Ganz ohne gigantische Nase … … kommt „Cyrano de Bergerac“ am Münchner Marstall aus

Warten auf Einlass im Vorraum des Münchner Marstall-Theaters. Gleich gibt es CYRANO DE BERGERAC, wie das Foto der beiden Darsteller kündet, Foto: Hans Gärtner

Wo ist sie denn, die gigantische Nase des sagenumwobenen Monsieurs de Bergerac (1619 – 1655)? Der Zinken fehlt dem, der ihn im Marstall-Theater anderthalb Stunden gigantisch verkörpert: der Schauspieler Florian von Manteuffel. Er deutet das Ding, an dessen Stärke und Länge, so das Ondit, die Männlichkeit seines Trägers ablesbar sei, zu Beginn nur an. Das Stück, auf das man sich an einem gut warmen Sommerabend eingelassen hat, ist nicht, wie erwartet, vom Neoromantiker Edmond Rostand, sondern nur – nur? – eine „Bearbeitung für zwei Einsamkeiten“ von Federico Bellini und Antonio Latella, der auch Regie führte.

Die beiden Herren „Einsamkeit A“ (eloquent: Manteuffel) und „B“ (grandios: Vincent Glander) treffen aufeinander, umgarnen sich, stoßen sich ab, ziehen sich an. Bewerfen sich mit Tiraden, die mal mehr, mal wenig gut verständlich rüberkommen. Quasseln und fechten. Philosophieren und ironisieren.Tanzen und albern herum, wie Pubertierende. Kriechen auf dem Boden. Verhaspeln sich. Spielen unaufhörlich mit Zweideutigkeiten, auch mit schlüpfrigen. Der eine, selbstgefällig und stets am Ruder, in Schwarz mit Federhut, der andere in hellem Kardinalsrot mit Krempenkappe, ein fulminanter Stimm-Akrobat bis zur italienischen Opernarie. Was für eine Textmenge sie virtuos bewältigten! Dabei geht`s bei allem Aktionismus kaum um Cyrano de Bergerac, Dandy, Romancier und Freigeist in einer Person, der viel zu früh starb und über ein beträchtliches Riechorgan verfügt haben soll, sondern – ja, worum eigentlich?

Das fragten sich wohl einige aus dem Publikum, aus dem nach und nach einige Damen und Pärchen frühzeitig – störend – dem Ausgang zustrebten. Man sag ihnen an, dass sie entweder Verständnisprobleme hatten oder halt nicht mehr länger gepiesackt werden wollten. Zu viel Nonsense? Zu wenig Vergnügen? Es ging nicht platt ab in dem Stück. Da gab`s viel zum Denken. Über die Überwindung der Einsamkeit nach Corona. Über die Rolle des Schauspielers. Des Intendanten. Des Theaters an sich. Speziell über die drei Münchner: Resi, Cuvilliés, Marstall. Der blieb hell und Requisiten-leer, wurde von den beiden sich mal abstoßenden, mal sich umarmenden „Einsamkeiten“ glänzend bespielt, die erst ganz am Ende zur historischen Wahrheit fanden. Im abgedunkelten Raum ohne Bühnen-Vorhang. Aber mit Leuchtzinken.

Bewundernswert: die zwei Theatermodelle (Rokoko: Cuvilliés, Moderne: Residenztheater), die, technisch perfekt, von unsichtbarer Hand geführt wurden. Das Cuvilliés-Modell barg endlich Nasen in diversen Größen. Aus Gummi. Mit denen wurde ausgelassen Ball gespielt. Und so die Kurve zum wahren Cyrano zu kriegen versucht. Was von all dem bleibt: Fragezeichen. Nebst viel Bewunderung für zwei starke Darsteller. Sie genossen, verschwitzt und noch immer gewitzt, den verdienten Applaus.

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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.