„Vergessene Helden“ in Hof: Sudetendeutscher Widerstand 1938/45

Der sudetendeutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den Jahren 1938/45 ist heute weitgehend vergessen! Wer Näheres erfahren möchte, findet einige Artikel im INTERNET oder den Aufsatz der Berliner Journalistin Doris Liebermann „Sudetendeutsche Nazi-Gegner in Kanada“ (2004). Wenn man in den beiden Monografien von Fritz Peter Habel „Die Sudetendeutschen“ (1992) und von Friedrich Prinz „Böhmen und Mähren“ (1993) nach Spuren dieses Widerstands sucht, findet man lediglich einige wenige Sätze und ein identisches Foto mit der Unterschrift „Die Kehrseite: In Asch werden sudetendeutsche Regimegegner abtransportiert“. Allein 20 000 sudetendeutsche Sozialdemokraten wurden damals, nachdem das Sudetenland am 1. Oktober 1938 von der Deutschen Wehrmacht besetzt und „reichsangeschlossen“ worden war, in deutsche Konzentrationslager verschleppt. Zugleich aber flohen Zehntausende Gegner des Nationalsozialismus, um der Verfolgung zu entgehen, ins Landesinnere, vor allem nach Prag, wo sie aber, da sie Sudetendeutsche waren, unfreundlich aufgenommen und größtenteils zurückgeschickt wurden. Das aber bedeutete Festnahme und Verschleppung, wenn nicht die Hinrichtung. Etwa 7000 von ihnen, unter ihnen Wenzel Jaksch (1896-1966) , gelang die Flucht nach England oder Schweden. Das einzige, durchgängig diesem Thema gewidmete Buch hat der Sudetendeutsche Leopold Grünwald (1901-1992) geschrieben : „Sudetendeutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ (1978/86). Das Buch hat zwei Auflagen erlebt und ist seitdem vergriffen.
Nun aber haben tschechische Historiker in Prag und Aussig die Initiative ergriffen und sich auch dieses Themas, das ein Teil sudetendeutscher Geschichte ist, angenommen. So anerkennenswert das auch ist, so besteht doch die Gefahr, dass deutschen Historikern die Deutungshoheit entgleitet und sie auf Forschungen und Bewertungen tschechischer Historiker angewiesen sind. Die tschechische Regierung in Prag, die sich sonst dem Thema „Aussiedlung der Sudetendeutschen“ gegenüber wenig aufgeschlossen zeigt, hat am 24. August 2005, genau sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Resolution verabschiedet, worin sie „tiefe Anerkennung“ und „Reue“ den „deutschen Antifaschisten gegenüber“ bekundete, die in den drei Nachkriegsjahren und besonders nach dem kommunistischen Umsturz 1948 wie Bürger zweiter Klasse behandelt worden waren. Diese Resolution war verbunden mit der Freigabe von Finanzmitteln für ein Projekt, das den umständlichen Titel trägt: „Dokumentation der Schicksale aktiver Antifaschisten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von den Maßnahmen betroffen waren, die in der Tschechoslowakei gegen die so genannte feindliche Bevölkerung ergriffen wurden“. Gemeint war damit die Sammlung von Zeitzeugenberichten, die Durchführung von Archivforschung, die Einrichtung einer Datenbank der deutschen Antifaschisten,, die Veranstaltung wissenschaftlicher Konferenzen und Vorlesungen, die Herausgabe von Publikationen.
So jedenfalls steht es in einem Prospekt zur Ausstellung „Deutsche Antifaschisten in den böhmischen Ländern“, die unter dem Titel „Vergessene Helden“ im „Museum Bayerisches Vogtland“ in Hof zu sehen ist. Es ist eine Wanderausstellung, die aus Aussig an der Elbe kommt und die auch schon in Wunsiedel gezeigt wurde. Beteiligt an dem Projekt sind das „Institut für Zeitgeschichte“ an der „Tschechischen Akademie der Wissenschaften“ in Prag, das „Nationalarchiv“ in Prag und das Museum der Stadt Aussig. Die westböhmische Stadt, die auf Tschechisch Usti nad Labem heißt, ist im zehnten Jahrhundert gegründet und im 13. unter König Ottokar II. (1232-1278) mit Magdeburger Stadtrecht ausgestattet worden. Sie war die zweitgrößte Stadt des Sudetenlandes und erlangte am 31. Juli 1945 traurige Berühmtheit, als im Stadtteil Schönpriesen in einem Munitionsdepot eine Explosion ausbrach, die die tschechischen Einwohner in Panik versetzte. Auf der Elbebrücke, die von der Altstadt in den Stadtteil Schreckenstein führte, warfen sie 1000 bis 2700 Sudetendeutsche ins Wasser, Männer, Frauen und Kinder, die fast alle ertranken. Bis 1946 wurden 53 000 deutsche Aussiger nach Bayern vertrieben.
Wie man in der Hofer Ausstellung erfährt, waren am Widerstand nicht nur Sozialdemokraten beteiligt, sondern auch Kommunisten und vereinzelt Katholiken. Nach Leopold Grünwald gab es im Sudetenland, einschließlich der südmährischen Gebiete, 185 Widerstandsgruppen. Unter den Hitler-Gegnern war auch die Bergmannstochter und Jungkommunistin Hertha Lindner (1920-1943) aus Mariaschein bei Aussig, die am 27. November 1941 verhaftet wurde und ein Jahr in Brüx in Untersuchungshaft saß. Dann wurde sie nach Berlin überstellt, zum Tode verurteilt und am 29. März 1943, gerade 22 Jahre alt, in Berlin-Plötzensee geköpft. In Dresden, wo sie 1939/41 als Verkäuferin gearbeitet hat, ist noch heute eine Straße nach ihr benannt.
Es sind rund 20 Plakatwände, die man im Keller des Hofer Museums zu sehen bekommt. Auf diesen in tschechischer und deutscher Sprache beschrifteten Plakaten, die durch Fotos aufgelockert sind, wird dem Beobachter zunächst die Geschichte der deutschen Volksgruppe in der Zwischenkriegszeit 1918/38 nahegebracht, sozusagen die Vorgeschichte des Widerstands. Dann werden die sieben Jahre bis zum Kriegsende behandelt und die Zeit danach. Der tschechische Historiker Tomas Okurka in Aussig, der die Ausstellung erarbeitet hat, ist nicht davor zurückgeschreckt, auf das Schicksal der Widerstandskämpfer in der Nachkriegs-Tschechoslowakei einzugehen. Sie wurden nämlich in gleicher Weise diskriminiert wie die Masse der Sudetendeutschen auch. Obwohl ihnen der Status, Antifaschist gewesen zu sein, vom Staat zuerkannt worden war, wurde das von der tschechischen Bevölkerung, in der eine antideutsche Stimmung herrschte, nicht akzeptiert. Sie galten als Bürger zweiter Klasse und wurden, als die Aussiedlungen 1945/46 einsetzten, von den tschechischen Behörden auf die Transportlisten gesetzt. So wurden 135 000 sudetendeutsche Widerstandskämpfer in die vier Besatzungszonen in Deutschland verbracht. In Westdeutschland fanden sie später ihre politische Heimat in der 1951 in München gegründeten „Seliger-Gemeinde“. Josef Seliger (1870-1920) aus Teplitz-Schönau war 1919/20 der erste Vorsitzende der „Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“.
Einige kommunistische Widerstandskämpfer, die ins Moskauer Exil gegangen waren, haben nach 1949 im SED-Staat eine politische Karriere gemacht. So wurde Rudolf Appelt (1900-1955) aus Niederhanichen bei Reichenberg DDR-Botschafter in Moskau, und Robert Korb (1900-1972) aus Bodenbach brachte es bis zum Major im „Ministerium für Staatssicherheit“ in Berlin-Lichtenberg.

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Jörg Bernhard Bilke
Über Jörg Bernhard Bilke 183 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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