Hans Scharoun und die Entwicklung der Kleinwohnungsgrundrisse

Markus Peter und Ulrike Tillmann: Die Wohnhochhäuser Romeo und Julia 1954–1959

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Markus Peter und Ulrike Tillmann: Hans Scharoun und die Entwicklung der Kleinwohnungsgrundrisse. Die Wohnhochhäuser Romeo und Julia 1954–1959, Park Books, Zürich 2020, ISBN: 978-3-03860-156-2, 58 EURO (D) 

Die Stuttgarter Wohnhochhäuser «Romeo und Julia» von Hans Scharoun, entstanden in den Jahren 1954 bis 1959, bilden einen seiner eigenwilligsten und weitreichendsten Versuche, den «Wohnvorgang» neu zu entwerfen. In den hinterlassenen Dokumenten zu dem Projekt im Baukunstarchiv der Akademie der Künste in Berlin gibt es bis auf wenige Ausnahmen, die in diesem Buch erstmals zu einem Planungsprozess rekonstruiert wurde. Zu Beginn des Buches werden die Zeichnungen Scharouns aus den Jahren 1954 und 1955 gezeigt. 

Danach werden auf den Prozess der Planung und auf die ideengeschichtlichen Hintergründe Scharouns in Auseinandersetzung mit früheren Grundrissentwürfen und deren Protagonisten. Zu nennen ist da vor allem Hugo Häring, der als Vertreter der organischen Architektur galt und die Harmonie von Gebäude und Landschaft, eine den Baumaterialien gemäße, „organisch“ aus der Funktion heraus entwickelte Form sowie eine soziale Zweckmäßigkeit der Architektur anstrebte. Oder die Bezugnahme auf die Analysekriterien zur Bewertung von Kleinwohnungsgrundrissen von Alexander Klein, der Kleinwohnungsgrundrisse mit ihren vielen unproduktiven Flächen zweckmäßig und wirtschaftlich gestalten wollte. Klein teilte er den Grundriss in zwei Raumgruppen: Wohn-, Esszimmer und Küche sowie Schlaf-, Schrankzimmer und Bad. Seiner Vorstellung nach sollte jeder Grundrisstyp eine seiner Nutzfläche entsprechende, bestimmte Bautiefe und Frontlänge haben. Es werden dazu zahlreiche historische Bilder zur Bauphase und zeitgenössische Fotografien von Georg Aerni. 

Das Besondere an Scharouns Konzeption der beiden Wohnhochhäuser sind „die Umwandlung des Nacheinanders der reihung und der Addition in das Gleichzeitige, die Scharoun vor allen anderen beschäftigten; die Gleichzeitigkeit wird dabei das eigentlich Primäre der Polyphonie selbst. Sicherlich widersetzt sich Scharoun damit der drohenden Wiederholung, der Eindeutigkeit und Vorhersehbarkeit der Monotonie des Massenwohnungsbaus, und er bedient sich nochmals verstärkt, erweiterter Logiken der Akkumulation und der Multiplizierung, um diese unorthodoxe Figuration von Wohnungseinheiten auszubilden.“ (S. 192)

Mit dem Buch wird der Grundrissforschung des 20. Jahrhunderts eine bislang weitgehend unbekannte Größe neu hinzugefügt. Die Arbeitsweise von Scharoun wird hier detailliert nachgezeichnet. Es wird klar: Die intellektuelle Auseinandersetzung Scharouns mit Konzepten der Kleinwohnung, Protagonisten der Grundrissgestaltung und die Fähigkeit zur interdisziplinären Adaption sind höher zu bewerten als die eigentlichen Prozesse der Planung und die Phasen der Realisierung. 

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.