Paul Virilio sah den Lockdown voraus

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Einst waren wir Geschwindigkeitsweltmeister, nun sind wir ungewollte Entschleuniger. Stillstand überall – das öffentliche Leben liegt lahm, Geisterstädte überall und das Land wirkt wie ausgestorben. Vom einstigen Beschleunigungswahn ist derzeit wenig geblieben. Der globale Raum derzeit unerreichbar, auf Zimmergröße geschmolzen. Die Zeit hingegen verdichtet und exponiert sich graduell mit der gesellschaftlichen Gespensterruhe. Selten in der Menschheitsgeschichte gab es einen solchen paralysierten Stillstand und selbst bei der Pestepidemie im Mittelalter waren die Räume nicht so eng. Ein kleiner Virus, unerkennbar und übermächtig, hinterhältig und bislang unerklärbar, hat uns von Transrapidgeschwindigkeit und Überschall in der Beschaulichkeit der Straßenbahngeschwindigkeit anlangen lassen. Der Geschwindigkeitsrausch, der dem neoliberalen Kapitalismus und einem systemischen Fortschrittsgedanken innewohnt, ist nun tatsächlich in seinem Gegenteil angekommen.

Paul Virilio und der rasende Stillstand

„Gerade die Geschwindigkeit selbst führt sie irre“. Dies stößt jenen zu, die in einem Labyrinth eilig umher irren, hatte schon Seneca gelehrt. Doch erst der Franzose Paul Virilio (1932-2018) hat über das Verhältnis von Fortschritt und Stillstand tiefgreifender reflektiert.  Seine These – wir leben in einer Beschleunigungswelt, die Menschheitsgeschichte ist nicht anderes als eben so eine Beschleunigungsgeschichte mit der exponentiell die Gefahr des Stillstandes einhergeht. Rasenden Stillstand nennt es Virilio und erteilt damit dem Fortschrittsdenken eine Absage. Seines Erachtens vernichtet die Geschwindigkeit den Raum und verdichtet die Zeit und dies sei zugleich das verhängnisvollste Phänomen des 20. Jahrhunderts.

Seine kritischen Rufe waren kassandrahaft und pessimistisch. Dennoch war Virilio, ein bekennender Katholik, der getreu dem Lebensmotto seines Namensheiligen, des Apostel Paulus nach der Maxime „Hoffen gegen alle Hoffnung“ lebte, kein bloßer Romantiker, der Entschleunigungspredigten in burnoutüberhitzten Zeiten gehalten hat, sondern ein politisch bewegter Diagnostiker.  So schrieb er 1992 sein Buch „Rasender Stillstand“. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen – Shitstorm und Fake News, die Hysterieeffekte mit ihren Rückkoppelungsschleifen in Echtzeitkommunikation noch in weiter Ferne. Doch alles sollte so kommen, wie es der Prophet und Mahner, der „christliche Anarchist“, wie er sich selbst nannte, prophezeite.

Virilios Philosophie, die sich  in dem Kunstwort Dromologie, aus „dromos“ (Beschleunigung) und „logos“ (Lehre) zusammengesetzt, spielt den Geschwindigkeitsrausch in allen Szenarien der Post-Post-Moderne durch. Ob Börsenspekulation oder Teilchenbeschleuniger: die technisierte Welt verheißt nur Unheil. Und dieses Unheilsurteil verhängt der Philosoph sowohl über die Mediengeschichte, die Naturwissenschaften, die Medizin, Physik und sogar über die Metaphysik. Je mehr die Geschwindigkeit prozentual ansteigt, umso mehr wächst dazu parallel die Stagnation. Einfachste Beispiele sind: Wir haben immer mehr Mobilität und stehen immer mehr im Stau: Wir sind Telekommunikationsweltmeister, doch erreichbar ist per Telefon kaum noch einer. Einer seiner eindringlichsten Sätze bleibt, dass wir nicht mehr an einem Ort wohnen, „sondern im Transport“ – auf Autobahnen und Flughäfen.

Von der Steinschleuder, über die Feuerwaffen bis hin zur Atomrakete, vom Pferd über die Eisenbahn bis hin zu Autos und Flugzeugen – die Geschichte kannte immer nur ein Schneller, Höher und Weiter als ihr Ziel. Der Mensch wird, davor hatte bereits der Philosoph Günther Anders in seiner “Die Antiquiertheit des Menschen“ 1961 gewarnt, in der telemedialen Welt durch die simultane Teilhabe zu einem rein vegetativen Zuschauer. Reglos verharrt dieser lichtsensibel vor dem Geflimmer auf den Bildschirm starrend. Und die an die Bildschirme gefesselten Mediennutzer werden zu Hampelmännern, von den Kontrolleuren künstlicher Bilderfluten manipuliert. Die Tyrannei der Bilder, die „Informationsbomben“ der „Live-Demokratie“ und „die Kontrolle des Weltbildschirms“ kritisierte Virilio. Nach seiner Emeritierung als Professor für Architektur in Paris floh er – natürlich ohne Fernsehen und Auto – an die entschleunigte Atlantikküste.

„Ich glaube, wir steuern auf eine, wie ich es nenne, „Globalisierung der Affekte“ zu. Wir befinden uns hier vor einem neuartigen, wenn nicht religiösen Phänomen: vor der gottgleichen Möglichkeit, praktisch auf der ganzen Welt das gleiche Gefühl zu erzeugen.“

Globalisierung der Affekte, darin sah Virilio den  drohenden Endzustand. Dem Wahn, elektronischer Telekommunikation in ihrer All- und Omnipräsenz ausgeliefert zu sein, die Erfahrung der geschichtslosen Augenblicklichkeit im Beobachten und die Verführung der simultanen Teilhabe standen für den Medientheoretiker, Stadtplaner und Architekten exemplarisch für einen Zustand der medialen Ghettoisierung, der elektronischen Apartheid und für das Koma schlechthin. Eine Gesellschaft, die mit allen Mitteln an ihrem Fortschritt arbeitet, Zeit und Raum hochtechnologisch beherrschen will, arbeitet letztendlich an der Auslöschung ihrer selbst, ihr droht eine totale Regression.

Insbesondere in der Echtzeitübertragung sah Virilio den größten Gau der Zivilisation und hat daraus, so in einem seiner letzten Bücher, „Der große Beschleuniger“, den konjunkturellen Verfall der Wirtschaftsmärkte abgeleitet. Das Argument dabei: Die Zeit sei derart verdichtet, kennt kein Gestern und kein Morgen, dass nur noch rasende Algorithmen regieren und der Mensch dahinter zurücktritt. „Digitale Diktatur“ nannte es Virilio und spielte diese mit seinem „dromologischen Blick auf die Probleme der Finanzkrise, der Deregulierung der Arbeitswelt, der Flüchtlingsströme, des Massentourismus, der Krise der Demokratie und vor allem der Krise der Familie durch.

Für Virilio bleibt die Geschwindigkeit nicht nur der alles entscheidende Faktor, der über unsere Zukunft entscheidet, sondern mit der Geschwindigkeit steht und fällt unser Schicksal schlechthin. Die Dialektik, die dieser Dromologie innewohnt, überzeugt gerade in Zeiten der Coronakrise, denn hier zeigt sich überdeutlich, dass der gegenteilige Effekt, der absolute Stillstand oder der rasende Stillstand, eingetreten ist.

Was würde Virilio in Zeiten der Pandemie, er, der große Entschleuniger, also sagen? Zuerst würde er den telegenen Hype kritisieren, die Hyperreflexe, die die Medien auslösen und den Konsumenten willfährig abhängig machen. Die Bilder der Panik und des Todes lassen diesen ja allein in universaler Tele-Präsenz resignieren und diese Echtzeit erzeugt Angst. Schon früh warnte Virilio davor, dass die dromologische Entwicklung zu übersteigerten Ängsten – vor Pandemien, vor Börsenpanik zu Essphobien und Klaustrophobie führen wird, die allesamt von den Regierungen orchestriert werden, um damit Politik zu machen. Inmitten des hyperrationalen 21. Jahrhunderts schlägt die Aufklärung durch Covid-19 in rasende Angst um und gebiert den totalitären Stillstand, die Repression und die Depression. An die Stelle der Vernunft ist die „Verwaltung der Angst“ getreten, die selbst ohnmächtig ist.

Die Medizin, die Virilio als Eroberung des Körpers kritisierte, weil sie seine Individualität bedroht und aus den Menschen durch Herzschrittmacher, Organtransplantationen, prothetische Chirurgie ein Ersatzteillager macht, ist unfähig einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Diese hochspezialisierte und -technologisierte Medizin kann nur den Ist-Zustand verwalten. Dringende Operationen werden aufgeschoben, um die Kapazität für Intensivpatienten zu garantieren. Die Medizin ist im Angesicht des Coronavirus im operativen Stillstand angelangt.  

Das Coronavirus, die Pandemie, die die ganze Welt in Echtzeit lahm legt, durchseucht und infiziert, ist letztendlich ein Produkt der Globalisierung, zumindest seine Verbreitung. Die Technik hat die Pandemie letztendlich befördert. Durch Flugzeuge, Lieferketten und Menschen im Transport hat sich Covid-19 rasend über der ganzen Welt verstreut und dieser letztendlich den Shutdown gebracht, das totale Erliegen des gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Lebens. Virilio, von einigen Zeitgenossen ob seiner Theorie des dromologischen Fortschritts belächelt, sah dies alles voraus – er war Prophet und Mahner zugleich. Gehört hat keiner auf seine Stimme – das Ergebnis ist erschreckend wie voraussehbar.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2081 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".