Heinz-Werner Kubitza: Der Glaubenswahn – eine Rezension

Gipfelkreuz, Foto: Stefan Groß

„Der Glaubenswahn: Von den Anfängen des religiösen Extremismus im Alten Testament“ ist geschrieben von Dr. Heinz-Werner Kubitza, Jahrgang 1961. Erschienen ist das Werk im Tectum-Verlag Marburg und kostet 19,95 €. Es ist zudem als E-Book verfügbar.

1981 beginnt Kubitza mit dem Studium der evangelischen Theologie, später zusätzlich der Philosophie. 2001 tritt er aus der Kirche aus. Er schreibt einige „religionskritische“, genauer religionsfeindliche Bücher. Der „Jesuswahn“, der „Glaubenswahn“ und der „Dogmenwahn“ bilden eine Trilogie, wobei jedes Buch für sich steht und verständlich gelesen werden kann. Kubitza ist Mitglied im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, der größten und bedeutendsten Atheistischen Gesellschaft Deutschlands, die auch Agnostiker aufnimmt.

Das Buch liest sich angenehm spannend. Zuweilen kann sich der Autor ironische Bemerkungen nicht verkneifen, die dem theistischen und deistischen Leser unangenehm aufstoßen werden. Das Buch selber ist für deutschsprachige christliche Gläubige gedacht, wahrscheinlich werden die allermeisten Leser zu den Ungläubigen zählen. Für den in die Tiefe gehenden Interessierten finden sich ausreichend Endnoten.

In diesem Band der Trilogie (Der Glaubenswahn) klärt Kubitza den Kirchgänger über das christliche, katholische und evangelische, Alte Testament AT auf. Er erklärt folgerichtig, dass es nicht um Tora und Tanach geht, dem jüdischen Ursprung und Original des AT. Das AT ist für Christen das „Vorwort“ zum Neuen Testament NT. Für Juden ist die Tora ein Buch der jüdischen Ethik und der Geschichte des Jüdischen Volkes von der Erschaffung der Welt bis zum heutigen Tag, den Holocaust und die erneute Staatsgründung Israels eingeschlossen. Als Grundlage für sein Buch verwendet der Autor nicht das Hebräische Original, sondern allermeistens die neueste Ausgabe der auf Hochdeutsch verfassten Zürcher Bibel in der neuesten Ausgabe von 2007. Genau hier liegt das Problem. Kubitza hätte mit dem selben Recht eine ältere Ausgabe der Zürcher Bibel auswählen können oder gar eine andere Bibelausgabe, wie die Lutherbibel oder die katholische Einheitsbibel. Die Inhalte der verschiedenen Bibelausgaben differieren an bestimmten Stellen beträchtlich und ändern gewaltig den Sinn des Geschriebenen. Es wäre wissenschaftlich korrekt gewesen, die Hebräische Bibel als Übersetzungsgrundlage zu nehmen. Hier sind die Worte fest gefügt und in den letzten 2.000 Jahren nicht verändert worden, auch wenn die Interpretationen in diesem Zeitraum starken Änderungen unterworfen worden sind. Ich nehme an, dass Herr Dr. Kubitza nicht über ausreichende Kenntnisse der Hebräischen Sprache verfügt und er deshalb auf deutsche Übersetzungen angewiesen ist, die nur indirekt auf das hebräische Original fußen. Der Autor betont deshalb, dass er den christlichen Kirchgänger deutscher Sprache ansprechen und aufklären will. Schon für den christlichen Kirchgänger englischer Muttersprache ist sein Buch kaum geeignet, für einen Juden gar unverständlich.

Es gibt jedoch einen triftigen Grund, nicht auf das Original zu greifen. Im Judentum gilt zwar die Tora als das letzte und gültige Wort Gottes. Die Richtschnur, an der sich der Jude im Alltag halten soll, ist jedoch der Talmud und weitere Interpretationen, die noch nicht alle geschrieben sind, in dem interessante neben langweiligen Disputen gelehrter Rabbiner niederlegt sind. Doch das würde nicht nur den durchschnittlichen deutschen Kirchgänger überfordern.

Kubitza will beweisen, dass Gott, wie im AT beschrieben, nichts Göttliches, sondern viel Verwerfliches (Menschliches?) an sich hat. Der Gott des AT verhält sich grausam, kriegslüstern, zerstörerisch, kindisch, unbarmherzig, nachtragend, ungerecht, pervers und vieler negativer Eigenschaften mehr. Da für den Autor Gott nicht existiert, sind die Schreiber der Tora für das schlimme Gottesbild verantwortlich. Es gelingt dem Autor jedoch nicht immer, auf Gott als Autor zu verzichten. Zuweilen greift er Gott direkt an, so als ob er real existieren würde. Mit den Aufzählungen des Bösen will Kubitza den Kirchgänger davon abbringen, den kirchlichen Priestern Glauben zu schenken. Zusätzlich fordert er seine Leser auf, das AT genau zu lesen und sich von tradiertem Denken freizumachen.

Ich könnte aufzuzeigen, dass der Gott der Tora, wenn schon nicht barmherzig, so doch gerecht ist. Doch es geht nicht darum, einen Atheisten zum Theismus zu bekehren.

Um aufzuzeigen, dass die Ethik der Tora bis heute nicht nur für Juden nützlich und gültig ist, müsste ich auf sehr viele Zitate von Kubitzas Buches eingehen und diese entsprechend der ursprünglichen jüdischen Lehrmeinung modifizieren. Es liegt an der Thora, dass das „unbedeutende“ (Kubitza) Volk Gottes bis heute das am längsten verfolgte ist und trotzdem noch existiert.

Wenn ich es tun würde, würde meine Rezension dicker als das rezensierte Buch ausfallen. Deshalb bringe ich nur einige wenige Beispiele. Der Leser, der des Hebräischen und Aramäischen mächtig, zumindest einer Jüdischen Bibel deutscher Sprache sein eigen nennt, möge weitere Stellen finden und sie interpretieren. Somit wäre der Kauf von Kubitzas Buch bereits gerechtfertigt.

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Der Gott der Juden in der Tora ist nicht gleichzusetzen mit dem Gott der Christen im NT. Juden und Muslime erkennen sich trotz (oder wegen?) Kriege und Judenhass nur gegenseitig als monotheistische Religionen an. Das Christentum gehört keinesfalls dazu. Im Abendland müssen sich Juden und Muslime den Erwartungen anpassen. Nur Islamisten predigen offen ihre Wahrheiten, die kaum vorhandenen jüdischen Eiferer schweigen lieber. Die Eigenschaften des Judengottes/Allah erscheinen den christlichen Gläubigen negativ, weil die Christen keine Monotheisten sind. 

Der Judengott/Allah ist für nicht orientalische Christen ein schrecklicher orientalischer Rachegott. Orientalische Christen haben sich mit dem Judengott/Allah arrangiert, nicht unbedingt mit seinen eifrigsten Anhängern. 

Die Worte Gottes, die uns übermittelt sind, sind nicht notwendigerweise die tatsächliche Worte. Sie werden von wenigen Menschen vernommen und der Allgemeinheit weitergegeben. Hier unterscheiden sich die Gotteswortverkünder Moses, Mohammed und Jesus nur gering voneinander. Ganz im Gegensatz zum Griechen Paulus. 

Judentum und Islam kennen keinen „Gottvater“. Gott wird allgemein als Vater bezeichnet, damit sich die Gläubigen wie Kinder fühlen dürfen. Keinesfalls wird Gott als reeller Vater angesprochen. 

Judengott = Kriegsgott? Im AT ist der Judengott ein Kriegsgott. Unter einem Kriegsgott verstehen die Israeliten und die Juden einen Gott, der für sie (Israel) kämpft. Alle Patriarchen erhalten nach einem Treffen mit Gott einen Zweitnamen, so wie auch heute noch die Päpste, obwohl letztere nicht unbedingt ein Gotteserlebnis nachweisen. Jakob, der Enkel Abrahams, erhält den Namen „Israel“ (Gottesstreiter), was nicht bedeutet, dass Jakob für, sondern dass er gegen Gott streitet. Jakob erhält diesen Namen, als er gegen einen Engel kämpft, der ihm den Weg ins Heilige Land aus welchem Grund auch immer versperrt. Bei besserer Kampftechnik besiegt Jakob den Engel, der ihn daraufhin unfairerweise die Hüfte zertrümmert, so dass Jakob für den Rest seines langen Lebens hinkt. Krieg, also die Möglichkeit sich verteidigen zu dürfen, bedeutet für Juden nicht nur in der damaligen Zeit „Schutz“. „Krieg“ bedeutet, dass Gott seinem Volk Israel vor dem Untergang bewahrt. 

„Regenbogen“ und „Kriegsbogen“ werden im Hebräischen mit dem selben Wort ausgedrückt. Sie sind auf Grund ihrer Form das Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk Israel. Der Bund ist teilweise kriegerisch, um das Volk Israel vor dem Untergang zu bewahren. 

Den meisten friedensbewegten Christen ist nicht bekannt, dass im Tanach (erweiterte Tora) nicht nur Schwerter zu Pflugscharen, sondern auch Pflugscharen zu Schwertern umgeschmiedet werden. Gott ist stolz darauf, den Schmied erschaffen zu haben, der Waffen herstellt. Kubitza erkennt darin den Hass Gottes gegen sein Volk Israel, welches bis heute unter Kriegen leidet. Kubitza lässt vermuten, dass Gott die Waffen vom den von ihm erschaffenen Schmied hat erfinden lassen, um seinem Volk Israel zu schaden. Die Realität erweist sich anders. In der Logik bedeutet es, dass sich Gott unabsichtlich oder absichtlich irrt, was ihn nicht nur menschlich erscheinen, sondern auch seine Existenz wahrscheinlicher werden lässt. 

Der Theologe Kubitza behauptet wider besserem Wissen, dass in der Tora die Feindesliebe nicht gepredigt wird. „Lieb deinen Nächsten, er ist wie du!“ schließt den nächsten Feind mit ein. 

Die Landnahme der Israeliten unter und nach Joschua bezeichnet der politisch korrekte Kubitza aus dem 20. Jahrhundert als schweres Unrecht an den einheimischen Kanaanitern. Gleichzeitig bezweifelt Kubitza zu Recht die historische Zuverlässigkeit des Tanach. Nach neuesten archäologisch basierten Erkenntnissen hat der Auszug aus Ägypten stattgefunden, wenn auch in einer unbedeutenden Zahl. „Elef“, hebr. 1000, bedeutet zusätzlich eine Kampfeinheit, die zur damaligen Zeit wie bei den Ägyptern aus etwa 10 Männern besteht. 600.000 ( 600 Elef) Krieger schmelzen auf diese weise schnell zu 6.000 Kämpfern, was wahrscheinlich immer noch zu gegriffen ist. Unter den Hyksos, die möglicherweise selber Kanaaniter sind, ziehen viele kanaanitische Israeliten nach Ägypten. Die Hyksos stellen für zwei Jahrhundert die Pharaonen in Ägypten. Dann werden die Hyksos verjagt und mit ihnen die kanaanitischen Israeliten. Es hat danach keine Landnahme in Kanaan durch kanaanitische Israeliten stattgefunden, sonder Kanaaniter haben sich gegenseitig bekämpft. Ob daheim gebliebene oder aus Ägypten rückkehrende Kanaaniter gewonnen haben, ist heute schwer nachzuvollziehen. 

Glücklicherweise selten entschlüpfen Kubitza antijüdische Aussprüche in Verbindung mit der Tora. So: „ … dient die alttestamentliche Propaganda von der Verheißung des gelobten Landes sogar heute noch beispielsweise ultraorthodoxen Juden dazu, Gebietsansprüche gegenüber den Palästinensern zu rechtfertigen.“ Die ultraorthodoxen Juden sind diejenigen Juden, die den Staat Israel nicht anerkennen, weil es nicht der Messias gewesen ist, der den Staat ausgerufen hat, sondern der polnische Jude David Grün, besser bekannt unter dem Namen David Ben-Gurion. Ultraorthodoxe Juden weigern sich, den Militärdienst in Israel abzuleisten. Sie sind als palästinenserfreundlich verschrien, was die offiziellen Palästinenser nicht daran hindert, alle Juden einschließlich der Ultraorthodoxen zu hassen und bei Gelegenheit zu töten. Zu Lebzeiten Arafats stellt ein ultraorthodoxer Jude den „Außenminister“ der PLO.

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Zusammenfassung:

Kubitza möchte den christlichen Kirchgänger, der das AT, vornehmlich als Zürcher Bibel von 2007 oder gleichwertigen Ausgaben, auf deutsch liest zeigen, dass der Gott des AT nicht derselbe Gott sein kann, wie ihn die Prediger der Kirchen vorgeben. Dazu hätte der eifrige Autor das Buch nicht zu schreiben gebraucht. Denn es ist schon zwei Jahrtausenden bekannt, dass der Gott des AT nicht der Dreifaltige Gott des NT ist! Um den alttestamentarischen Gott an das NT anzupassen, genügt es nicht, die Tora ungenau und fehlerhaft zu übersetzen, man muss das NT neu schreiben! Allerdings würde es bereits genügen, die jüdische Bibel zu lesen, wozu jedoch gute Hebräischkenntnisse unabdingbar sind. Selbst wenn man die jüdische Bibel in der deutschen Übersetzung besitzt.

Die Tora ist das Buch der jüdischen Ethik und der Geschichte des Jüdischen Volkes. In der Tora finden sich keine Anzeichen einer christliche Ethik, die von der jüdischen Ethik abweichen. In der Tora kommen Moses und die Patriarchen vor, nicht Karl der Große, nicht Wilhelm Tell, ja nicht einmal Jesus. Sämtliche Hinweise auf Jesus in den Büchern der Juden (Tanach) sind wohlmeinende Fälschungen.

Es wird Zeit, dass die Christen ihre eigenen Heiligen Bücher verfassen, die nicht auf verfälschte Ideen der von ihnen verfolgten Juden basieren. Ob Kubitza einen Beitrag hierzu leisten kann?

 

 

 

 

 

 

Über Nathan Warszawski 532 Artikel
Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.

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