Rolf Kussl: „Hellas im Hofgarten“. Richard Seewalds Griechenlandzyklus in München, 92 Seiten, 75 Abbildungen, 14,95 Euro, ISBN 978-3-7954-9108-6
Das schöne und informative Buch des zunächst im bayerischen Schuldienst, später im Kultusministerium tätig gewesenen Altphilologen Rolf Kussl dürfte selbst München-Kundige überraschen. Erstmals erfahren sie, großartig in Wort und Bild gesetzt, von der Ausmalung der Nordarkaden des Hofgartens mit einem unaufdringlich wirkenden Griechenlandzyklus aus dem Jahr 1961. Richard Seewald, 1889 in Arnswalde, heute Polen, geboren und 1976 in München gestorben, sah sich als „Dichtermaler“ und legte mit seiner Hofgarten-Ausmalung ein „Bekenntnis zu Griechenland“ ab. Der zum Katholizismus konvertierte Künstler galt Wilhelm Hausenstein als „sehr Moderner“ unter den zeitgenössischen Malern.
Aufgrund von Geschichts- und Literaturstudien, aber auch durch Reisen und Wanderungen, insbesondere durch seine Fahrt von Venedig zu den „Grenzen des Abendlandes“ im Jahr 1934, entstand sein Griechenlandzyklus, mit dem er sich als fein abstrahierender Landschafter mit hohem Sinn für Symbolwerte – Lebewesen, Flora, Fauna, Architektur und Schiffe – erweist. Die fantasievollen 15 Fresko-Grisaillen, von „Felsiger Küste“ bis „Poros“, sind im Gang hoch oben angebracht und verlangen von den Betrachtern mit ihren kenntnisreich ausgesuchten Dichterzitaten einige Anstrengung und längeres Verweilen. Ein äußerst sorgfältig erstelltes Werk, hervorragend in Aufbau, Text und Layout, das in jede bayerische Bibliothek gehört und geradezu ein Muss für Münchner Kunstfreunde ist. Es schließt eine von Philhellenen seit Langem schmerzlich empfundene Lücke im Angebot historischer München- und Griechenland-Literatur.
Während Richard Seewalds Wandbilder – grau in grau, also nicht farbig wie etwa die von Carl Rottmann oder Peter von Hess – im Gang der Hofgarten-Nordarkaden hoch oben angebracht sind, lassen sich die zu den Bildern ausgewählten altgriechischen oder deutschen Texte, alle in Großbuchstaben, auf Augenhöhe bequem lesen. Hier einige Beispiele:
ATHEN
O glänzende, veilchenumkränzte, besungene Stätte, / Bollwerk von Hellas, ruhmreiches Athen, du göttliche Stadt.
(Pindar)
OLYMPIA
Wohl ist Wasser das Beste, Gold wie das lodernde Feuer / hell durch die Nacht. So strahlt’s, heller als alle glückmehrenden Schätze. / Doch wenn dich’s, mein trautes Herz, / drängt, ein Kampfspiel zu preisen, / dann zur Sonne nur den Blick: Denn es schwebt durch den leeren Äther / kein Gestirn bei Tag, das mehr / leuchtet und erwärmt. So auch glänzt Olympia.
(Pindar)
ITHAKA
Ithaka liegt an der See am / höchsten hinauf an die Feste / gegen den Nord; die andern / Inseln sind östlich und südlich. / Rau ist diese. Doch nährt sie rüstige Männer. Und wahrlich / süßer als Vaterland ist nichts / auf Erden zu finden.
(Homer)
KORFU
Ein weißer Glanz ruht über / Land und Meer / und duftend / schwebt der Äther ohne Wolken. / Und nur die höchsten Nymphen / des Gebirgs erfreuen sich des leichten Schnees auf kurze Zeit.
(Goethe)
POROS
Einer meint: Die Reiter, ein / anderer Fußvolk. / Mancher: Schiffe seien der / dunklen Erde schönstes Gut.
(Sappho)
Der vom „Dichtermaler“ für die Hofgarten-Arkaden ausgesuchte letzte Text verweist auf den Anfang des Zyklus. Er mag, so Kussl, „eine Art … Siegel“ sein, „mit dem er sich, seine Kreativität und seine Kunst im Hofgarten verewigte“.

