Manhattan – Platz der Trunkenheit „Manna-Hata“

Wie die Amerikanischen Ureinwohner mit Feuerwasser von den Europäern vertrieben wurden

Manhattan Rathaus. Bild von mcommisso75 auf Pixabay.

New York ist eine Stadt, die niemals schläft. Das wusste schon Frank „Old Blue Eye“ Sinatra, als er dem Moloch mit seinem Schlager „New York, New York“ eine unvergessliche Liebeserklärung schrieb. New York ist tatsächlich ein Wunder an  nimmermüder Betriebsamkeit, die Hauptstadt des Kommerzes und des Entertainments – laut, hektisch, herausfordernd, groß und mächtig. So mächtig, dass, wenn Wall Street niest, die Börsen in Tokio, Frankfurt und London einen Schnupfen bekommen.

Doch wo sich heute die Wolkenkratzer des Financial District von Manhattan gen Himmel recken, sah es vor etwa 400 Jahren noch ganz anders aus. Kehren wir also zurück zu jenem Tag, der zum Ausgangspunkt für die Entwicklung New Yorks werden sollte.

Langsam, ganz allmählich löst sich der Morgennebel von den Wassern der Bucht, die durch einen schmalen Arm vom Meer getrennt ist. Von den hohen Felsklippen, an der Mündung des Flusses reicht der Blick über ein Gewirr von Inseln hinaus auf das am Horizont verschwimmende Meer.

Die Landschaft ist von wilder, unberührter Schönheit. Dichte Eichenwälder, umsäumt von Ahorn, Hasel- und Walnussbäumen, wechseln ab mit weiten, saftigen Grasflächen – ein wahres Eldorado für Fuchs, Wildschwein und den breitschaufligen Hirsch. Undurchdringliches Buschwerk bildet ein Paradies für Tausende Zugvögel, die in Vorahnung des anrückenden harten Winters vom hohen Norden kamen und hier Zuflucht suchen. Das Uferröhricht bevölkern Reiher, Gänse und Enten. Sachwärme kreischender Möwen erhaschen ihr Frühmahl von der reichgedeckten Tafel.

Die Zeit scheint stillzustehen in dieser Urlandschaft. Jahrhunderte vergehen wie ein Tag. Und dennoch ist diese Welt von Menschen bewohnt. An den Uferhängen erwachen bereits da und dort erste nachtmüde Feuer aus matter Glut zu neuem Leben. Ein erstes Rindenkanu kreuzt die Bucht. Wie Bronze schimmern die Körper der Ruderer in der Morgensonne. Den Fellschurz um die Hüften, eine Schmuckfeder im Haar Pfeil und bogen griffbereit, so begibt sich der Herr dieser Gebiete zur frühen Jagd.

Jagen, fischen, die Früchte des Waldes sammeln, in begrenztem Umfang den Boden bebauen, Arbeitsgeräte und Waffen anfertigen, weben flechten, die Nahrung zubereiten, Kinder erziehen, essen, trinken, im wilden Tanz das Feuer umkreisen. Überfälle kriegerischer Nachbarn abwehren und selbst angreifen – das war das Leben in diesem Erdenwinkel, bestimmt von den Gesetzen der Urgesellschaft.

An diesem Morgen ereignete sich etwas Neues, nie Dagewesenes. Bisher hatten es nur wenige spähende Augen von hoher Felsbastion entdeckt, dieses dunkle Etwas mit weißen Flügeln, das ständig wachsend, unaufhaltsam über das Meer näher kam. Würde es Gutes oder Böses bringen? Egal – dumpfer Trommelklang warnte die Bewohner der Dörfer und rief die Krieger zu den Waffen. Aus sicherem Versteck heraus bestaunten sie das unheimliche Gebilde, welches nun groß und drohend die schmale Passage zwischen dem Meer und der Bucht durchlief.

Die Medizinmänner, Häuptlinge und Ältesten der umliegenden Dörfer hasteten zum Versammlungsplatz. Was hatte es mit diesem nie gesehenen großen Haus auf sich, über dem weiße Schwingen sich im Winde bauschten? Noch nie hatte man ähnliches gesehen. War es vielleicht der „Große Geist“ selbst, Manitu, der über das Wasser kam, um seine roten Kinder zu besuchen, rätselten die Medizinmänner. Hieß es nicht so in den alten Überlieferungen? Etwas Wunderbares, Unfassbares würde geschehen. Man musste vorbereitet sein auf ein rauschendes Fest oder einen blutigen Kampf. So blieben die Krieger auf ihrem Posten, während sich die Frauen daran machten, ein Festmahl zu bereiten. Noch unschlüssig, nicht wissend, wen oder was man eigentlich beschwören sollte, begannen andere nach den Rhythmen der dumpfgrollenden Trommeln den Tanz, schneller und schneller stampfend, sich ekstatisch drehend und windend.

An Bord des Segelschiffes, das an diesem frühen Morgen die Bucht anlief, führte Kapitän Henry Hudson das Regiment. Mit 59 Jahren zählte er zu den ältesten Kapitänen im Dienste der Niederländisch-Ostindischen Kompanie. Schon zweimal hatte er versucht, einen Weg nach Indien über die Nordhalbkugel zu finden, hatte Spitzbergen und Nowaja Semlja erreicht, und musste doch vor den undurchdringlichen Eisbarrieren aufgeben. Auch auf dieser dritten Reise im Jahr 1609 stoppten den Entdecker die Eisberge jenseits des Nordkaps. Sein Schiff, die „Halbmond“, war ein neuer Segler vom Typ der „Fleute“ mit schlanken Linien und ausgezeichneten Segeleigenschaften. Doch bei aller Tüchtigkeit, einen Weg durchs Ewige Eis vermochte auch die „Halbmond“ nicht zu bahnen.

Kurzentschlossen ließ Hudson beidrehen. Der Schnelligkeit seines Schiffes vertrauend, hatte er den Plan gefasst, den Atlantik zu überqueren, in der Hoffnung, eine Passage nach Ostindien im Bereich der amerikanischen Küste zu finden. Nach rascher Fahrt erreichte die „Halbmond“ die „Neue Welt“ auf der Höhe von Neufundland. In gemessenem Abstand lief die Fleute an der Küste entlang. Diese Vorsicht hatte guten Grund. Seit der Italiener Verranzano im Jahr 1524 die Ostküste Amerikas absegelte, hatte sich nur selten ein Schiff in diese Breiten verirrt. Hudson bewegte sich in unbekanntem Fahrwasser.

Nun zeigte der Bordkalender den 2. September. Seitdem der Segler die Fanggründe von Neufundland verlassen hatte, waren drei Monate vergangen, drei lange Monate in der Nähe eines noch unbekannten Kontinents, dessen Küste verheißungsvoll freundlich herübergrüßte. Das Land schien vollkommen unberührt zu sein. Nicht die geringste Spur menschlichen Wirkens ließ sich entdecken, geschweige denn die Gebieter dieser gesegneten Landstriche. Dennoch musste man versuchen, Kontakt zu deren Bewohnern herzustellen. Die geleerten Vorratsbunker und die hungrigen Mägen der Besatzung geboten dies dringend. Dass dieses Küstengebiet bewohnt sein musste, wusste Hudson aus den Berichten der französischen Forscher Cartier und Champlain, die weiter nördlich am großen Sankt-Lorenz-Strom eine Westdurchfahrt versucht hatten. Die Bezeichnung der Ureinwohner als Indianer ging freilich nicht auf sie zurück, sondern auf Christoph Kolumbus, der anno 1492 fest davon überzeugt war, in Indien gelandet zu sein.

In der Abenddämmerung des 2. September 1609 machte die Wache an Bord der „Halbmond“ eine Landzunge aus, hinter der sich eine weite Bucht zu öffnen schien. Hudson beschloss, kreuzend den Morgen abzuwarten. Möglicherweise bot sich hier eine Gelegenheit, die so dringend benötigten Vorräte aufzunehmen. Und vielleicht fand sich hier gar ein Weg in den großen westlichen Ozean, der seinen holländischen Auftraggebern die Möglichkeit eröffnen würde, den langen Umweg über die Magellanstraße aufzugeben.

Noch verhinderte der Morgennebel eine klare Sicht auf die Küste. So näherte sich das Schiff in verhaltener Fahrt der beidseitig von dichtem Urwald umrahmten Meeresstraße. Die nächtlichen Feuer auf den Uferhöhen hatten es schon zur Gewissheit werden lassen, dass es hier ein erstes Zusammentreffen mit den Indianern geben würde – ein Ereignis, das alle an Bord der Fleute in Erregung versetzte. Um möglichst respektabel zu wirken, hatte Mannschaften und Offiziere ihre beste Kleidung angelegt. Geradezu prächtig anzusehen war ihr Kommandant, der in einem roten Paraderock und riesigem Dreispitz an Deck erschien. Das er in diesem Aufzug von der Bugschanze aus persönlich das Ausloten des Grundes überwachte, machte den sonst so Unnachsichtigen der Besatzung sympathischer.

Die auf den ersten Blick gefährlich anmutende Enge war recht bald überwunden. Vor den Augen der Europäer öffnete sich eine Bucht mit einer Vielzahl üppig bewachsener Inseln. Doch die Männer hatten keinen Sinn für die Schönheit dieses Naturschauspiels. Etwas bei weitem Wichtigeres fesselte ihre Aufmerksamkeit. Da waren Menschen, ein Boot, dessen Insassen sich mit schnellen Paddelschlägen bemühten, hinter einem einer Landzunge zu verschwinden.

So also sahen Indianer aus! Tiefdunkles Haar, bronzeschimmernde Haut, kräftiger Körperbau, ganz ähnlich hatte man die Ureinwohner Amerikas beschrieben. Sie flüchteten. Man musste ihnen zeigen, dass sich nichts zu befürchten hatten.

Hudsons Anruf traf die Indianer in der spannungsgeladenen Stille wie ein Keulenschlag. Was sollten sie jetzt tun? Weiter zu fliehen, könnte den „Großen Geist“ erzürnen. Denn das musste Manitu sein, mit dem prächtig bunten Rock dort an der Spitze des Riesenkanus. So hielten sie inne und erwarteten den kleinen Bruder des großen Kanus, in dem sich der „Große Geist“ und seine nicht ganz so prächtig gekleideten „Medizinmänner“ der Landzunge näherten.

Sie konnten nicht verstehen, was der Manitu im roten Rock sagte, doch schien er ihnen vertrauenerweckend zu sein. Einer seiner Begleiter reichte Hudson ein Gefäß, das wie ein Kürbis aussah. Daraus goss er dem Anführer, nachdem er selbst gekostet hatte, einen Trunk ein. Doch dieser lehnte ängstlich ab. Ein anderer Indianer überwand schließlich seine Scheu und nahm einen kräftigen Schluck, worauf er wie vom Blitz gefällt zu Boden stürzte. Bald jedoch erholte er sich wieder, so dass auch die anderen vom Feuerwasser des weißen Manitu probierten, bis alle ganz taumelig und betrunken waren.

Der Ort, an dem sich dies ereignet hatte, wurde fortan „Manna – Hata“ Platz der Trunkenheit genannt, worin wir unschwer das heutige Manhattan erkennen.

Nach Hudsons Expedition kamen holländische Siedler in die Bucht, schlugen Bäume, bauten Blockhäuser und im Jahr 1623 schließlich ein Fort, das sie „Nieuw Amsterdam“ nannten. Die Indianer brachten Felle und alles, was die Weißen gebrauchen konnten. Dafür erhielten sie eiserne Werkzeuge und Waffen, vor allem aber auch das ihnen so kostbar gewordene Feuerwasser. Das war kostbar und kostspielig zugleich, denn die Weißenverlangten einen Preis dafür, den die Indianer mit den Erträgen ihrer Jagd auf die Dauer nicht zu decken vermochten. Nicht zuletzt aus diesem Grunde waren sie gezwungen, die Insel Manhattan im Jahr 1626 für einen Bettelbetrag von 24 spanischen Talern zu verkaufen – ganze zwei Taler für einen Quadratkilometer dieses heute teuersten Bodens der Welt!

Die holländische Herrschaft über jene Gebiete währte jedoch kaum 60 Jahre. Dann erschienen die Engländer. Sie sorgten dafür, dass der Durst der Indianer stets gelöscht wurde, bis sie den Manhattan Indianer auch noch das letzte Stück ihrer einstmals ausgedehnten Jagdgründe abgeluchst hatten. Verarmt und demoralisiert erbettelten sich die einst so stolzen Krieger Land von ihren mohikanischen Nachbarn. Doch die Kraft und Ursprünglichkeit der Manhattan Indianer war auf immer dahin.

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Über Thomas Ritter 58 Artikel
Thomas Ritter, 1968 in Freital geboren, ist Autor und freier Mitarbeiter verschiedener grenzwissenschaftlicher und historischer Magazine. Thomas Ritter hat zahlreiche Bücher und Anthologien veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er seit mehr als zwanzig Jahren Reisen auf den Spuren unserer Vorfahren zu rätselhaften Orten sowie zu den Mysterien unserer Zeit. Mit seiner Firma „Thomas Ritter Reiseservice“ hat er sich auf Kleingruppenreisen in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika spezialisiert. Mehr Informationen auf: https://www.thomas-ritter-reisen.de Nach einer Ausbildung zum Stahlwerker im Edelstahlwerk Freital, der Erlangung der Hochschulreife und abgeleistetem Wehrdienst, studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte an der TU Dresden von 1991 bis 1998. Seit 1990 unternimmt Thomas Ritter Studienreisen auf den Spuren früher Kulturen durch Europa und Asien.