Warum fahren auf unseren Autobahnen so viele graue Autos? So viel Konformität war nie

Graue Autos

Ich fahre auf einer vielbefahrenen deutschen Autobahn, eine halbe Stunde lang, und mache eine kleine Untersuchung. Ich achte auf die Farben der PKWs, die ich überhole oder die an mir vorbeifahren. Die ganze halbe Stunde lang sehe ich nur weiße, schwarze oder silberfarbene Autos. Schwarz und silber gibt es noch in mehreren Nuancen, silbergrau oder anthrazit zum Beispiel, aber das war’s. Hunderte von deutschen Personenkraftwagen fuhren an mir vorbei, aber farblich herrscht eine unglaubliche Konformität.

Immer wieder habe ich diese Untersuchung wiederholt und die Beobachtung auch. Ganz selten kommt mal ein rotes oder blaues Auto in den Gesichtskreis, aber sonst? Immer weiß und schwarz und silber. Die vielbeschworene „diverse“ und „bunte“ deutsche Gesellschaft ist, was die Farben ihres liebsten Spielzeugs angeht, unbeschreiblich eintönig. Denn es ist ja wohl schon so, dass die Industrie durchaus unterschiedliche Farben anbietet. Und es ist immer noch so, dass die Leute beim Autokauf eine Farbe für das Auto auswählen. Aber sie wählen immer öfter ein und dieselben (Nicht-)Farben.

Wenn wir die inneren Augen den angeblich so tristen, angeblich so langweiligen und spießigen 50ern zuwenden, was sehen wir da? Wir sehen eine große Palette an Farben, übrigens auch bei der Bekleidung. Das Straßenbild muss bonbonbunt gewesen sein. Es gab die wildesten und schrillsten Farben, es gab auch die berühmten crèmefarbenen Varianten. In Farbfilmen aus der damaligen Zeit, mit Nadja Tiller und Walter Giller zum Beispiel, finden wir das bestätigt. Wer hat diese Legenden von den grauen und verklemmten 50ern bloß in die Welt gesetzt? Da wird man leicht fündig, wenn man bei den so genannten 68ern nachliest. Diese Leute voller Ressentiments haben alles schlecht gemacht, was vor ihnen war, und alles gutgelogen, was sie betraf.

Oh, man könnte die Sache dialektisch sehen, wie das die 68er so gern gemacht haben. Die 50er Jahre waren also äußerlich eigentlich nur deshalb bonbonbunt, weil die Leute innerlich in Wirklichkeit total grau waren. Es war ja diese bunte Zeit angeblich auch eine der verklemmten Sexualität, in der aber komischer Weise so viele deutsche Kinder zur Welt gekommen sind, dass man vom „Babyboom“ sprach. Jedenfalls deutlich mehr Kinder als bei den so freien, aufgeklärten 68ern, die Verantwortung gemieden haben wie der Teufel das Weihwasser.

Das sind auch genau die Leute, die unsere triste, eintönige Zeit als unsagbar „bunt“ beschreiben. Sie ist es nicht. Nachdem die 60er und auch die 70er noch wirklich „bunt“ gewesen waren, wurde die Umwelt immer monotoner. Dialektisch gesehen könnte man mutmaßen, den Deutschen sei heute so manches „zu bunt“. Woran sie da bloß denken mögen? Nein, lassen wir das, man muss schon fragen, was die schreckliche Konformität bedeutet, die sich in der Farbwahl eines der wichtigsten Gebrauchsgegenstände der Deutschen zeigt. Denn im Gegensatz zum Einerlei der immer gleichen Ketten in den Fußgängerzonen,  zu der immer weiter schwindenden Vielfalt bei den Einkaufsmärkten, zu der Monokultur bei den Internetanbietern hätte man hier ja noch wählen können. Diese Einheitlichkeit zeigt sich aber auch anderswo, wo Vielfalt eigentlich Pflicht wäre, in der Politik, in der Presse, in der öffentlichen Meinung, an den Universitäten, überall. Eine lähmende Konformität, eine erstickende Gleichheit, ein fast perfekter Egalitarismus.

Kann man das alles in einen Topf werfen? Man kann. Wenn Menschen schon freiwillig auf eine Wahl verzichten, dann haben es diejenigen wirklich geschafft, die wollen, dass alles gleich, alles normiert ist. Der Blick auf Deutschlands PKWs zeigt ein Land, dessen Menschen aufgegeben haben, eigenständig zu sein. Demnächst setzt man ihnen nur noch einen Autotyp vor, einfarbig, und sie werden begeistert sein. Sie freuen sich ja auch darüber, dass demnächst in Stockholm, Berlin, Paris und Rom ein und dieselbe Menschenmischung wie in New York und London anzutreffen ist und halten diese Uniformität für unglaublich divers. Diese Deutschen betteln darum, dass die Steuern noch weiter erhöht werden, um angeblich der Umwelt zu helfen, anstatt selber auf Flüge, Plastik und Smartphones zu verzichten. Zudem macht sie das noch gleicher – und das ist gut so. Der Staat soll es richten, sie schlucken alles. Sie haben nichts dagegen, wenn das Bargeld abgeschafft wird und ihr Leben noch gläserner wird, weil sie nicht mal mehr Trinkgeld geben können, ohne dass die Bank es mitbekommt. Sie sind so gut dressiert, dass sie grau für bunt halten. Sie sind die perfekten Untertanen und haben es noch nicht einmal bemerkt.

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Adorján F. Kovács
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Prof. Dr. mult. Adorján Ferenc Kovács, geboren 1958, hat Medizin, Zahnmedizin und Philosophie in Ulm und Frankfurt am Main studiert. Er hat sich zur regionalen Chemotherapie bei Kopf-Hals-Tumoren für das Fach Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie habilitiert. Seit 2008 ist er für eine Reihe von Zeitschriften publizistisch tätig. Zuletzt erschien das Buch „Deutsche Befindlichkeiten: Eine Umkreisung. Artikel und Essays“.