Zu Tisch mit Knigge und Gandhi

Die Behauptung, „Der Knigge“ sei veraltet, ist schon so lange modern, dass sie selbst veraltet ist. Immer wieder heißt es, man müsse diese oder jene Benimm- und Anstandsregel nicht mehr beachten. In Wahrheit hätte Knigges 1788 erschienenes gesellschaftsethisches Buch Über den Umgang mit Menschen auch heute noch Milliarden etwas zu sagen.Und zwar dort, wo er sich zum Umgang mit Tieren äußert. Obwohl Knigge (1752–1796) so gut wie nichts (Un-)Menschliches fremd war, „zitiert“ man ihn vor allem als Autorität für Benimmregeln bei Tisch. Man hört dann etwa Folgendes:
„Der Mann, der zum erstenmal mit dem Messer aß…, müsste noch einmal geboren und dann mit den schwersten Freiheits- und Todesstrafen belegt werden. Das Messer dient dazu, das Fleisch (nie den Fisch, nie die Kartoffel, nie das Brot) entzwei zu schneiden, es ist aber nicht erfunden, um damit zu essen.“
Dieses fleischlastige Zitat stammt nun nicht von Knigge, der sich zu Kartoffeln überhaupt nicht äußerte, sondern von einem späteren Benimm-König: Spemanns goldenem Buch der Sitte von 1901 (1).
Um der Frage nachzugehen, ob Fleisch überhaupt geschnitten werden soll, begeben wir uns mit Adolph Freiherr von Knigge zu Tisch. Als Tischgenossen wählen wir keinen Geringeren als Mahatma Gandhi (1869–1948) und betrachten seinen Umgang mit Menschen und Fleisch in seiner Zeit als Anwalt in Südafrika. In Pretoria lud ihn eine wohlhabende Familie sonntags regelmäßig zum Essen ein. Schon bald hatte Gandhi sich mit dem fünfjährigen Sohn der Familie angefreundet. Bei einer Mahlzeit macht er eine geringschätzige Bemerkung über das Stück Fleisch auf dem Teller des Jungen und preist den auf seinem eigenen Teller liegenden Apfel. Als Gandhi am nächsten Sonntag zum Essen kommt, eröffnet ihm die Dame des Hauses, der Umgang mit ihm tue ihrem Sohn nicht gut. Er mache Theater, wenn er Fleisch essen soll und wolle nur noch Obst haben, wobei er sich auf Herrn Gandhi berufe. Dies gehe zu weit. Ihr Sprössling drohe schwächlich und am Ende noch krank zu werden. Von daher möge Gandhi ab sofort bitte nur noch mit den Erwachsenen über derlei Themen reden. Gandhi entschuldigt sich. Ganz Diplomat erklärt er, dieser misslichen Situation dadurch ein Ende zu bereiten, dass er die Familie künftig nicht mehr zum Essen besuchen werde. Denn was er esse oder nicht esse, mache auf den Knaben einen sehr viel größeren Eindruck als das, was er rede.
Was hat Gandhis Fleischdiplomatie mit Knigges Buch Über den Umgang mit Menschen zu tun? Höchstwahrscheinlich hätte Knigge sowohl Gandhis Fleischverzicht wie auch seine Aufhebung der kulinarischen Beziehung zur Sonntagsfamilie gutgeheißen. Knigge war nämlich durchaus nicht nur eine Instanz für den Umgang mit Menschen. Ein bemerkenswertes Kapitel seines Buches wirft die Frage auf, ob nicht schon Knigge ein Mahatma war, wie Gandhi später genannt wurde: eine große Seele. Das Kapitel heißt „Über die Art mit Tieren umzugehn“. In diesem Kapitel ist „von dem grausamsten aller Raubtiere, von dem Menschen“ die Rede. Diesem grausamsten aller Raubtiere sucht Knigge nun bewusst zu machen, „dass ein Tier ebenso schmerzhaft Misshandlung, barbarischen Missbrauch größerer Stärke und Wehe fühlt, wie wir, und vielleicht noch lebhafter…“ Und er breitet seinen Spott über all jene aus, die zwar liebend gern Tiere essen, denen aber ganz schlecht wird, wenn sie sich mit den Vorgängen konfrontiert sehen, ohne die das Fleisch niemals auf den Teller gelangt wäre: „Es gibt so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut sehen können, die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren, aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten sehn müssten!“
War Knigge also ein früher Vegetarier? Leider nicht! So sagt er, nicht alle Jäger seien grausame Menschen und spielt auf ihre unverzichtbare Rolle für den gedeckten Tisch an: „Es muss ja dergleichen Leute geben, so wie wir, wenn keine Schlachter in der Welt wären, bloß von Speisen aus dem Pflanzenreich leben müssten…“ Was aber würde bei rein pflanzlicher Kost mit uns passieren? Offenbar wollte Knigge diesen Punkt nicht zu Ende denken, sondern klammerte sich an die Auffassung, Tiere seien zu unserer Nahrung auf der Erde. Aber nicht, so schränkte er ein, um von uns gepeinigt zu werden. Auch wenn sein Mitleid ihn nicht dahin brachte, zu schreiben, dass Fleisch bei Tisch nichts zu suchen hat, so wusste er doch immerhin, dass Grausamkeit gegen Tiere zur Grausamkeit und Härte gegen Menschen führt. – Ein Gedanke, den Immanuel Kant später in seiner Metaphysik der Sitten von 1797 wiederholte.
Eine Antwort auf die von Knigge nahegelegte Frage nach den Konsequenzen fleischloser Ernährung finden wir in Gandhis Jugend. Nirgendwo in ganz Indien herrschte eine so große Abneigung gegen den Fleischverzehr, wie in Gujarat, wo Gandhi aufwuchs. Eines Tages erklärt ihm ein Schulfreund, er selbst wie auch andere respektierte Personen äßen heimlich Fleisch. Warum? Weil die englischen Kolonialherren angeblich nur deshalb in der Lage seien, über die schwachen Inder zu herrschen, da sie Fleisch essen. Außerdem bekämen Fleischesser keine Geschwüre und Furunkel. Obwohl er aus einer streng vegetarischen Familie stammt, zeigt sich der junge Gandhi beeindruckt und beginnt heimlich Fleisch zu verzehren. Als das schlechte Gewissen an ihm zu nagen beginnt, sagt er sich, er könne die alte Familientradition nicht hintergehen und entschließt sich, zumindest so lange kein Fleisch mehr zu konsumieren, wie seine Eltern leben. Als Gandhi fern von den Eltern in England lebt, um Jura zu studieren, fängt er nicht etwa wieder an Fleisch zu essen, sondern wird vom religiös verpflichteten zum überzeugten Vegetarier und Mitglied der Vegetarian Society. Ausschlaggebend dafür war die Lektüre von Henry Salts Buch Lob der Pflanzenkost in einem vegetarischen Restaurant Londons. Als überzeugter und missionierender Vegetarier also kommt Gandhi in Südafrika an. Und wir dürfen davon ausgehen, dass Knigge Vegetarier geworden wäre, hätte er mit Gandhi gespeist. Eine vielzitierte Benimm- und Anstandsregel hätte dann lauten können: Fleisch gehört bei einer zivilisierten Mahlzeit nicht auf den Tisch!

Literatur:
(1) Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin: Spemanns goldenes Buch der Sitte. Eine Hauskunde für Jedermann. Berlin, Stuttgart: W. Spemann, 1901, Artikel 361

Adolph Freiherr Knigge
Über den Umgang mit Menschen

Fischer Taschenbuch Verlag, Ff/M 2008

Mahatma Gandhi
Mein Leben
Suhrkamp Taschenbuch, Ff/M 1983

Über Akerma Karim 50 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000) sowie „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006).

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