online Angeboten klassischer Tageszeitungen und Sender vorbei diese Bedeutung nicht nur für mich zu erlangen, fand ich eine eindrucksvolle Leistung. Denn nicht nur Meinungen, auch Nachrichten prägen Einstellungen.
Doch gegenläufig zu einer durch die Kriege dieser Zeit schnell wechselnden Nachrichtenlage, sank die Bedeutung der Nachricht für den „Spiegel“ immer stärker. Seit Wochen (und Monate nach der „Zeit“) wird mit der Frage aufgemacht, ob Opa Nazi war oder in der SS, dann kommt die Empfehlung, es doch mit Japanese Walking zu versuchen, wenn ich keine Lust habe zu joggen. Das Problem kenne ich als begeisterter Jogger nicht. Und ob der Protein-Hype auf Dauer krank macht, interessiert mich nicht.
Nach all dem findet der oder die Unentwegt Scrollende auch politische Themen und relevante Analysen, besonders aus den USA. Aber es entsteht kein Bild der politischen Weltlage mehr, erst Recht keins der innenpolitischen.
Liegt das daran, dass Dirk Kurbjuweit, Chefredakteur des „Spiegel“, vom Roman kommt, wie Annalena Baerbock es wohl formulieren würd? Jedenfalls gab es einen weiteren Schub weg von den aktuellen Krisen der Zeit, nachdem Dirk Kurbjuweit Ende letzten Jahres Melanie Amann ziemlich unfein hinaus gedrängt hat.
Oder haben sich Geschäftsführung und Chefredakteur für eine KI entschieden, die den Auftritt im Web vorrangig nach Zugriffen und Reichweiten steuert und nicht nach politischer Relevanz? Und wie sehen dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen die Hälfte des Mediums gehört? Hat sie der leichte Rückgang des Gewinns in 2025 so beunruhigt, dass sie diesem Kurs folgen?
Ich jedenfalls informiere mich seitdem bei ntv.
