Staatendämmerung in Bayreuth – Bemerkungen zu Frank Castorfs umstrittener „Ring“- Inszenierung

Nachdem der letzte Vorhang zur „Götterdämmerung“ gefallen war, blieben nach dem dritten Zyklus in diesem Jahr heftige Buh-Rufe aus. Stattdessen sekundelange Ergriffenheit und stürmischer Beifall, der vor allem der auch für Bayreuth außerordentlichen musikalischen Qualität galt. Aber sollte dem neuen „Ring“ ein ähnlicher Akzeptanzzuwachs beschieden sein wie seinerzeit dem Jahrhundertring von Chereau? Zuerst heftige Ablehnung, dann zunehmende Begeisterung? Jedenfalls decken sich die Argumente gegen ihn im Wesentlichen mit denen von1976: Kapital versus Mythos ( die Giebichungenhalle als Krupp-Stahlwerk bei Chereau und der Ölbohrturm aus Baku in Castorfs „Walküre“), insgesamt die mangelnde Werktreue! Aber der Zugriff des Berliner Volksbühne-Intendanten Frank Castorf auf den „Ring“ – man könnte ihn auch als Angriff sehen – ist viel radikaler. Affirmation ist nicht angedacht, stattdessen scheint der Provokateur Brechts„Glotzt nicht so romantisch!“ ins Publikum zu schleudern.
Bereits am „Vorabend“ der monumentalen Wagnerschen Tetralogie im „Rheingold“ zieht der Regisseur alle Karten seines Theaters zwischen Groteske, Slapstick und visueller Überforderung.
Sein Konzept des postdramatischen Theaters zielt auf Verfremdung und Übertreibung, eine Wiedererkennung von bereits Gesehenem ist nicht eingeplant. Das grell bunte Personal der Tankstelle mit Motel an der Route 66imAmerika der 70iger Jahre, was hat es zu tun mit Wagners Göttern, Riesen und Zwergen? Öl statt Gold ist das Thema, aber dennoch wird ein Haufen Gold aus dem Swimmingpool geklaut. Wotan ist Zuhälter, Obergangster und geil. Die Rheintöchter sind planschende Prostituierte mit Blondhaar und reichlich Busen, Erda wirkt wie eine Edelnutte und Alberich genießt seine Bratwurst und beschmiert sich seine breite Brust mit Senf. Fernab vom Rhein und der Götterburg spielt sich diese Ballade von Schuften und Schlampen nicht nur auf der Bühne sondern auch in einer Parallelwelt aus Videoaufnahmen ab. So entgeht dem Zuschauer nichts, weder Brutalität noch Sex, weder Geilheit noch Suff. Kohärentes Erzählen ist Castorfs Sache nicht, und so muss sich der Opernbesucher auch die reichlich eingeblendeten Bildzitate, vornehmlich aus Filmen, selber erklären. Ein Cineast, der alles wieder erkennt! „Im wirklichen Leben versteht man ja auch nicht alles“, könnte der Regisseur dazu sagen – in Anlehnung an seine Bemerkung zu den ungünstigen Sichtlinien dieser Produktion von den rechten Randplätzen im Festspielhaus.
Die „Blutspur des Öls“ führt in der „Walküre“ nach Baku, wo das flüssige Gold am Ende des 19. Jahrhunderts nur so sprudelte.1880 setzte der Ölboom , in den Nobel und Rothschild als Unternehmer investierten, ein. Für den jungen Josef W. Dschugaschwili, den späteren Stalin, wurde der Ort zum Katalysator auf dem Weg zum Revolutionär. Wotan ist jetzt ein Patriarch mit Rauschebart im zaristischen Russland, Fricka eine Art aserbaidschanische Königin. Der Neuanfang, der auch bei Wagner im ersten Akt der „Walküre“ mit der Liebesgeschichte von Siegmund und Sieglinde einsetzt, führt bei Castorf zu einerneuen Exposition, einer Zurücknahme der Mittel und einer verhaltenen Personenregie, die das Kraftwerk der Gefühle in der Musik belässt. Auf der riesigen Bayreuther Drehbühne mit dem hyperrealistischen Bühnenbild der Ölbohrstelle mit Bohrturm von Alexandar Denic spielt sich die unmoralischste Liebesgeschichte der Operngeschichte ab, Inzest und Ehebruch mit Wagnerschem Belcanto. Aber immer, wenn dem Volksbühnenrevoluzzer die Musik zu rauschhaft ertönt, setzt er in seiner Regie dagegen. Ist es die Wälsungenmutter, die im Videobild mit Wotan telefoniert und Sahnetorte isst? Brünnhildes Auftritt in einem Kostüm, das an der Met nicht schöner sein könnte, unterstreicht dagegen den nur in der „Walküre“ festzustellenden „opernhaften“ Charakter mit Rampensingen. Dramaturgisches Genie blitzt erst auf, als Castorfim 3. Akt mit dem Walkürenritt den Ausbruch der Oktoberrevolution auf die Bühne bringt. Fanatisierte Rebellen mit roter Fahne stürmen den Bohrturm, die Walküren entledigen sich ihrer üppigen und züchtigen Robenaus der Zarenzeit, und wie schon im „Rheingold“ ist der Videofilmer dabei. Wotan mutiert jetzt zum russischen Kombinatsdirektor und zynischen Säufer, Mitleid ist nicht angebracht. Während sich am Schluss die Wotanstochter ganz hinten im Bohrturm zu langem Schlaf begibt, brennt vorne ein Ölfass.
Am wenigsten mit Wagners Libretto hat der „Siegfried“ zu tun. Für Frank Castorf ist es der Teil des „Rings“, in dem er dem märchenhaften Geschehen seine eigenen politischen Erfahrungen in der DDR und seine Phantasien implantiert. Das aufwendigste Bühnenbild aller Bayreuther Inszenierungen seit 1876 zeigt auf der einen Seite den Mount Rushmore, die Ikone der amerikanischen Demokratie, mit den Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao. Nach einer Drehung wird der Alexanderplatz sichtbar als Symbol des real existierenden Sozialismus. Die Geschichte von Macht und Machtmissbrauch, Ausbeutung und Gier findet in dieser Inszenierung nicht in mythologischer Ferne statt, sondern in konkreten historischen Phasen an sehr unterschiedlichen Orten in Ost und West. Die Bühne bedient diesen Ansatz in großartiger Wandelbarkeit und einem Hyperrealismus wie man ihn auf der Opernbühne lange nicht gesehen hat. Dagegen ist der Bär, der mit Siegfried in Mimes Schmiede stürmt, kein Bär sondern der stumme Statist, der in den unterschiedlichsten Rollen den gesamten „Ring“ begleitet. Der Drache ist auch kein Drache sondern eine Mischung aus Zuhälter, Türsteher und Partyveranstalter und wird statt mit dem Schwert von einer Kalaschnikow erledigt. Das Filmzitat (ein Filmausschnitt von Stanlay Kubricks „Clockwork Orange“?) steht für Gewalt. Beim Waldweben kündigt sich dann eine rührende Beziehung an, die dem konservativen Opernbesucher gar nicht gefällt. Siegfried und der Waldvogel (in einem Kostüm wie aus dem Revuetheater) werden ein Paar. Siegfried als Naturbursche kennt ja die kreatürliche Vereinigung und seine Furcht vor der Menschenfrau Brünnhilde bleibt trotzdem stimmig. Frank Castorf erzählt die Geschichte der Mannwerdung Siegfrieds von Beginn an rotzig und rüde, aber auch im realen Leben verläuft oft der Lebensweg eines Heranwachsenden zumal als Waisenkind bei einem ungeliebten Vater nicht störungsfrei und endet häufig in Gewalt. Oder ist das schon zu viel Interpretation für den Regisseur? Im dritten Akt sitzen Wotan als verlotterter Wanderer und Erda an einem Biertisch am Alexals verhandelten sie eine gescheiterte Beziehung. Die Fellatio am Ende der Begegnung – eine überflüssige Zuspitzung?
Wie Castorf das Pathos von Wagner unterläuft, gefällt auch in der letzten Szene ganz und gar nicht und führte während der Proben zu langen Diskussionen mit dem hervorragenden Dirigenten Kirill Petrenko. Brünnhilde in einem Spreewald-Brautkleid wird zwischen Müllsäcken erweckt und zur wunderbaren Stretta im Schlussduett sieht man kopulierende Krokodile auf der Bühne, Symbole für Geschlechtlichkeit oder für den heraufziehenden Raubtierkapitalismus?
Auch in der „Götterdämmerung“ sprudeln die Ideen des Regisseurs nur so hervor. Die Nornen sind in einer Hinterhofgarage dem haitianischen Voodoo- Zauber verfallen, und das Zusammenleben von Siegfried und Brünnhilde im silbernen Wohnwagen, der schon als Behausung von Mime diente, gestaltet sich ungemütlich. Brünnhilde mischt Karten und Siegfried wirkt depressiv. Während der „Rheinfahrt“, wenn aus dem Orchestergraben ein Feuerwerk an Motiven erklingt, liegt er nur herum. Die Giebichungenhalle ist ein Berliner Mauer-Ort mit Döner-Bude wie hinter der Berliner Volksbühne. Castorf hat die Ring-Handlung gründlich verfremdet, fragmentiert und auf seine Weise zusammengesetzt. Er führt uns bis zum Schluss in seine radikal subjektiven Erlebnis- und Phantasiewelten und auf einen engmaschig gewobenen Assoziationsteppich. Der Regisseur ist nicht mehr dienender Handwerker sondern selber Künstler, der sein eigenes Werk schafft. Damit ist der Begriff der „Werktreue“ im Regietheater(nicht nur von Castorf!) obsolet. Hat sich das Publikum einmal damit abgefunden, kann auch diese „Götterdämmerung“ zum schillernden Erlebnis werden. Der riesige Turm mit der Leuchtreklame „Plaste und Elaste aus Schkopau“ der chemischen Werke Buna, stand, bevor er im Museum der Geschichte landete, ursprünglich an der Transitautobahn Berlin-Hof. Jetzt dominiert er außer einem verhangenen Reichstag in schwarz-rot-goldener Leuchtschrift die Drehbühne. Nachdem Frank Castorf 2011 seinen Vertrag mit Bayreuthunterschrieben hatte, sah er sich das Berliner „Rheingold“ an und begann, fieberhaft Material zu sammeln. Der in den Medien verbreitete Vorwurf einer oberflächlichen und zu kurzen Vorbereitung ist nicht haltbar, zumal 2012 ,bereits ein Jahr vor der Premiere 2013, von März bis zum Beginn der Festspiele in Bayreuth geprobt wurde.
Liebe außerhalb der geschlechtlichen ist Castorfs Thema nicht. Lustvoll und mit Sex genießt Siegfried in Gestalt Gunthers den Betrug an Brünnhilde , schnell hatte er sich vorher an Gutrune herangemacht. Auch den Rheintöchtern im dicken Mercedes- Cabrio kann er kaum widerstehen. Derraben schwarze Hagen mit Irokesenfrisur, der Anführer einer Schlägertruppe, erschlägt ihn dann in abgedunkelter Kulisse mit dem Baseballschläger. Der Beginn der russischen Revolution erscheint noch einmal als Zitat, die so genannte potemkinsche Treppe am Hafen von Odessa.
Ist es Castorf in seinem rüden, auch zynisch oder ironisch zu nennenden Umgang mit Wagners theorieschwerem Welttheater gelungen, eine treffende Aussage über unsere Zeit zu machen, die Kapitalismuskritik im 21. Jahrhundert fortzuschreiben? Am Schluss der „Götterdämmerung“ fällt die Hülle des Reichstages im Christo-Look und die Wall-Street erscheint. Das Öl, um das die Menschheit Kriege führt, und das wie das Rheingold die Gier nach Reichtum und Macht entfacht, ist zwar ein tragfähiger gedanklicher Ansatz, aber er „versickert“ häufig im Detail. Der Ring aus der Hand der Rheintöchter wandert im Kreuzberger Hinterhof in die Flammen eines brennenden Ölfasses, Brünnhilde schwenkt Benzinkanister und eilt von der Bühne. Offensichtlich will sie Walhall-Wall-Street abfackeln und Hagen treibt in der letzten Videoeinspielung wie William Blake in Jim Jarmuschs Film „Dead Man“ auf einen offenen See hinaus.
So sehr diese Inszenierung ihre Vorlage in dekonstruktivistischer Manier auch zerlegt, so hat sie doch eines mit ihr gemeinsam, sie ist ein Abgesang auf die Idee einer besseren Welt, nach dem Scheitern des real existierenden Sozialismus allerdings noch ein weiterer. Und deshalb ist dieser „Ring“ vielleicht auch ein Reflex des Schmerzes, den der allzu schnell erfolgte Untergang der DDR bei Castorf ausgelöst hat.

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Über Sylvia Hüggelmeier 31 Artikel
Sylvia Hüggelmeier studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Publizistik und Pädagogik an den Universitäten Münster/Westfalen und München. Seit 1988 schreibt sie als Freie Journalistin für verschiedene Zeitungen.

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