Manuela Müller: Staatsbürgerkunde 2.0

Eine Schülerin 1977 an einer Polytechnischen Oberschule (POS) in Erfurt schmökert augenscheinlich desinteressiert in ihrem Staatsbürgerkundelehrbuch. Als in der DDR der "Antifaschismus" sogar in den Lehrplänen stand, war für manche die Welt noch in Ordnung. Ob die Autorin Manuela Müller heimlich den alten Zeiten hinterhertrauert, verrät sie ihren Lesern nicht. Fotorechte: Repro - IMEGS, Innovative Medienagentur, Thomas Dietrich, Bornheim

Manuela Müllers aktuelles Buch „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze. Von der Radikalisierung einer Generation“ wirkt wie eine heimliche Hommage an den staatlich verordneten „Antifaschismus“ in der untergegangenen DDR. Von Benedikt Vallendar.

Der Inhalt des Buches ist schnell erklärt: Poussierliche Anekdoten aus dem lokaljournalistischen Alltag einer Lokaljournalistin rund um Zwickau und Chemnitz; eingebettet in das bizarre Panoptikum einer ostdeutschen Wirklichkeit, zwischen Dosenbier, Reichsflaggen und Hakenkreuzen.

Will sagen: Von den Koordinaten einer angeblich immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft zwischen Harz und Elbe, die doch dankbar sein müsste für all die Segnungen aus dem Westen, Genderdebatte, Multikulti und Windräder inklusive.

Und wofür es bei Frau Müller auch direkt einen Schuldigen gibt: Den von drüben importierten Björn Höcke und seine AfD, wie sollte es auch anders sein. Jene blau lackierte Faschotruppe, die – so Müller sinngemäß – nur deshalb bei Wahlen antritt, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. All jenen, die – und jetzt wird es fast rührselig – bis heute nicht gewonnen werden konnten für das links-grüne Heilsversprechen einer multikulturellen Gesellschaft, mit offenen Grenzen, Preisobergrenzen fürs Wohnen und flächendeckender Gesamtschulversorgung gratis obendrauf. Also laut Müller schlichtweg zu doof dafür sind, Parteiprogramme jenseits der AfD als Segen zu begreifen, was sich als pädagogische Maxime von der ersten bis zur letzten Seite zieht. Und offenbar auch jene Polizisten genervt hat, die laut Müllers Schilderung die von ihr willeifrig gemeldeten Hakenkreuzschmierereien provisorisch überpinseln mussten, bevor es zum nächsten Einsatz ging.

Grüße aus der roten Diktatur

In seiner Diktion erinnert das Buch an die Erziehung des Menschen zur „sozialistischen Persönlichkeit“ in der früheren DDR. Und vermutlich hätte daher vor allem Margot Honecker ihre wahre Freude daran gehabt; jene berüchtigte, 2016 im fernen Chile verstorbene, ehemalige DDR-Volksbildungsministerin und Stalinistin; graue Eminenz der roten Parteiobrigkeit, deren Apparat bis zum Untergang der SED-Diktatur in Ostdeutschland Gehirnwäsche an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen betrieben hatte. Und dafür – man will es kaum glauben – von vielen bis heute bewundert wird. Da die DDR ein „hervorragendes Bildungssystem“ besaß. Doch leider all jene vergessen hatte, die dem Regime kritisch gegenüberstanden und sich als „Bürgerliche“ ihre Nischen suchen mussten; oft genug unter dem Dach der Kirchen und der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie, die von der alleinerziehenden Autorin bezeichnenderweise nur am Rande erwähnt wird; fast so, als ob sie Angst davor hätte, sich damit bei ihren Stammlesern verdächtig zu machen.

Geschürte Angst und genervte Ordnungshüter

Und womit wir wieder bei Müllers Thesen vom angeblich „braunen Osten“ wären, Enklaven des politischen Ungeistes, in denen sich Bürgerinnen und Bürger 37 Jahre nach der Wiedervereinigung erneut erdreisten, selbst zu denken, frei zu reden und politisch abzuheben. Abzuheben von jenen, die nicht müde werden, Ostdeutschen zu verklickern, dass es keine Alternativen geben dürfe zum christlich-rot-grünen Mainstream westlicher Provinienz.

Das Problem: Die von Müller unterschwellig geschürte Angst vor einem zweiten 1933 verkennt, dass sich die politische Situation am Ende der Weimarer Republik grundlegend unterscheidet von der heutigen Bundesrepublik. Und dass Geschichte bekanntlich noch nie als seriöse Zukunftswerkstatt getaugt hat.

So kommt es, dass Apologeten der Müllerschen Lehre gern von Demokratie reden. Und gleichzeitig – wie einst die Obrigkeit der früheren DDR – hartnäckig die Augen verschließen vor der wachsenden Schar politisch Andersdenkender; Bürgerinnen und Bürger in Ost und West, die allein beim Blick auf ihre monatlichen Lohnabzüge erkannt haben, dass der 1989 totgesagte Sozialismus zumindest strukturell überlebt haben dürfte. Auch wenn ihnen das von Autorinnen und Autoren wie Manuela Müller gern anders verkauft wird.

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Über Benedikt Vallendar 105 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem neusprachlichen Gymnasium in Sachsen-Anhalt.