Ich bin allergisch, also bin ich

Blumen, Foto: Stefan Groß

Das Thema Verkörperung ist eine zeitgenössische Mode in Soziologie und Kulturphilosophie. Welche physisch messbaren Reaktionen lösen Erfahrungen aus? In welchen Gehirnarealen respektive Körperzonen schlägt sich ein Drama von Sybille Berg nieder, inwieweit wirken Tarantino Filme anders als solche von David Lynch? Wo laufen einem Schauer bei der Moderation von Florian Silbereisen über den Rücken oder was bewirkt der Anblick von Richard David Precht – und wenn ja wie viele?!

Jean Baudrillard hat sich im Buch Kool Killers bereits früh mit der Verkörperung von Gedanken in Schriftform auseinandergesetzt – Graffitis und Schrifttypen repräsentieren auf ästhetisierende Weise dahinterstehende Gedanken und Konzepte. Der Gedanke will manifestiert werden. Ohne Körper funktioniert keine Vorstellung. Es ist wie mit kommunizierenden Röhren. Gedanken verändern Körper, verändern Gedanken.

Körperloses Denken funktioniert nicht, neue Sinnlichkeit statt Neuer Sachlichkeit. Ein G20 Gipfel ohne physische Übergriffe – undenkbar. Wo gehobelt wird, müssen Späne fallen.

Der Körper als Resonanzraum ist eigentlich eine alte Kamelle. Galt bis vor 20 Jahren Rauchen als Ausdruck qualmender Intellektualität, als Kuppelprodukt des arbeitenden Hirns, ist dieses Ventil nun durch Stigmatisierung der Rauchenden verschlossen.

Es ist jedoch wie in alten Zeichentrick-Filmen: hält der Trottel eine Hand auf das Loch der demolierten Wanne, entstehen totsicher 2 neue und so weiter. Das Wasser will hinausfließen.

Was tut der durchgegenderte Mensch von heute, wenn er weder qualmt noch Fleisch isst, nicht flucht, keine Sachleistungen, sondern Dienste produziert und sich auch immer weniger in Kindern neu-verkörpert? Er verkörpert sich in Allergien und Phobien.

Endlich Allergie

Man kann sein Kreuz mit Würde tragen und es vermeiden, andere damit zu behelligen. Leider scheint zu einer wirklichen Verkörperung zu gehören, diese viral enervierend bei den lieben Mitmenschen zu verbreiten. Hier ein paar Tipps, wie Sie in Zeiten als Allergiker so richtig die Sau rauslassen können – endlich Allergie (frei nach Joachim Lottmann).

Allergie/Phobie für Anfänger:

Suchen Sie sich eine möglichst unaussprechliche Allergie oder Phobie aus. Wenn man schon keine Kinder hat, deren Individualität man mit Namen wie Kokopaiyja Wilhelm oder Tilda Käthchen untermalen kann, sollte man tunlichst auf Allerwelts-Unverträglichkeiten wie Heuschnupfen oder Ängste wie Klaustrophobie verzichten. Sie sind etwas Besonderes: Ihr Leid ist ohnegleichen. Wie wäre es mit einer Angst vor Papageienblut oder einer Allergie gegen Recyclingpapier?!

Wenn Sie derlei weder haben noch dies zumindest ihrer Umwelt glaubhaft vermitteln können, geben Sie sich nur dann mit Standard-Behinderungen zufrieden, wenn diese möglichst gefährlich für Sie sind. In den USA sind Erdnussunverträglichkeiten so en vogue wie in China wirkliche Laktoseintoleranz, also nicht die Sissi-Variante, wie es sie in Deutschland gibt. Es muss um Leben und Tod gehen. Bei einem Studienaufenthalt in England an der Universität bot ich einer Amerikanischen Studentin einen Schokoriegel an. Sie betonte bei fast jedem Gespräch ihre peanut allergy. An ihr war nichts ungewöhnlich, außer ihrem Allergie-Tick. In meinen Gedanken lebt sie allein deshalb weiter. Sie haben Ihr Ziel erreicht, wenn es so weit gekommen ist.

Stellen Sie die Verkörperung Ihrer Unverträglichkeit stets sichtbar auf den Tisch. Laktosetabletten, möglichst in der 100er-Packung, kommen gut. Keinesfalls sollte das Behältnis kleiner als eine Mini-Cola-Dose sein. Dass Sie in Wirklichkeit gar nicht an dieser inzwischen etwas aus der Mode gekommenen Milch-Allergie leiden, tut nichts zur Sache. Latte Macchiato ist Kaffee und Käse-Sahne-Torte hat auch nichts mit Milch zu tun. Es wird schon keinem auffallen, dass sie bereits 2 Stücke verputzt hatten.

Gewöhnen Sie sich wieder das Rauchen an. Das ist schöner, als dauernd Hypochonder-Allergiker zu sein, und Passiv-Rauchen nervt weniger, als ernste Miene zu einer albernen Marotte eines eingebildeten Kranken machen zu müssen.

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