Zwischen Kreuz und Trümmern – Das Leid der assyrischen Christen und die Frage nach Verantwortung

Protestzeichen vor syrischer Trümmerlandschaft, KI generiert

Mit schwerem Herzen und in tiefer Trauer wenden wir uns an die kirchliche Öffentlichkeit. Doch wir sprechen nicht nur aus Schmerz – wir sprechen auch aus Verantwortung. Denn Schweigen wäre Verrat an den Opfern.

Während der Krieg in Syrien unsere Heimat verwüstete, während Flammen unsere Dörfer verschlangen und unsere Kirchen – Orte des Gebets und der Gegenwart Gottes – entweiht wurden, geschah etwas, das unser Leid noch unerträglicher macht:

Ein internationaler Konzern setzte seine wirtschaftlichen Interessen fort – mitten im Schatten von Gewalt, Terror und Tod.

Die dokumentierten Verbindungen und Zahlungen an bewaffnete Gruppen sind für uns nicht nur ein politischer Skandal. Sie sind eine tiefe moralische Erschütterung. Sie werfen die Frage auf, wie viel ein Menschenleben wert ist – und ob wirtschaftlicher Gewinn über Gewissen und Verantwortung stehen darf.

Wir sagen es mit Klarheit, aber auch mit Schmerz:

Aus unserer Sicht trägt Lafarge Mitschuld daran, dass Kräfte gestärkt wurden, die unsere Gemeinden zerstört, unsere Kirchen geschändet und unsere Brüder und Schwestern verfolgt haben.

Für uns ist das keine abstrakte Debatte. Es sind konkrete Schicksale:

Über 200 assyrische Christen wurden entführt. Familien lebten in Angst, Mütter beteten um das Leben ihrer Kinder, Gemeinden zerbrachen. Einige der Entführten wurden ermordet. Andere kamen nur durch hohe Lösegelder frei – gezeichnet für ihr ganzes Leben.

Bis heute tragen sie nicht nur äußere, sondern auch tiefe seelische Wunden.

Viele dieser Menschen leben heute im Exil – auch hier in Deutschland, auch in unseren Gemeinden. Sie haben Schutz gefunden, aber keine Heimat mehr.

Denn verloren ging so viel mehr als Besitz:

  • ihre Häuser, die einst voller Leben waren
  • ihre Kirchen, in denen Generationen gebetet haben
  • ihre Sicherheit
  • ihre Zukunft in der Heimat ihrer Vorfahren

Was wir verloren haben, ist ein Teil unserer Seele.

Unsere Dörfer entlang des Khabur-Flusses – einst lebendige Zentren assyrischen Christentums – sind heute entvölkert. Unsere Kirchen, die Jahrhunderte überdauert haben, stehen zerstört oder entweiht da. Unsere Sprache und unser Glaube kämpfen ums Überleben – dort, wo sie einst zu Hause waren.

Und wir stehen vor einer schmerzhaften Erkenntnis:

Dass wirtschaftliche Interessen in dieser Welt dazu beitragen konnten, Kräfte zu stabilisieren, die genau dieses Leid über uns gebracht haben.

Als Christen glauben wir an Gerechtigkeit. Wir glauben an Wahrheit. Und wir glauben daran, dass Schuld benannt werden muss, damit Heilung möglich wird.

Deshalb prüfen wir derzeit rechtliche Schritte – auch im Hinblick auf mögliche Entschädigung für die betroffenen Familien. Doch unser Anliegen geht darüber hinaus.

Wir rufen die Kirche, die Gesellschaft und die internationale Gemeinschaft auf:

  • zur vollständigen und ehrlichen Aufarbeitung der Geschehnisse
  • zur rechtlichen Verantwortung aller Beteiligten
  • zur Schaffung wirksamer Mechanismen, damit wirtschaftliches Handeln niemals wieder Leid und Terror indirekt unterstützt
  • zur Anerkennung des Leids der assyrischen Christen – und zu ihrer aktiven Einbindung in alle Prozesse der Aufarbeitung

Denn Gerechtigkeit ist kein politisches Instrument. Sie ist ein göttlicher Auftrag.

Wir sind ein uraltes christliches Volk. Unser Glaube hat Verfolgung, Vertreibung und sogar Völkermord überlebt. Doch heute stehen wir erneut an einem Punkt, an dem unsere Existenz bedroht ist.

Und dennoch halten wir am Kreuz fest.
Denn es ist nicht nur ein Zeichen des Leidens – es ist auch ein Zeichen der Hoffnung.

Unsere Stimme wurde lange überhört.
Doch wir werden nicht schweigen.

Nicht für uns selbst.
Sondern für die, die nicht mehr sprechen können.

Für die Vereine:

Assyrischer Kulturverein e. V. Saarlouis
(Vorsitzender: Charli Kanoun)

Assyrische Autonomiebewegung e. V. Saarland
(Vorsitzender: Majed Bahi)

Assyrische Autonomie – Zuflucht für ein überlebendes Volk

Quelle Saarnews

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