Von der Kunst, sich einen schönen Garten anzulegen

Es ist ein leichthändig geschriebenes und dem Leser wohlgefälliges, kleines Buch, darüber auch ein höchst persönliches, das die hierzulande gern zur Gartenpäpstin erhobene Ikone der Hortomanie, Gabriella Pape, nunmehr im Irisiana-Verlag vorgelegt hat. Und Pape weiß, über was sie redet, wenn sie über Gartenkunst reflektiert, wenn sie von lebendigen Gärten spricht, wenn sie uns auf die Reise in die Gärten ihrer Kindheit nimmt, wenn sie vom Garten als hortus conclusus als hortus felix schwärmt, eben von einem Garten, der auf Ganzheitlichkeit abzielt, von einen Garten, in dem sich Glückseligkeit ebenso findet wie der liebende Umgang mit der gepflanzten Welt im Kleinen.
Und so offenbart sie dann auch ein Stück weit Gartengeschichte jener Art, die in den großen Gartenliteraturen, in den glanzvollen und pompösen Bildbänden oft zu kurz kommt, da sich diese zumeist auf die Welt der historischen Anlagen aus Antike, Renaissance, Barockgarten und englischer Gartenkunst beschränken. Pape ergründet die Gartengeschichte jenseits der großen Wege und Stilepochen. Für sie ist die Gartenkunst mehr als ihre Geschichte, sie ist die je individuelle Begegnung mit der Natur, ein Stück unmittelbaren Glücks, die letztendlich zur Kreativität hinführt, die, wie Pape immer wieder betont, der deutschen Gartenliebhaberei völlig abhanden gekommen sei.
So nimmt es nicht wunder, daß sie auch diese heutige Gartenkunst in Deutschland einer steten Kritik unterzieht, die Tendenzen zur Musealisierung, zum Biedermeier und letztendlich die unendlich ermüdende Sehnsucht nach einem perfekten und vor allem unkrautfreiem Rasen, die Monotonie der Einzirkelung, der Engmaschigkeit und der regulären Steifigkeit kritisiert, Prinzipien einer falsch verstandenen Artistik, die nicht zuletzt ihre Ursprünge in der deutschen, und ein wenig tristen, eben melancholischen Wesensnatur haben. Hier wird mit dem Zirkel hantiert, wird die Welt auf die Regularien einer Ästhetik des Nützlichen verkürzt, die dem gelebten Idyllenverständnis der grünen Insel diametral gegenübersteht. Statt dieser spießbürgerlichen Eindimensionalität plädiert Pape dann auch für eine artifizielle Gartengestaltung, die nicht nur die Hortomanie in den Mittelpunkt rückt, sondern auch das Experimentieren, die Leidenschaft gartenkünstlerischer Betätigung, durch die sich der Rhythmus menschlicher Leidenschaft entfaltet. Dieser leidenschaftliche Umgang mit der Natur, dies ist es, was schließlich den englischen vom deutschen Gartenliebhaber unterscheidet, für den die Gestaltung eben nicht Frondienst, das im „Schweiße deines Angesichts“, nicht Gartenarbeit, ist, sondern worin sich der süße Klang einer großen Weltharmonie spiegelt, das Universum im Refugium des Gartens abzubilden. Diese Abbildlichkeit herzustellen, soll aber keineswegs so verstanden werden, als das die Gartenkunst nur Mimesis sei, die bloß ein historisches Bild immer wieder, fast unendlich, reproduziert. Im Gegenteil: Rechtverstandene Gartenkunst ist Poiesis, ist synthetische Kunst, das freie Spiel der Vermögen, die schöpferische Produktivität der Einbildungskraft, eines Vermögens also, das zwischen Verstand und Sinnlichkeit schwebt, beide miteinander vermittelnd.
So sehr das Kreative und das Experimentelle letztendlich für die eigentliche Dimension der Gartengestaltung stehen, ist sind diese doch keineswegs ihr Ursprung. „Gartenkultur“, wie Pape sie versteht, ist in erster Linie Kultivierung, letztendlich eine Kultivierung der Pflanzen selbst. Die Gartenkunst entspringt also nicht dem Moment des Idealischen, dem Genie und der Philosophie, sondern ganz pragmatisch und empirisch gedacht, dem Wissen über die Pflanzen. „Die Gartenkultur ging den später so bewunderten Parks und Gärten voraus – und nicht umgekehrt. Gärten waren das Ergebnis einer ultimativen Steigerung der Kultivierung der Pflanzen, sie waren die Errungenschaft aus dem wohl seit Jahrhunderten beobachteten, angesammelten, niedergeschriebenen Wissens. So ist die Gartenkultur nicht die Summe vieler schöner Entwürfe und Ausführungen von Gärten, Gartenkultur ist vielmehr der schier unendliche und immer wieder erneuerte Wissenskanon über die Pflanzen und ihre Lebensbedingungen, den sich der Mensch zu eigen macht, um im Einklang mit der Natur, aber auch im Widerstreit gegen die Natur seine eigenen Vorstellungen, Wünsche, Bedürfnisse und Emotionen durchzusetzen“ (S. 14)
Im alten Streit zwischen Wirkungs- und Gehaltsästhetik, wie er beispielsweise von Goethe und Schiller gegen den englischen Empirismus geführt wurde, nimmt Pape eindeutig Position für ein wirkungsästhetisches Paradigma, das zudem noch Metamorphose und Botanik berücksichtigt, einer Herangehensweise, wie sie auch und insbesondere dem älteren Goethe zur Herzensangelegenheit wurde, dem die Botanik letztendlich der einzige Zugang zur Gartenkunst werden sollte, nachdem er ihre Spielereien und Vernünfteleien kritisierte. Und wie einst Schiller in seinem Aufsatz im „Gartenkalender“ und Hirschfeld in seiner „Theorie der Gartenkunst“ sucht auch Pape nach einem typisch deutschen Garten, nicht nur um die hierzulande außer Mode gekommene Gartenkunst wieder neu zu polieren, sondern um auf eine große Tradition zu verweisen, die in Deutschland durch Karl Foerster und seinem weitergedachtem Senkgarten in Potsdam Bornim in Vergessenheit geraten ist. Dieser Garten steht dann auch für das geheimnisvolle Wechselspiel zwischen Extravertiertem und Introvertiertem, in einer Spannung, die den Betrachter unweigerlich in seinen Bann zieht, eben weil sich hier unterschiedliche Blickperspektiven und Effekte, der „Blick von Oben“ und der Überraschungseffekt, variierend einstellen. Und wie ihr großes Vorbild Foerster plädiert auch Pape dafür, daß kein „Gartenfortschritt ohne Wagnis“ sich einstelle“, und: „Wer mit seinem Garten schon zufrieden ist, verdient ihn nicht“. Auch dann führt sie die Linie Foersters weiter, weil Gärten auch für sie Szenarien sind, inszenierte Bühnenstaffagen, ähnlich wie sie sich einst in den Bildern von Jean-Antoine Watteau und seiner Fêtes galantes dem Publikum präsentierten.
Kurzum: Pape führt mit ihrer „Philosophie lebendiger Gärten“ die alte Tradition der beliebten Gartenliteratur fort; auch sie verzichtet auf komplizierte, philosophierende Passagen, was die Lesbarkeit deutlich erhöht. Ihrem Anspruch, jenseits von spießbürgerlichem, kleinbürgerlichem und grauem Gartenalltag, ein neues Bild der Gartenkunst, eine neue Vermessung dieses Kosmos im Kleinen, gegenüberzustellen, ist ihr gelungen, wenngleich man nachhaltig daran festzuhalten gewillt ist, daß Gartenkunst doch mehr ist, als die von Pape definierte „Gartenkultur“.

Gabriella Pape, Meine Philosophie lebendiger Gärten, unter Mitarbeit von Dr. Harro Schweizer, Irisiana Verlag, München 2010, ISBN: 978-3-424-15033-9, Preis: 16,95 Euro.

Das könnte interessant sein Powered by AdWol Online Werbung

Hätte Exxon den Klimawandel abwenden können? Wir wussten alles

In seinem Verkaufsschlager „Ein Planet wird geplündert“ von 1975 schreibt Herbert Gruhl (1921...

Der legendäre Installationskünstler: CHRISTO – WALKING ON WATER

Pressemitteilung – Christo – die meisten bringen diesen Namen sofort mit der Reichstagsverh...

Der „Global Compact for Migration“ steht vor der Tür!Doch was bedeutet er? Dürfen jetzt alle Flüchtlinge in die EU einreisen?

Der „Global Compact for Migration“ steht vor der Tür und weder Bundestag noch Öffentlichkeit d...

Stefan Groß-Lobkowicz
Über Stefan Groß-Lobkowicz 2028 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.