MERICS China Flash: Handelsstreit zwischen China und den USA – Fragen an Max J. Zenglein, Leiter des Programms Wirtschaft am Mercator Institut für Chinastudien (MERICS)

500 Euro Geldscheine, Foto: Stefan Groß
Handelsstreit zwischen China und den USA: „Europäische Unternehmen drohen, zwischen die Fronten zu geraten“ ­
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Trotz wochenlanger Anhörungen, in denen Berater und Unternehmensvertreter vor einer weiteren Eskalation des Handelsstreits gewarnt hatten, hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, ab 24. September weitere chinesische Produkte im Wert von insgesamt 200 Milliarden US-Dollar mit Strafzöllen in Höhe von 10 Prozent zu belegen. Anfang kommenden Jahres sollen sie sogar auf 25 Prozent angehoben werden. Damit wäre etwa die Hälfte aller Waren, die die USA aus China einführen, mit Abgaben belegt. Eine Lösung des Handelskonflikts erscheint angesichts der neu eintretenden Zölle und der Androhung weiterer Zölle auf nahezu alle chinesischen Importe immer unwahrscheinlicher.
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Fragen an Max J. Zenglein, Leiter des Programms Wirtschaft am Mercator Institut für Chinastudien (MERICS).
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­ Was erwarten Sie, wie China auf diesen Schritt reagieren wird? ­
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­ Peking muss angesichts der verhärteten Fronten schon aus politischen Gründen sehr deutlich reagieren. Gleichzeitig aber wird die chinesische Führung darauf bedacht sein, die aus dem Handelsstreit resultierenden Kostensteigerungen für die eigenen Unternehmen und Konsumenten im Land so niedrig wie möglich zu halten. Ich rechne daher nicht mit einem Rundumschlag, sondern mit einer Reaktion, die in erster Linie amerikanische Unternehmen in China treffen soll.

Anders als in der ersten Runde des Handelsstreites kann China aufgrund der Handelsstruktur gar nicht mit Strafzöllen auf amerikanische Waren in der selben Höhe antworten.  Denn China importierte 2017 nur etwa Waren im Wert von 130 Mrd. USD aus den USA. Während die USA also trotz der erheblichen Ausweitung der Strafzölle rund 49 Prozent aller chinesischen Importe treffen, kann China nicht gleichermaßen zurückschlagen. Sollte die chinesische Regierung neue Zölle auf Waren im Wert von weiteren 60 Mrd. USD verhängen, wären bereits fast 80 Prozent aller US-Importe betroffen.

Gleichzeitig aber hat China bereits Ende August Beschwerde bei der WTO eingelegt. Darüber hinaus rechne ich damit, dass amerikanische Unternehmen in China künftig kräftigen Gegenwind spüren werden. Benachteiligungen bei Auftragsvergaben, häufigere Kontrollen durch Behörden oder sogar Kundenboykotte, zu denen eventuell staatliche Medien aufrufen, halte ich durchaus für möglich. Denkbar sind auch Restriktionen im Tourismus und Studentenaustausch. Diese hätten zur Folge, dass künftig weniger chinesische Touristen in die USA reisen und zumindest vorübergehend weniger chinesische Studierende an amerikanische Universitäten gehen.

Da China der größte Gläubiger der US-Regierung ist, wäre es auch möglich, dass China künftig weniger US-Staatsanleihen hält. Massive Änderungen halte ich hier derzeit aufgrund der möglichen negativen Auswirkungen auf die chinesische Währung und das Finanzsystem aber für unwahrscheinlich.

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­ Halten Sie es für denkbar, dass Peking unter diesen Bedingungen das vergangene Woche formulierte Gesprächsangebot der USA noch annimmt? ­
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­ In Anbetracht der aktuellen Eskalationsstufe gehe ich davon aus, dass die chinesische Seite Gespräche erstmal ausschlagen wird. Im ersten Schritt erwarte ich eine Reaktion der chinesischen Seite auf die US-Zölle, um ein Zeichen der Stärke zu setzen. Für eine diplomatische Lösung sind die Fronten derzeit zu verhärtet. ­
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­ Wie sehr treffen die zusätzlichen Zölle China? ­
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­ Die Regierung versucht derzeit, eine Reihe von Problemen wie eine steigende Verschuldung, industrielle Überkapazitäten und Umweltverschmutzung in den Griff zu bekommen.  Eine weitere Ausweitung der Zölle auf chinesische Produkte kommt deshalb für China äußerst ungelegen. Ein allzu starkes Abkühlen des Wirtschaftswachstums kann die chinesische Führung momentan nicht tolerieren.

Ein eskalierender Handelskrieg droht zudem, die Abwanderung von arbeitsintensiven Produktionszweigen – insbesondere in den Konsumgütersegmenten – nach Südostasien zu beschleunigen. Auch wenn China derzeit weit weniger abhängig ist von Exporten als noch vor zehn Jahren, so setzen die Zölle Chinas Wirtschaft zusätzlich unter Druck.

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­ Was bedeutet das für deutsche und europäische Unternehmen, die in China produzieren? ­
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­ Europäische Unternehmen drohen, im Handelsstreit zwischen die Fronten zu geraten. Die Eskalation zwischen den wichtigsten Exportdestinationen der EU als auch Deutschlands führt deshalb zu einer großen Verunsicherung. Allen ist klar, dass globale Lieferketten betroffen sind. Straffzölle können die Zulieferung von Komponenten und Waren für den chinesischen oder amerikanischen Markt treffen. Ich warne deshalb davor, etwaige Vorteile auf dem chinesischen Markt durch eine mögliche Benachteiligung amerikanischer Konkurrenten zu bejubeln. Eine Diskriminierung aufgrund des Herkunftslandes eines Unternehmens liegt nicht im langfristigen Interesse multinationaler Konzerne. Wenn die Regeln des globalen Wettbewerbs untergraben werden, schadet dies letztendlich allen. ­
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Kontakt, Quelle und Rechte
Mercator Institute for China Studies
Klosterstrasse 64
10179 Berlin

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