Das ostdeutsche Beben: Der Schock nach den Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin

Berlin, Bundestag, Reichstag, Quelle: Pixabay, ixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

Die Ergebnisse der Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 sowie von Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am 20. September 2026 lösten in Deutschland ein politisches Beben aus. Wie ein Erdbeben sorgten die Wahlergebnisse zu Erschütterungen, einem Bedrohungsgefühl und Angst. Denn die Ankündigungen, was die Wahlsieger-Partei AfD tun wird, falls sie an die Regierung kommt, lassen einiges befürchten. Die Wortwahl vom „ostdeutschen Beben“ folgt in Analogie zum „amerikanischen Beben“, das die deutsche Historikerin Christina Morina nach dem Erleben der Wiederwahl von Donald Trump Ende 2024 beschrieben hat (Morina 2026). Hier wie da geht es um die Bedrohung der Demokratie und um die Folgen für die Bürger, wenn autoritäre oder populistische Führer oder Parteien an die Macht kommen. Seit Jahren diskutieren führenden Politikern sehr kontrovers darüber, ob ein Verbotsverfahren gegen die AfD eingeleitet werden soll. Die Partei gilt für viele Politikwissenschaftler als demokratiegefährdend, verfassungsfeindlich und rechtsextrem (Patzelt 2025, Kraske & Laabs 2024, Bahners 2023). Mehrere Landesämter für Verfassungsschutz haben bestimmte Landesverbände der AfD als „gesichert rechtsextrem“ eingeschätzt (Gehrke 2026). Die drei ostdeutschen Landtagswahlen wurden deshalb von vielen Menschen als Seismograf für die politische Entwicklung Deutschlands aufgefasst. Seismografen warnen vor Erdbeben. Und das „ostdeutsche Beben“ kam mit zahlreichen Vorankündigungen.

Dass die AfD in Sachsen-Anhalt die stärkste Partei sein wird, war durch die Wahlprognosen nach Umfragen keine Überraschung. Bereits bei der Landtagswahl in Thüringen im Jahr 2024 war die AfD mit einem Stimmenanteil von 32,8 Prozent die stärkste Partei. Auf Platz zwei folgte die CDU mit 23,6 Prozent. Die AfD war allerdings nicht in der Lage, eine regierungsfähige Koalition zu bilden, so dass ein Bündnis von CDU, BSW und SPD als erste „Brombeer-Koalition“ die neue Regierung stellte.

In Magdeburg träumte der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bereits von einer absoluten Mehrheit. Diese wurde nicht erreicht. Aber mit einem Spitzenergebnis von 43,8 Prozent der Stimmen ließ dieses Wahlergebnis aufhorchen. Umso gespannter waren politisch Interessierte auf den Ausgang der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Die AfD wurde auch in Mecklenburg-Vorpommern Wahlsieger und verdoppelte in fast allen drei Bundesländern ihr Wahlergebnis im Vergleich zu den Vorwahlen der Jahre 2021 bzw. 2023 (Berlin). In Sachsen-Anhalt gelang ihr mehr als eine Verdopplung von 20,8 auf 43,8 Prozent, ebenso in Mecklenburg-Vorpommern von 16,7 auf 38,2 Prozent und in Berlin fast eine Verdopplung von 9,1 auf 16,3 Prozent. Die AfD hatte also in allen drei Bundesländern erhebliche Zugewinne.

Im Kontrast dazu verlor die CDU in allen drei Bundesländern. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern musste sie herbe Verluste hinnehmen und wurde mehr als halbiert. In Sachsen-Anhalt war der Absturz von 37,1 auf 17,2 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern fiel die CDU unter der 5 Prozent-Grenze und ist damit erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr in einem Landtag vertreten. Schlimmer geht es kaum. Bundeskanzler Merz sprach von einem „Desaster“.

In Berlin wurde die linksextreme Partei „Die Linke“ zum Wahlsieger. Sie konnte ihre Ergebnisse im Vergleich zur Vorwahl 2023 mehr als verdoppeln. Ihr gelang ein Anstieg von 12,2 auf 25,7 Prozent.

Die großen Gewinner der Landtagswahlen waren also die rechtsextreme Partei AfD und die linksextreme Partei „Die Linke“. Die Verlierer waren die „ehemaligen Volksparteien“ CDU und SPD. Während auf Bundesebene aktuell CDU/CSU und SPD gemeinsam als „Große Koalition“ im Deutschen Bundestag eine Mehrheit haben, kamen sie in den drei Wahlen der ostdeutschen Bundesländer gerade noch auf 25 bis 40 Prozent.

Das „ostdeutsche Beben“ war damit nicht mehr gefürchtet, sondern es wurde manifest. Es ist ein bitteres Faktum für die deutsche Demokratie, die mehr gefährdet erscheint, denn je in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Zahlreiche ausländische Beobachter teilen diese Sorge um die Zukunft der Demokratie in Deutschland.

Die Ergebnisse der Landtagswahl von Sachsen-Anhalt vom September 2026

Wahlsieger wurde wie erwartet die AfD. Mit einem Stimmenanteil von 43,8 Prozent ist sie die stärkste Partei. Sie hat sich mehr als verdoppelt (2021 waren es noch 20,8 Prozent). Die CDU hingegen hat sich mehr als halbiert, von 37,1 Prozent im Jahr 2021 auf 17,2 Prozent. Die SPD gewann leicht hinzu (von 8,4 auf 9,3 Prozent). Auf Platz vier landeten die Grünen (8,9 Prozent) und auf Platz 5 die Linke (8,6 Prozent). Ob und wie es zu einer Regierungsbildung der AfD kommt, ist noch ungewiss.

Die Ergebnisse der Landtagswahl von Mecklenburg-Vorpommern am 20. September 2026

In Mecklenburg-Vorpommern war die AfD ebenfalls die stärkste Partei mit einem Stimmenanteil von 38,2 Prozent. In einer Aufholjagd kam die SPD auf 35,5 Prozent. Die bisherige Ministerpräsidentin Manuela Schwesig verbesserte in ihrem Wahlkampf mit dem Slogan „Die Frau gegen Blau“ in einem fulminanten Endspurt die Ergebnisse ihrer Partei, so dass sie vermutlich wieder eine Koalition bilden und Ministerpräsidentin bleiben wird. Eine negative Überraschung widerfuhr der CDU, die regelrecht abstürzte und unter die 5- Prozent-Hürde fiel. Die Partei ist damit erstmals aus einem Landtag ausgeschieden.

Die Ergebnisse der Landtagswahl von Berlin am 20. September 2026

In Berlin wurde die Linke Wahlsieger. Sie verdoppelte ihr Wahlergebnis von 12,2 Prozent im Jahr 2023 auf jetzt 25,7 Prozent. Die SPD und die CDU verloren auch hier an Stimmanteilen. Die Berliner SPD, die 22 Jahre lang den Regierenden Bürgermeister stellte, landete auf Platz 5 und verlor von 18,4 auf 12,1 Prozent. Sie lag damit hinter den Linken (25,7 Prozent), CDU (18,8 Prozent), AfD (16,3 Prozent) und den Grünen (14,3 Prozent). In Berlin sind also die CDU und die SPD die großen Verlierer. Für die SPD ist diese Niederlage besonders gravierend, weil sie ja 22 Jahre lang im „Roten Rathaus“ regiert hat.

Fazit der Wahlanalysen

In allen drei ostdeutschen Bundesländern, die im September 2026 ihre Landtagswahlen hatten, werden die Regierungsbildungen sehr schwierig und konfliktreich sein. In allen drei Parlamenten wird es für eine Regierungsbildung eine Dreier-Koalition brauchen, die auch für die jeweiligen Bundesländer Neuland sein werden. Der Ausgang der Sondierungs- und Koalitionsgespräche ist offen. Neue Koalitionen sind ebenso im Gespräch wie Minderheitsregierungen und Neuwahlen.

Der Politikwissenschaftler und Wahlforscher Uwe Wagschal, Professor an der Universität Freiburg betonte in seiner Wahlanalyse folgende Entwicklungen: Die bisherigen Volksparteien CDU und SPD sind Geschichte. Die Mitte hat keine Mehrheit mehr. Die radikalen Ränder sind stärker geworden (rechtsextreme AfD und linksextreme Linke). Die AfD als große Wahlsiegerin in allen drei Bundesländern reklamiert bereits ihre Position als „neue Volkspartei“. Einen wichtigen Einfluss für die weitere politische Entwicklung werden im Jahr 2027 die fünf Landtagswahlen in alten Bundesländern haben (u.a. NRW, Schleswig-Holstein). Da werde sich zeigen, ob der Westen immun gegen Aufschwung der AfD ist. In den Landtagswahlen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz hatte die AfD einen Stimmenanteil von fast 20 Prozent. In Mannheim und Pforzheim war die AfD besonders stark. Auch in NRW gibt es „AfD-Hochburgen“(Wagschal 2026).

Das „ostdeutsche Beben“ in den drei Landtagswahlen hat also sehr wohl eine seismografische Bedeutung für die Zukunft der Demokratie in Deutschland.

Literatur

Bahners, Patrick, Die Wiederkehr. Die AfD und der neue deutsche Nationalismus. Klett-Cotta, Stuttgart 2023

Gehrke, Christian, AfD ist gesichert rechtsextrem. Verfassungsschutz nennt neun Punkte. Focus online vom 9. September 2026

Kraske, Michael, Laabs Dirk, Angriff auf Deutschland. Die schleichende Machtergreifung der AfD. Beck, München 2024

Morina, Christiane, Das amerikanische Beben. Erfahrungen und Konsequenzen für die deutsche Demokratie. Siedler, München 2026

Patzelt, Werner, Deutschlands blaues Wunder. Die AfD und der Populismus. Langen-Müller, München 2025

Wagschal, Uwe, Wahlbeben zeigt: Wer Ränder ausschließt, macht sich abhängig. Focus online vom 22. September 2026

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email:  herbert.csef@gmx.de

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Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.