Mit Ehrenämtlern und in größerem Stil begegnet die Katholische Kirche in deutschen Großstädten wachsender Armut

"Manche Probleme lassen sich nur lindern"

suppe suppenküche satt hungrig essensausgabe, Quelle: congerdesign, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Der Mann nennt sich Martin. Und er möchte seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Denn es gibt Menschen, die lehnen das, was Martin tut, grundweg ab. Martin leitet in Berlin einen Kreis ehrenamtlich tätiger Katholiken, die muslimischen Zuwanderern Deutsch beibringen. Viele der Zuwanderer haben politisches Asyl  beantragt, obgleich die meisten vor Armut und fehlender Perspektive in ihren Herkunftsländern geflohen sind. Ihre Anerkennungsquote liegt regelmäßig im unteren, einstelligen Bereich. Einmal in der Woche treffen sich die Ehrenamtlichen in der Werkstatt einer katholischen Sekundarschule im Stadtteil Charlottenburg, um Verben, Deklinationen und deutschen Satzbau zu üben. Es gibt Menschen, die Menschen wie Martin dafür kritisieren, ausgerechnet Muslimen ihre Zeit zu opfern. Obgleich in deren Wahrnehmung Christen und Juden als „Ungläubige“ gelten, die im Koran sogar als „Hunde“ diffamiert werden. Und dass ein gläubiger Muslim den Umgang mit Christen und Juden möglichst meiden sollte. Doch Martin bleibt unbeirrbar. Er und seine Frau haben kürzlich sogar die Vormundschaft für einen minderjährigen Afghanen übernommen, der ohne Eltern in die Bundesrepublik gekommen war. Auch seine Töchter hätten „nichts dagegen gehabt“, sagt Martin. Kritisches Nachfragen quittiert er mit abwehrender Handbewegung. Als Christ habe er Muslimen gegenüber eine „Bringschuld“, sagt er, zumal ein reiches Land wie Deutschland die Herkunftsländer der Muslime „systematisch ausbeute“, und dass da ja auch noch „die Sache mit den Kreuzzügen“ gewesen sei. Weit weniger weltanschaulich als Martin sehen ihre Arbeit die übrigen Helfer aus der Gruppe, darunter eine Ärztin und ein pensionierter Kripobeamter, die einfach ein wenig Zeit über haben, die sie zugunsten anderer sinnvoll nutzen wollen, so der einhellige Tenor.

Leid lindern

Ortswechsel. Die Suppenküche der Franziskaner in der Wollankstraße im Berliner Stadtteil Pankow, wo zu DDR-Zeiten hohe Parteikader ihre Villen hatten. Auch Mirko möchte in der Zeitung nur mit seinem Vornamen erscheinen. Das war die Bedingung für unser Gespräch. In langer Reihe stehen die Menschen vor der Suppenküche der Franziskaner, keine hundert Meter vom ehemaligen Todesstreifen entfernt, an. Armut und Verwahrlosung steht vielen ins Gesicht geschrieben. Die meisten sind zu Fuß gekommen, manche haben die S-Bahn genommen, mit einem Sozialticket der Berliner Verkehrsgesellschaft oder sind schwarz gefahren. Unter Obdachlosen hat es sich das gute Gratis-Essen der Franziskanermönche längst herumgesprochen. Viele sind darauf angewiesen. Denn die staatliche Unterstützung in Form von Hartz IV reicht oft nur bis zur Monatsmitte, auch übermäßigen Alkohol- und Tabakkonsums wegen, sagt einer der Mönche. Mirko sitzt mit seinem Kumpel Chris im Foyer der Suppenküche. Der 45-Jährige Malergeselle war der „Liebe wegen“ aus Süddeutschland nach Berlin gekommen, sagt er. Die Liebe ist gegangen, geblieben sind Schulden und das Gefühl, in der großen Stadt verloren zu sein. Bei den Franziskanern bekommt Mirko ein warmes Mittagessen. Inzwischen ist er Dauergast, jemand, der in den Tag hineinlebt und froh ist, wenn er jemanden zum Reden hat. Von Dienstag bis Sonntag hat die Suppenküche geöffnet. Es gibt eine Kleiderkammer und einen Sozialdienst, den eine Sozialpädagogin leitet. Die Franziskaner betreiben die Suppenküche mit Geldspenden, aus zugewiesenen Bußgeldern der Justizbehörden und manchmal auch mit Sachspenden, die sie an Bedürftige weiterleiten. Zurzeit seien vor allem Bettwäsche, Kinderkleidung und Handtücher gefragt, heißt es auf dem Anrufbeantworter an der Klosterpforte.

Gutscheine für den Discounter

Begonnen hat es mit der Suppenküche in der Nachwendezeit, als im Ostteil Berlins viele Menschen Not litten. Not, die es zu DDR-Zeiten, im „Arbeiter und Bauernstaat“ nicht geben durfte und dennoch gab. Anfangs kamen rund zwanzig Leute, bald schon Fünfzig und Hundert. Mittlerweile kommen täglich 300 bis 500 Personen zu den Franziskanern. Mirko wohnt in einem Heim für Wohnungslose. Eine eigene Bleibe kann er sich nicht leisten, sagt er. Und das mit dem Amt sei ihm „zu stressig“, sagt er Mirko hätte als Alleinstehender Anspruch auf eine vom Amt bezahlte, maximal 50 Quadratmeter große Wohnung. Doch dafür müsste er auch Eigeninitiative aufbringen. „Die wollen mindestens vier Bewerbungen im Monat von mir sehen, und dann soll ich auch noch jeden Mistjob annehmen, etwa morgens Zeitungen austragen, nee Danke“, entrüstet sich der gebürtige Rostocker. Ein-Euro-Jobs hat Mirko auch schon gemacht, sagt er, aber nicht lange. Und Schwarzarbeit sei nicht sein Ding. Das Amt zahlt ihm das Zimmer und hilft mit Gutscheinen für Einkäufe bei Aldi und Lidl. Mirko ist krankenversichert und hat sich, so scheint es, mit seinem Leben eingerichtet. „Würde ich einen 450-Euro Job annehmen, gingen 270 Euro davon ans Amt“, sagt er. Da lohne es sich doch gar nicht, arbeiten zu gehen, glaubt er. Er habe auch schon mal für eine Recyclingfirma gearbeitet und in einem Lager ausgeholfen, bis auch dort „Schluss“ war. Das Problem: In Berlin wird einfache Arbeit heute immer schlechter bezahlt, derweil die Mieten steigen und steigen. Und das nicht nur in exklusiven Lagen wie Mitte und Zehlendorf, sondern zunehmend auch in jenen Vierteln, die eigentlich als soziale Brennpunkte gelten. Neukölln, noch bis vor drei Jahren als Problemkiez mit hohem Ausländeranteil verschmäht, ist heute gefragter denn je. Kaltmieten von durchschnittlich neun Euro und mehr sind dort keine Seltenheit mehr. Nach unbestätigten Zahlen ist die Zahl der Wohnungslosen in Berlin bis Ende 2021 wieder auf über siebentausend gestiegen, nachdem sie Mitte der Neunzigerjahre mal kurzzeitig auf unter Fünftausend gesunken war.

„Unschuldige Gesellschaft“

„Wir können Probleme lindern, aber nicht immer lösen“, sagt ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Franziskaner über seine Arbeit mit den Obdachlosen. Es klingt ernüchternd, wie der angehende Sozialpädagoge das so sagt. Bei den Franziskanern gibt es eine Kleiderkammer und Hygienestation mit Dusche, WC und Waschmaschine für alle, die kein Geld für den Waschsalon haben, wo die Ladung mancherorts immerhin fast sieben Euro plus Pulver kostet. Obdachlose können sich dort, nach Geschlechtern getrennt, duschen und ihre Wäsche waschen lassen. Man dürfe jedoch nicht grundsätzlich der „Gesellschaft“ die Schuld an den Zuständen geben, die sich bei den Franziskanern wie in einem Brennglas fokussieren, sagt die junge Frau an der Theke, wo es gespendeten Joghurt, Bananen und Kuchen gibt. Obdachlosigkeit habe meist vielfältige Ursachen, sagt sie. Manchmal sind es Schicksalsschläge, noch häufiger jedoch die Unfähigkeit der Betroffenen, Lebenskrisen zu meistern und sich selbst zu helfen. Überhöhter Alkoholkonsum setzte manchmal eine verhängnisvolle Abwärtsspirale nach unten in Gang, an deren Ende ein Leben auf der Straße steht. Offiziellen Schätzungen zufolge wächst Berlin jährlich um 50.000 Neubürger. Viele kommen über die offenen Grenzen aus Osteuropa in die neue Boomtown an der Spree und sind oft bereit, gesetzlicher Mindestlohn hin oder her, für drei oder vier Euro jeden Job zu machen. Das macht sich auch auf dem städtischen Wohnungsmarkt bemerkbar. Die hohe Nachfrage korrespondiert schon lange nicht mehr mit den geringen Löhnen. Und wann die angekündigten Programme des  Berliner Senats zur Verbesserung der Wohnsituation Wirkung zeigen, bleibt offen. Denn Berlin ist faktisch pleite, finanziert einen beträchtlichen seiner Ausgaben durch Zuwendungen aus dem Länderfinanzausgleich. Zurzeit gieren alle nach Geld. Aus Mirkos Notunterkunft sollen bald teure Eigentumswohnungen werden, heißt es. Doch sei das bislang nur ein Gerücht.

Bruder Johannes von den Franziskanern in Berlin Pankow, und Gäste im Speisesaal, nahe der ehemaligen Sektorengrenze zu West Berlin. Fotos: B. Vallendar

 

https://franziskaner.net/haeuser/berlin-pankow/

 

Über Benedikt Vallendar 58 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Sachsen.