Goethe – der Lähmer, Montaigne – der Lenker

„Den Menschen ist nicht zu helfen in unserer Welt, die schon Jahrhunderte voller Heuchelei ist. Der Welt ist wie den Menschen nicht zu helfen, weil beide durch und durch Heuchelei sind.“ (Thomas Bernhard: „In Flammen aufgegangen. Reisebericht an einen einstigen Freund“)
Als den „Großen Österreichischen Staatsbeschimpfer“, ja den „großen Allesbeschimpfer“ hat die FAZ ihn bezeichnet. „Eine Wanze, die man vertilgen müsse“, formulierte eine Wiener Zeitung am Tag nach der Preisverleihung zum „Kleinen Österreichischen Staatspreis“ und den eklatanten „Dankesworten“ des Geehrten. Sein „Heldenplatz“ gilt als Attacke an „sechs Millionen debile Österreicher“ und avancierte zum Theaterskandal schlechthin. Thomas Bernhard war zu Lebzeiten der bestgehasste, tiefstverabscheute, meistverunglimpfte Schriftsteller seines Heimatlandes. Der am 12. Februar 1989 verstorbene Dichter selbst verordnete testamentarisch ein Aufführungsverbot seiner Stücke in Österreich, um sich „gegen jede Einmischung“ und „gegen jede Annäherung dieses österreichischen Staates“ seine Person und sein Werk betreffend zu verwahren.
Der „Künstlichkeit“ der ihn umgebenden Welt den Spiegel vorzuhalten war Thomas Bernhards erklärtes Ziel. Seine in Selbstgesprächen agierenden Figuren – vornehmlich „Geistesmenschen“ und Denker – leiden vor allem in und an ihrer (Um-)Welt und sind zu menschlichen Beziehungen unfähig. Bei Bernhard gibt es keine Hoffnung mehr, alles scheint aussichtslos: „Redet man mit einem Menschen stellt sich heraus er ist ein Idiot“ (Heldenplatz). Seine Figuren leben in ihrer eigenen Welt. Scheinbar endlose, sich wiederholende und zum Teil ohne Absatz über ganze Seiten hinwegziehende, verschachtelte Monologe sind keine Seltenheit. Bernhards Sprache ist nahezu komponiert, wirkt jedoch auf Grund seiner alles andere als „normalen“ Protagonisten nicht abgehoben, sondern äußerst treffend.
In dem vorliegenden schmalen Bändchen sind erstmals vier Erzählungen aus den Jahren 1982/1983 vereint, die der Österreicher zu Lebzeiten gern in einem Buch vereint gesehen hätte, zu dem es jedoch niemals kam. Sie sind nahezu ein treffliches Beispiel seines Duktus‘.
Zum einen ergeht sich der Autor in bösen Schimpftiraden und Österreich ist für ihn einmal mehr „das hässlichste und lächerlichste Land der Welt“, die österreichische Regierung „die dümmste Regierung auf der Welt“, der „österreichische katholische Klerus, der gefinkelste auf der Welt“: „Als eine perverse Öde und eine fürchterliche Stumpfsinnigkeit empfand ich mein Land. (…) Die katholische Kirche ist die Weltvergifterin, die Weltzerstörerin, die Weltvernichterin, das ist die Wahrheit.“
Zum anderen spürt der Leser auch eine große Einsamkeit und Verlassenheit: „Ich habe niemals einen Vater und niemals eine Mutter, aber immer meinen Montaigne gehabt.“
Doch nicht alle Menschen verachtet der Welthasser. Montaigne und Paul Wittgenstein, mit dem ihm eine Freundschaft verband, verehrt Bernhard. Über Goethe macht er sich hingegen lustig oder besser: Er würdigt ihn in seiner Erzählung „Goethe schtirbt“ parodistisch: Dem Sterbenden soll der letzte Wunsch erfüllt und Pauls Onkel, der Philosoph Ludwig Wittgenstein, an dessen Bett geholt werden. Das Unterfangen gelingt jedoch aufgrund widriger Umstände nicht. Die zeitliche Unmöglichkeit ist dabei nicht der Verhinderungsgrund, jedoch Goethes vortrefflich dagegen intrigierendes Umfeld. Von österreichischen Denkern käme schließlich nichts Gutes und – noch viel schlimmer – dem deutschen Dichterfürsten könnte seine eigene wahre Größe, die er vortrefflich ins rechte Licht zu setzen versteht, in Zweifel geraten. So stirbt der Geheimrat ohne „seinen philosophischen Sohn“ gesehen zu haben, aber mit dessen Worten im Mund: „Das ,Zweifelnde und das Nichtzweifelnde‘ soll Goethe als Vorletztes gesagt haben. Also einen wittgensteinschen Satz. Und kurz darauf jene zwei Wörter, die seine berühmtesten sind: ,Mehr Licht!‘. Aber tatsächlich hat Goethe als Letztes nicht ,Mehr Licht‘, sondern ,Mehr nicht!‘ gesagt. (…) Wir einigten uns darauf, der Welt mitzuteilen, Goethe habe ,Mehr Licht‘ gesagt als Letztes und nicht ,Mehr nicht!‘ An dieser Lüge als Verfälschung leide ich (…) noch heute.“
„Goethe schtirbt“ ist ein wunderbares Kleinod und gleichzeitig ein vortrefflicher Einstieg in das Oeuvre des Autors. Sich der Person Thomas Bernhard zu nähern ist allerdings nicht einfach. Zu sehr polarisiert er, zu kompromisslos treffen bei ihm Dichtung und Wahrheit aufeinander und verzahnen sich. Entweder man liebt diesen radikal offenen, großartigen Stilisten oder man lehnt ihn als Misanthrop, knorrigen Grantler, als „Unterganghofer“ kategorisch ab.

Thomas Bernhard
Goethe schtirbt
Suhrkamp Verlag, Berlin (September 2010)
103 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 978-351842170
ISBN-13: 978-3518421703
Preis: 14,90 EURO

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Heike Geilen
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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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