Sándor Petöfi zum 200. Geburtstag – eine beeindruckende Werkschau

Adorján Kovács, Sándor Petöfi, „Dichter sein oder nicht sein“ – Dichtung und Deutung, Neustadt / Orla 2023, 303 S., geb., Fadenheftung, ISBN 3-95930-276-2; 34 Euro.

Gehört Ungarn zu Mitteleuropa? Namen wie Ignaz Semmelweis oder Theodor Herzl kommen uns sofort in den Sinn – aber natürlich! Wer aber ist Ungarns bedeutendster Dichter? Der Name Sándor Petöfi wird hier nicht ganz so häufig genannt. Eine gründlich biographische Studie zu diesem bedeutenden Literaten war daher ein Desiderat. Adorján Kovács hat zum 200. Geburtstag Petöfis eine Monographie vorgelegt – und den Rezensenten in Erstaunen versetzt.

Als Nationaldichter sehen die Ungarn „ihren“ Sándor Petöfi an. Im Jahre 1823 wurde der geboren. Kaum 26jährig, 1849, starb er als Soldat nahe der siebenbürgischen Stadt Schässburg. Trotz seines kurzen Lebens hat er es zum heute international bekanntesten Autor Ungarns gebracht, und im Lande wird er ohnehin verehrt. Als Volks-, National- und Revolutionsdichter ist er vereinnahmt worden, aber all das greift zu kurz. Einem solchen Dichter im benachbarten Ausland und dazu noch in einer anderen Sprache als seiner eigenen ein würdiges Denkmal zu setzen – das ist eine große Aufgabe.

Adorján Kovács widmet sich dieser Aufgabe mit erkennbarem Elan und mit großer Detailkenntnis. Ab der ersten Seite unterstützt seine ausgefeilte, sehr nuancenreiche Sprache das thematische Anliegen, das der Autor hat. Die Monographie über den Dichter der ungarischen Romantik, denn auch das war Sándor Petöfi, ist damit für sich selbst genommen bereits ein Stück Literatur. Das nimmt nicht wunder, ist doch der Autor selbst eine bemerkenswerte Gestalt – Arzt, Zahnarzt, Gesichtschirurg, spezialisiert zudem auf dem Gebiet der Onkologie, dazu aber genauso Philosoph und Publizist.

Schon in seiner Einführung gibt Kovács sich selbst und damit dem Leser ein anspruchvolles Konzept, in der er fünf Aspekte auflistet, die er untersuchen möchte: Proteushaftigkeit, Vielschichtigkeit, Experimentalität, Antizipation und die Poetik der Wiederholung. Hier wird mit philosophischer Tiefe eine Anamnese in bester medizinischer Qualität angekündigt – und Punkt für Punkt abgearbeitet. Die Lektüre lohnt sehr, und bald schon wird durch Kovács Ausführungen klar, wie sehr Petöfi in der mitteleuropäischen Kontext gehört.

Nach Vorwort, Prolog und Einleitung ist das Wissen um Petöfi enorm vermehrt, weit mehr als in sonstiger deutschsprachiger Spezialliteratur, im übrigen mit Textbeispielen der ins Deutsche übertragenen Lyrik mustergültig belegt. Und nun legt Kovács überhaupt erst los! Auf 224 Seiten analysiert und deutet er eine große Zahl der Gedichte, die in Petöfis knapp fünfjährige Phase intensiven Schaffens vor seinem jähen Tod gehören. Dies geschieht nach Art einer sorgfältigen Anamnese, die hier aber auf das literaturwissenschaftliche Fach angewandt ist. Kovács zeigt in dieser kompakten Werkschau, die das Herzstück seines Werkes bildet, den früh verstorbenen, aber auch früh vollendeten Dichter als einen poetologisch bewußten, vielseitigen, inhaltlich widersprüchlichen, experimentellen und Entwicklungen der Zukunft antizipierenden Autor.

Kovács ist belesen, er ist klug. Und er ist versiert genug, um Petöfi klar und verständlich in den kulturellen Kontext Europas einzuordnen. Wie nebenbei darf der Leser eine tour d’Horizon durch die Geistesgeschichte des Vormärz erwarten. Georg Büchner könnte ihm ähnlich gewesen sein, radikal, brausend. Doch Petöfis Werk weist über dasjenige Büchners hinaus, so lesen wir es bei Kovács. Der benennt rund ein Dutzend Referenzpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, mit denen Petöfi, dieser ungarische Ovid, in Bezug gesetzt werden kann: Clemens von Brentano, Achim von Arnim, Georg Herwegh, Heinrich von Kleist, Heinrich Heine, Nikolaus Lenau, Joseph von Eichendorff, Gottfried Keller, E.T.A. Hoffmann, Annette von Droste-Hülshoff – nicht aber Theodor Körner. Denn der gewaltsame, frühe Tod, der Körner wie Petöfi ereilte, steht bei Kovács nicht im Vordergrund. Unbestechlich blickt er vielmehr auf das dichterische Schaffen, und hier sieht er große Differenzen zwischen den beiden Letztgenannten. Viel weiter ist das Themenspektrum bei Petöfi als bei Körner, und viel unmittelbarer sein Postulat an sich selbst: „Dichter sein oder nicht sein“ – fast wäre Petöfi, völlig mittellos, verhungert, bevor er als Schriftsteller erfolgreich war; fast wäre er auch einmal an Typhus gestorben.

Diese Monographie ist durch die vielen zitierten Gedichte – übrigens durchwegs in ausgezeichneten Übersetzungen – zugleich eine Auswahlsammlung der zehn Lyrikbände Petöfis, die zwischen 1844 und 1848 erschienen. Petöfi, der vor seiner literarischen Karriere mittellos war, konnte als erster Schriftsteller Ungarns vom Verkaufserfolg seiner Veröffentlichungen in Pest, dem heutigen Budapest, auskömmlich leben – ein Vergleich zu Ludwig van Beethoven bietet sich an: dem gelang es eine Generation zuvor in Wien, als erster Komponist allein von seiner Tonkunst zu leben. In den Jahrhunderten zuvor hatten Künstler immer eine Anstellung, sei es bei Hofe, an einem Bischofssitz, sei es als Jurist, Prediger oder Kirchenmusiker.

Kovács hat eine Mission. Für ihn, des Ungarischen mächtig, ist Petöfi, den er im Originaltext lesen und verstehen kann, „einer der größten Lyriker überhaupt“. Die Mission, Petöfi zu Ehren zu bringen, ist diesem in jeder Hinsicht sorgfältigen und auf Vollständigkeit in der Darstellung abzielenden Werk deutlich anzumerken. Das Buch ist kompakt und handlich geraten, dabei angenehm in der Haptik. An der Produktion ist nicht gespart worden, und als Titelbild wurde auf eine der ganz frühen Daguerreotypien zurückgegriffen, die von Petöfi zu Lebzeiten angefertigt wurde und die durch glückliche Umstände erhalten ist.

Der vollständige Durchdringer und beste Versteher der Romantik, zugleich ihr Überwinder – eine Art „Super-Romantiker“: das ist der Dichter Petöfi für den Publizisten Kovács, er nennt ihn „sprachlich unfehlbar“, von „eleganter Selbstverständlichkeit“, „quasi unübersetzbar gut“. Trotz dieser Superlative, die ja auch für Kovács selbst eine Hürde bedeuten, die es zu überwinden gilt, kann sein Unterfangen, dem großen ungarischen Poeten seine berechtigte Würdigung zu verschaffen, als rundum gelungen betrachtet werden. Dieses Buch wird in die Forschung zur ungarischen Literatur insgesamt für viele, viele Jahre ein unverzichtbares Referenzwerk sein, das Bezüge und Quervergleiche aufzeigt und eine erweiterte und durch die Literatur geschärfte Sicht auf eine ganze europäische Epoche ermöglicht. Mission erfüllt – auf beeindruckende Weise!

Adorján Kovács, Sándor Petöfi, „Dichter sein oder nicht sein“ – Dichtung und Deutung, Neustadt / Orla 2023, 303 S., geb., Fadenheftung, ISBN 3-95930-276-2; 34 Euro.

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Über Sebastian Sigler 69 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.