Mit Samuel Beckett durch die Coronakrise

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Für viele ist Corona eine Zeit, die sie für neue Veränderungen ihres Alltags stellt. Viele verzweifeln, doch Rettung ist auch in Sicht. Was können wir eigentlich in dieser Zeit der Stagnation von Samuel Beckett lernen?

Eigentlich ist es Frühling, doch es herbstet in Deutschland. Plätze und Straßen waren bis vor kurzem wie leergefegt. Die neuen Kathedralen sind Supermärkte und Tankstellen, die Tempel der Äußerlichkeit. Die Innerlichkeit hingegen musste sich die Domäne der auferlegten Ruhe erst erobern. Der neue Alltag nach Corona immer noch in seinen Anfängen. Das Gewohnte ist zurückgetreten und hatte einer fast mystischen Stille Raum gegeben. Eine bislang unbekannte Grabesstille hatte Deutschland umflankt und der Ritt durch die Zeit sowie die Vermessung der Erde waren in den Wartemodus getreten.

Die Menschheit, die zu neuen Himmeln stürmte, selbst die Ideologen des Transhumanismus kämpften mit dem bloßen Menschsein ums nackte Überleben. Was hilft Robotik und maschinelle Verbesserung der Neuen Menschen als Techno-Bio-Hybrid-System, wenn ein Virus in ungekannter Schnelle, für das Auge nicht sichtbar, sich wie ein Gürtel um die Erde spannt und die Lungen einschürt und zum Auflösen bringt? Der neue Mensch, Nietzsches Übermensch, musste warten, es gilt den alten zu retten, vielleicht den letzten Menschen.

Das Gute in am Schlechten in Zeiten der Krise: die Menschen rückten emotional zusammen – statt Raubierkapitalismus und Egomanie Solidarität und Humanität auf Abstand. Die Alphamännchen dieser Welt, Donald Trump, Wladimir Putin,  Recep Tayyip Erdoğan und Jair Messias Bolsonaro haben als Krisenmanager versagt, ihre Drohgebärden sind eine erbärmliche Kulisse in Coronazeiten. Allesamt waren sie schlechte Baumeister, Statisten der Krise. Die Bühne haben längst die Polizisten, Verkäufer und Ärzte und Krankenpfleger übernommen.

Die stillen Helfer waren es, denen Albert Camus in seinem Roman „Die Pest“ ein Zeichen gegen das Vergessen setzte. Sie sind es auch heute, die Trost sprechen, die der Verzweiflung vieler im Angesicht der Pandemie ein Stück Menschlichkeit zurückgeben. Im Angesicht des Todes spenden Krankenschwestern, Ärzte und Pflegekräfte Zuversicht und Hoffnung, selbst in den aussichtslosesten Situationen. Sie sind die eigentlichen Heiligen in einer Zeit des Ausnahmezustandes.

Nicht umsonst steht Camus’ Roman derzeit auf den Bestsellerlisten der von der Schreckensherrschaft des Coronavirus Heimgesuchten. Liefert doch die Literatur hier das, wonach die Seele des Menschen dürstet. Sie verkündet die Botschaft, dass Liebe, Solidarität und Humanismus, eine Ethik der Verantwortlichkeit und der Pflicht ist. Die Pragmatik des Helfens scheint scheinbar siegreicher zu sein als der Tod. Camus’ Pest ist eine Trostschrift, eine die den Tod im Gepäck hat und unmittelbar angeht. Und mit ihr wird die Literatur zu einem Stück weit Bewältigung des Lebens.

Absurd erscheint die Zeit in Coronatagen. Und für viele stellt sich die Frage nach dem Sinn in einer Zeit, die bar aller Sinnhaftigkeit ist. Die Leere erfüllt den Raum, die Gefahr der Erschlaffung, der geistigen Reglosigkeit und Langeweile droht und hängt sich wie eine dunkle Wolke über all jene, denen der Alltag abhanden, die in die Arbeitslosigkeit gespült und die der Welt von Gestern verlustig gegangen sind. Paradoxerweise könnte hier ein Autor Trost spenden, von dem man es gar nicht erwartet – der Ire Samuel Beckett und sein „Warten auf Godot“

Samuel Becketts „Warten auf Godot“

Beckett gilt als der Vater des absurden Theaters. Die Interpretationen eines der einflussreichsten Werke der Literatur des 21. Jahrhunderts variieren in der breitesten nur denkbaren Schere wie einst die Romane Franz Kafkas. Beckett hatte sich einer Interpretation immer enthoben. Die Commedia dell’Arte oder die Slapsticks des Stummfilms waren geläufige Interpretationen. Religiöse Deutungen, die Yin-Yang-These von der Gegenpoligkeit von Körper und Geist waren im Spiel. Den sozialistischen Kampf gegen die Ausbeutung ebenso wie Hegels Dialektik von Herr und Knecht gängige Interpretationen. Kritische Thesen über die Verselbständigung der Sprache folgten ebenso wie die existentiell-nihilistische These vom Leben als Wartezustand.

Die beiden Vagabunden Wladimir und Estragon treffen sich auf einer einsamen Landstraße. Sie warten auf Godot, der jedoch nie kommt. Ort und Zeit sind unbestimmt. Außer einem Baum ist weit und breit nichts zu sehen. Beide verkörpern so die existentielle Unbehaustheit des Menschen. Sie stehen für Existenzen an der Grenze von Leben und Tod, verkörpern die ewig enttäuschte Illusion des Wartens und beharren in tragikomischer Hilflosigkeit, die Gewissheit ihres Verfalles überspielend.

In „Warten auf Godot“ ereignet sich buchstäblich wenig, die Zeit steht still. Eine Monotonie regiert, die auf keinen transzendenten Ideenhimmel vertrauen kann, aus dem sie Hoffnung zu speisen vermag, sondern deren einziger Trost darin besteht, im Ungewussten zu verharren. Keine Erlösung winkt, nur blanke Existenz. Das Unveränderliche bleibt so die einzige Konstante in einer ewig sich wiederholenden Welt. Doch bei aller Wiederkehr des Gleichen wird in Becketts Stücken – über die Erfahrung der Negativität hinaus – für eine Transformation ins Positive geworben. Wie bei Camus Sisyphos sein Schicksal annimmt und dieses als sein lebensweltliches Glück versteht, begreifen die Protagonisten Becketts ihren sinnlos verstellten Alltag als ein Hoffen auf Godot, möglicherweise auf Gott, der angekündigt wird, sich der Ankunft aber verweigert oder entzieht. Bei aller Erfahrung von Absurdität spricht Beckett eben auch von „glücklichen Tagen“.

Wie aktuell Beckett in der Zeiten der Coronakrise ist, liegt buchstäblich auf der Hand. Das Absurde kommt im Gewand der Pandemie und stellt die Existenz, sowohl den inneren wie den äußeren Sinn, die Seele und den physischen Menschen, auf das Neue die Probe des Belastbaren. Die Mühen der Ebene scheinen endlos und auch bislang ist kein Ende in Sicht. Denn Corona wird vorerst die Welt beherrschen und wir uns damit arrangieren.

Was bleibt, und dies scheint auch „Warten auf Godot“ zu verdeutlichen, ist eine Hoffnung, die nicht geschenkt, die immer über einen Verlust erkauft werden muss. Für Beckett entzieht sich zwar das große Gebäude metaphysischer Spekulationen, doch ein Blick in die heutige Lebenswelt zeigt auch ein dem Schein des alltäglichen Hinvegetierens Entgegengesetztes. Im Umfeld des Sinnlosen wächst der Glaube an das Sinnhafte, an die Stelle von Nihilismus und Verzweiflung gilt es, das Leben in seiner scheinbar beweglosen Schleife zu akzeptieren. Die Gesundheit zu preisen und die kleinen Dinge zu würdigen, die wir sonst als belanglosen Tand verachteten, sollte zur Feier des Tages werden.

Vielleicht führt uns das Ganze aber auch zu einer neuen Religiosität oder zu einem Geist des Umdenkens, durch den wir die Natur wieder entdecken, anstatt diese zu verzwecken und ausbeuten. Hoffnung bleibt das letzte Wort, sie zu verlieren, endete auch für Beckett in der absoluten Katastrophe. Man muss nur lernen, mit dem Absurden zu leben, es ertragen – eine zweifellos schwierige Last und Herausforderung.

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Stefan Groß-Lobkowicz
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Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur