Meine Begegnungen mit Anna Seghers

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Als ich im Sommersemester 1958 mein Studium der Literaturwissenschaft an der Freien Universität in Berlin-Dahlem aufnahm, wusste ich noch nichts von Anna Seghers. Erst als ich, mit eingetauschtem DDR-Geld ausgestattet, in Ostberliner Buchhandlungen DDR-Literatur einkaufte, sah ich ihren Exilroman „Das siebte Kreuz“ (1942) im Schaufenster stehen, den ich kaufte, aber nicht las. Als ich zum Wintersemester 1960 mein Studium in Mainz fortsetzte, sah ich im Schaufenster der Universitätsbuchhandlung auf dem Campus ihre Erzählung „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ (1928) liegen, das auf Jahre hinaus einzige Buch von ihr, das in einem westdeutschen Verlag, bei Suhrkamp in Frankfurt am Main, veröffentlicht worden war. Die Luchterhand-Ausgabe ihrer Werke erschien erst nach dem Mauerbau von 1961.

Obwohl Anna Seghers als Netty Reiling in Mainz geboren worden war, schien man sich auch in ihrer Heimtatstadt kaum an sie zu erinnern. Den Roman „Das siebte Kreuz“ las ich dann, als ich seit 1962 für mehrere Jahre im Zuchthaus Waldheim in Sachsen saß, ich las ihn und konnte dadurch in Gedanken, da er in Mainz und der rheinhessischen Umgebung spielt, ins Rheinland zurückkehren. Im Herbst 1970, als ich an elf skandinavischen Universitäten Vorträge über DDR-Literatur hielt, entschlosss ich mich, meine Dissertation über das Frühwerk von Anna Seghers zu schreiben.

Zuvor hatte ich Anna Seghers nur einmal getroffen, in der Mainzer Stadtbücherei am 4. Oktober 1965, wo sie, wie immer in Mainz, ihre Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ (1946) las. Ich trat an sie heran und ließ mir ihren Namen in den Roman „Das siebte Kreuz“ schreiben. Meinen Namen nannte ich ihr nicht. Zwölf Jahre später, als ich meine Dissertation abgeschlossen hatte, begann ich mit Anna Seghers zu korrespondieren. Ich schrieb ihr, dass ich von Bloomington/Indiana in den Vereinigten Staaten aus, wo ich damals lebte, im März 1973 für eine Woche nach Mexiko City geflogen wäre und dort noch Exilfreunde von ihr wie Ernst Römer, Miguel Flürscheim und Leo Zuckermann getroffen hätte. Außerdem schickte ich ihr das erste Kapitel meiner Dissertation „Auf der Suche nach Netty Reiling“. Sie antwortete mir sofort und erzählte von Mexiko, wo sie ja 1943 bei einem Autounfall am 25. Juni 1943 fast zu Tode gekommen wäre.

Als sie 1983 gestorben war, existierte die DDR noch, der Staat, für den sie gelebt hatte. Nach 1990 öffneten sich die Archive, aber erst vor fünf Jahren erfuhr ich, dass sie sich im Herbst 1962 für meine Freilassung eingesetzt hatte. Die Initiative dazu ging von Hans Mayer (1907-2001), dem berühmten Leipziger Literaturprofessor, aus, den ich am 8. September 1961, einen Tag vor meiner Verhaftung durch die Staatssicherheit, in der Tschaikowskistraße 23, besucht hatte. Er hatte Anna Seghers im November 1963 während einer Veranstaltung auf den Dornburger Schlössern bei Weimar angesprochen und sie gebeten, sich für mich einzusetzen, meinen Namen kannte sie schon, da ihr meine Freunde in Mainz schon geschrieben hatten.

Als sie nach Berlin-Adlershof in ihre Wohnung in der Volkswohlstraße 81 zurückgekehrt war, rief sie Otto Gotsche (1904-1985), den Schriftstellerkollegen, an, der als Sekretär Walter Ulbrichts (1893-1973) ein mächtiger Mann war, und bat um ein Gespräch mit der Staatssicherheit. Am 4. Dezember 1962, da saß ich schon ein Vierteljahr in Waldheim, erschienen drei MfS-Offiziere, um mit Anna Seghers ein Gespräch über mich zu führen. Wieso sie mich verhaftet hätten, wollte Anna Seghers wissen, ich wäre doch ein „fortschrittlicher Student“. Die drei Offiziere müssen schallend gelacht haben, für sie war ich, weil ich mit meinen sieben Artikeln im Sommer 1961 in der Mainzer Studentenzeitung „nobis“ die DDR angegriffen hatte, ein Reaktionär.

Mehr als ein Jahr später gab es eine Resonanz auf die Eingabe von Anna Seghers zu meiner Freilassung. Am 5. Februar 1964 wurde ich von der Wachmannschaft im Zuchthaus Waldheim ins Zimmer des Stationsleiters gebracht. Dort saßen zwei hohe Offiziere der Volkspolizei, die aus Ostberlin angereist waren und sich mit mir zwei Stunden unterhielten. Vermutlich wäre ich damals schon entlassen worden, wenn ich geschickter argumentiert hätte. Aber ich hatte gerade mit Sondererlaubnis die Frühschrift von Karl Marx (1818-1983) „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“ (1844) gelesen und warf mit Zitaten um mich. Schließlich wurde ich gefragt, ob ich irgendwelche Beschwerden vorzubringen hätte, und ich erwähnte die unhygienischen Zustände in Waldheim. Die Antwort der beiden Offiziere war umwerfend: „Bis 1970 sind sowieso alle umerzogen, dann brauchen wir keine Zuchthäuser mehr!“

Ich habe Anna Seghers nie für ihren Einsatz danken können, sie starb 1983, sechs Jahre vor dem Mauerfall. Und ich habe erst 30 Jahre nach ihrem Tod davon erfahren, dass sie versucht hatte, mir zu helfen.

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Jörg Bernhard Bilke
Über Jörg Bernhard Bilke 192 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.