WELTREISE vor ORT

Wenn der Quotendruck die filmische Schaffenskraft in eine Einbahnstrasse zu lenken scheint, dann spiegelt diese Enge ein aktuelles Dilemma wider. Wo gibt es Redaktionen, die sich an die Wurzeln von historischen Entwicklungen filmisch wagen? Wer sieht in charismatischen Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt, Johann Reinhold Forster und Adelbert von Chamisso, die mit ihrer unternehmerischen Expeditionsfreude Risiko und Wagnis überwunden haben, beispielhafte Vorbilder? Wie sind die heutigen Möglichkeiten einer digitalen Aufbereitung und deren Vernetzung in einer Ausstellung und darüberhinaus inhaltsreich und kommunikativ zu nutzen? Mut, Team- und Erfindergeist sind heute mehr denn je gefragt.

Und diese einzigartige Konstellation kann man in der Tat live erleben, wenn man sich in der Berliner Staatsbibliothek durch einen Vorhang rechts vom Eingang begibt. So eindrücklich dieses Erlebnis in dem SZ Artikel von Tobias Lehmkuhl vom 8. 2. 2016 auch beschrieben ist, so unerwartet stark ist dann das persönlich emotionale Empfinden und Eintauchen in eine Welt, die jenseits der assoziativen imaginären Vorstellungskraft liegt. Das Zusammenspiel von originalen Dokumenten, Reiseberichten und Exponaten mit der visuellen Realisation von Ulrike Ottinger von Alaska über die Aleuten bis nach Kamtschatka und ins Land der Tschuktschen, lässt einem auf vier Leinwänden teilhaben an einer ganz faszinierenden Welt: einer Reise in die Quintessenz des Lebens, wo sich Polaritäten auftun, die Licht und Schatten überwinden und man wie magisch an die Hand genommen wird, im Einklang mit der Natur, mit Menschen und Tieren, als partizipierender Teil der Szenerie, sodass sich Ruhe und Stille übertragen und die Konzentration auf das Wesentliche eine Dimension der Erkenntnis schafft. So manche Signatur aus der Fauna und Flora gilt es unerwartet zu entdecken und das dahinter stehende philosophische Prinzip zu erforschen. Nur das Meeresrauschen bleibt nachhaltig präsent, und das Vogelgekreische lässt einem aufhorchen.

Die einzigartige Verflechtung von Geschichte und aktuellem Geschehen hat etwas von der menschlichen Ursehnsucht nach Geborgenheit und ewiger Suche nach dem Lebenssinn an sich. So wiederholt sich, was das Forscherteam um Humboldt, Chamisso und Forster in ihrem großem Tatendrang dokumentiert haben, auf zeitlose Art und Weise. In facettenreicher Form lassen sich so manche Lebensspektren ethnologisch, kulturpolitisch, künstlerisch und wissenschaftlich wahrnehmen und wirklichkeitsnah nachempfinden. So erlebt man Naturschönheiten und Naturgewalten, die von der Unendlichkeit schöpferischer Kraft sprechen. Und nichts kann einem ad hoc mehr inspirieren und Flügel verleihen als diese Installation „Weltreise“ von Ulrike Ottinger und der engagierten Kuratorin Dr. Jutta Weber samt den Förderern, die das ermöglichten.

Auch wenn man hinter dem Vorhang in der Dunkelheit des nachgebauen Tschuktschen-Zeltes alles rundherum vergißt, so wird man in der Potsdamerstrasse gleich wieder von den Alltäglichkeiten eingeholt. Den wärmenden Kokon zu verlassen und wieder draußen im dichten Verkehr zu stehen, schmerzt irgendwie. Aber wissend, daß solch eine Keimzelle sich weltweit verbreiten wird, die heute einmaligen und noch nie dagewesenen Chancen endlich zu nützen sind, läßt einem hoffnungsvoll auf die weitere Medien-entwicklung blicken. Und dann mögen sich nicht nur das Gremium des Humboldt Forums, sondern so mancher Investor von solch einer gehaltvoll und strategisch meisterhaft inszenierten Ausstellung wie „Weltreise“ inspirieren lassen und mit Dank verbeugen: jetzt weiterzumachen und in diesem historisch wirksamen Umfeld weitere Bausteine digital und international aufzubauen. Das ist die Herausforderung!

„Weltreise. Forster. Humboldt. Chamisso. Ottinger“. Bis 27. Februar 2016, Staatsbibliothek Berlin.
Potsdamer Straße 33. Katalog: 2 Bände, € 39,90.

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