125 Jahre Hanns Seidel – Söder und Holetschek würdigen einen der großen Baumeister des modernen Bayern

Ministerpräsident Dr. Markus Söder

Beim Festakt der Hanns-Seidel-Stiftung in München würdigte Ministerpräsident Markus Söder die Verdienste seines Vorgängers um den Wiederaufbau Bayerns. Stiftungsvorsitzender Klaus Holetschek erinnerte an dessen christliches Politikverständnis, seine Haltung zum Föderalismus und die Bedeutung, die er der politischen Bildung beimaß.

München, 13. Oktober 2026

Hanns Seidel war erst 59 Jahre alt, als er am 5. August 1961 starb. In den anderthalb Jahrzehnten zuvor hatte er eine politische Laufbahn zurückgelegt, die ihn vom Landrat in Aschaffenburg über das Wirtschaftsministerium und den CSU-Vorsitz bis an die Spitze der bayerischen Staatsregierung geführt hatte. Die Stiftung, die seit 1967 seinen Namen trägt, erinnerte am Dienstagabend in ihrem Münchner Konferenzzentrum an seinen 125. Geburtstag. Ministerpräsident Dr. Markus Söder würdigte die Aufbauleistung seines Amtsvorgängers. Prof. Klaus Holetschek, MdL, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, ging in seiner Begrüßung der Frage nach, was Seidel unter christlicher Politik verstand und weshalb er die staatsbürgerliche Bildung für eine Voraussetzung demokratischer Freiheit hielt.

Geboren wurde Seidel am 12. Oktober 1901 in Schweinheim bei Aschaffenburg. Nach seinem Jurastudium arbeitete er als Rechtsanwalt. 1945 übernahm er das Landratsamt in Aschaffenburg, 1946 zog er in den Bayerischen Landtag ein und 1947 wurde er Wirtschaftsminister. Als er 1955 bei der Wahl zum CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß besiegte, hatte die Partei nach dem Verlust ihrer Regierungsverantwortung erhebliche Schwierigkeiten zu bewältigen. Seidel betrieb ihre organisatorische Neuordnung und wurde 1957, nach dem Ende der Viererkoalition unter Wilhelm Hoegner, zum Ministerpräsidenten gewählt. Eine schwere Erkrankung zwang ihn drei Jahre später zum Rücktritt.

Söder erinnerte an den Wiederaufbau Bayerns

Ministerpräsident Söder bezeichnete Seidel in seiner anlässlich des Festakts veröffentlichten Würdigung als überzeugten Demokraten und Anwalt der Schwächeren. In den Jahren nach 1945 waren Verwaltungen und politische Institutionen neu aufzubauen, während der Freistaat wirtschaftlich noch unter den Folgen des Krieges litt. Dazu kam die Aufnahme Hunderttausender Heimatvertriebener, die Wohnungen, Arbeit und eine neue Existenz benötigten. Seidel hatte sich als Wirtschaftsminister mit den Möglichkeiten des industriellen Wiederaufbaus beschäftigt und die Entwicklung des Mittelstands unterstützt. Auch die Energieversorgung und die Eingliederung der Vertriebenen gehörten zu den Aufgaben, denen er sich widmete.

Später, als Regierungschef, beschäftigte ihn besonders die Sanierung der öffentlichen Finanzen. Söder erinnerte an Seidels Pragmatismus und an das christliche und soziale Verständnis, das seine Amtsführung bestimmt habe. Bei der Würdigung des früheren Ministerpräsidenten verwies er zugleich auf die Notwendigkeit, die Demokratie gegen radikale Kräfte zu schützen. Die nach Seidel benannte Stiftung arbeitet seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der staatsbürgerlichen Bildung und unterhält auch internationale Projekte. Dass Bürger die freiheitliche Ordnung kennen und sich für sie einsetzen sollten, hatte ihr Namensgeber schon während seiner eigenen politischen Tätigkeit gefordert.

Was Seidel von einem christlichen Politiker verlangte

Holetschek eröffnete seine Begrüßung mit einem Ausspruch von Fritz Pirkl aus der Sitzung des CSU-Parteivorstands vom 9. April 1965. Pirkl hatte damals erklärt, dass Hanns Seidel in besonderem Maße Verehrung verdiene. Schon mit Beginn der Planungen für eine parteinahe Stiftung im Jahr 1963 war man sich in der CSU über deren Namen einig gewesen. Inzwischen liegen mehr als sechs Jahrzehnte zwischen Seidels Tod und dem diesjährigen Festakt. Manche seiner Verdienste seien heute wenig bekannt, stellte Holetschek fest, weshalb er an einige Grundgedanken aus Reden und Schriften des einstigen Regierungschefs erinnerte.

Seidel hatte sich sein Leben lang mit dem Selbstverständnis eines christlichen Politikers beschäftigt. Wie glaubwürdig eine Partei sei, hänge seiner Auffassung nach davon ab, ob in ihr Menschen wirkten, die in einem politischen Amt nicht lediglich die Gelegenheit zur Machtausübung sähen. In „Weltanschauung und Politik“ schrieb er über die Verpflichtung, das eigene Bekenntnis auch im praktischen Handeln ernst zu nehmen. Politik war für ihn ein Auftrag, für den der Einzelne am Ende Rechenschaft abzulegen habe. Die Förderung einer christlichen Demokratie rechnete er deshalb zu den wesentlichen Pflichten der CSU. Christliche Grundsätze und demokratische Verfahren sollten nach seiner Vorstellung das Zusammenleben der Menschen ordnen.

Holetschek griff außerdem Seidels Stellung zum Föderalismus auf. Am 5. November 1957 hatte der Ministerpräsident in seiner Regierungserklärung vor dem Bayerischen Landtag die bundesstaatliche Ordnung als unabdingbaren Bestandteil bayerischer Politik bezeichnet. Die Bundesrepublik könne auf den Rückhalt des Freistaats zählen; die Staatsregierung müsse aber ihrerseits darauf achten, dass Deutschland nicht in zentralistische, einheitsstaatliche Verhältnisse zurückfalle. Hinter dieser Warnung standen auch die Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Staat. Für Seidel gehörte die Eigenständigkeit der Länder zur politischen Ordnung der jungen Bundesrepublik.

Politische Bildung und die Freiheit des Einzelnen

Bereits am 24. April 1956 hatte Seidel in einer Erklärung der CSU-Landtagsfraktion gefordert, sorgfältig nach Möglichkeiten zu suchen, der Bevölkerung staatsbürgerliches Wissen zu vermitteln und ihr Interesse an politischen Fragen zu wecken. Wer den Wert der Freiheit nicht verstehe, könne gegen Angriffe auf sie nur schwer bestehen. Holetschek erinnerte an diese Forderung, die Seidel nicht auf Unterricht oder die Arbeit staatlicher Bildungseinrichtungen begrenzt wissen wollte. Er erwartete von den Bürgern, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten zu befassen und selbst Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen.

1957 wurde Seidel Mitglied des Kuratoriums der neu gegründeten Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Selbst während der durch Krankheit erzwungenen Ruhepause im Jahr 1960 beschäftigte er sich weiter mit Fragen der gesellschaftlichen Ordnung. Seine Überlegungen legte er in den Büchern „Weltanschauung und Politik“, „Zeitprobleme“ und „Vom Mythos der öffentlichen Meinung“ nieder. Darin ging es auch um das Verhältnis zwischen persönlicher Überzeugung, öffentlicher Meinung und staatlichem Handeln.

Die Hanns-Seidel-Stiftung wurde am 11. April 1967 in das Vereinsregister beim Amtsgericht München eingetragen. Ihr Satzungsauftrag, demokratische und staatsbürgerliche Bildung auf christlicher Grundlage zu betreiben, nahm einen Gedanken ihres Namensgebers auf, den Holetschek zum Ende der Begrüßung nochmals erläuterte. Seidel hatte die Wertschätzung einer Ordnung der Gerechtigkeit und Freiheit daran gemessen, ob die Bürger an ihren Einrichtungen und ihrem politischen Leben teilnahmen. Dazu gehörte für ihn auch die Bereitschaft, für ihren Erhalt persönliche Opfer zu bringen.

Holetschek verwies auf die Arbeit der Stiftung in Bayern und Deutschland sowie auf die internationale Zusammenarbeit. Die Erinnerung an Seidel war damit zugleich eine Erinnerung an die Entstehungszeit der Bundesrepublik, als der demokratische Staat nach Diktatur und Krieg neu aufgebaut werden musste. Seidels Forderungen zur politischen Bildung stammten aus dieser Erfahrung. Der Schutz der Freiheit ließ sich für ihn nicht allein den staatlichen Einrichtungen überlassen; er verlangte die Mitwirkung der Menschen, die in diesem Staat lebten.

Prof. Klaus Holetschek, MdL, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung

Begrüßung

des Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung,

Herrn Prof. Klaus Holetschek, MdL

anlässlich des Festakts

125. Geburtstag von Hanns Seidel

am Dienstag, 13. Oktober 2026, 19:30 Uhr

Konferenzzentrum

Es gilt das gesprochene Wort!

„Sehr geehrte Damen und Herren,

als Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung begrüße ich Sie herzlich zu unserem Festakt anlässlich des 125. Geburtstages von Hanns Seidel.

„Unser Freund Hanns Seidel verdient – und darüber brauche ich hier nichts zu sagen – unsere Verehrung in einem ganz besonderen Maß.“

– so knapp begründete Fritz Pirkl während einer Sitzung des Parteivorstands am 9. April 1965 die Benennung der Hanns-Seidel-Stiftung. Seit Planungsbeginn 1963 war man sich im damaligen Landesvorstand der CSU einig, dass die parteinahe Stiftung den Namen dieses außergewöhnlichen Landespolitikers tragen sollte.

Nun liegen die 1960er-Jahre weit zurück. Hanns Seidel und seine Verdienste, so wirkt es zuweilen, sind heutzutage etwas in Vergessenheit geraten. Daher ist es anlässlich seines 125. Geburtstages durchaus angebracht einiges über Hanns Seidel zu sagen und ihn gebührend zu würdigen.

Als Aschaffenburger Landrat, als bayerischer Wirtschaftsminister, als Oppositionsführer im Bayerischen Landtag und schließlich als Ministerpräsident war Hanns Seidel maßgeblich an der Schaffung der freiheitlich-demokratischen und föderalistischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland und des Freistaats Bayern beteiligt.

Zeit seines politischen Lebens setzte sich Seidel mit seinem Selbstverständnis eines christlichen Politikers auseinander. Die Glaubwürdigkeit einer Partei hing für ihn davon ab, „ob in ihr ein unerschütterlicher Kern von Menschen tätig ist, der in der Politik nicht nur eine Gelegenheit zur Ausübung der Macht sieht, sondern der von der Überzeugung durchdrungen ist, dass es keine Diskrepanz zwischen Weltanschauung und praktischem Handeln geben darf, dass vielmehr Politik ein Auftrag ist, dessen Vollzug am Ende der Tage verantwortet werden muss.“ (Seidel, Weltanschauung, S. 23) Neben den in der Satzung der CSU festgehaltenen Pflichten der Partei sah Seidel ihre wesentliche Aufgabe in der Förderung der „christlichen Demokratie“, die mit Hilfe christlicher Grundsätze und demokratischen Methoden das Zusammenleben der Menschen ordnete.

Als „wichtiges, sozusagen unabdingbares Element jeder bayerischen Politik“ sah Seidel das föderalistische Staatsprinzip. Dieses erörterte er als Ministerpräsident in seiner Regierungserklärung im Bayerischen Landtag am 5. November 1957. Es bedeutete, „dass sich die Bundesrepublik wie in der Vergangenheit, so auch in der Zukunft in allen nationalen und übernationalen Fragen des bayerischen Rückhaltes versichert sein kann.“ Die Aufgabe der bayerischen Staatsregierung sah Seidel darin „sich fähig zu halten, Deutschland vor zentralistischen, einheitsstaatlichen Entwicklungen zu bewahren, die ihm noch nie zum Segen gereicht haben.“

Wesentlich für den Aufbau und Erhalt eines demokratischen Staates war für Seidel die politische Bildung. In einer Erklärung der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag vom 24. April 1956 forderte er „dass jede Möglichkeit mit großem Ernst und mit gewissenhafter Sorgfalt untersucht werden muss, die unserer Bevölkerung jenes Wissen vermittelt und in ihr jenes politische Interesse zu wecken vermag, das zum Begreifen der Freiheit und zur Abwehr der gegen sie gerichteten Angriffe notwendig ist.“ Dementsprechend hatte Seidel bereits 1957 einen Sitz im Kuratorium der neugegründeten Akademie für politische Bildung in Tutzing eingenommen. 1960, während einer durch Krankheit erzwungenen Ruhepause, hielt Seidel seine grundsätzlichen Überlegungen zu gesellschaftlichen und politischen Fragen in den drei Büchern „Weltanschauung und Politik“, „Zeitprobleme“ und „Vom Mythos der öffentlichen Meinung“ fest.

Seit der Eintragung der Hanns-Seidel-Stiftung ins Vereinsregister beim Amtsgericht München am 11. April 1967 betreibt die Stiftung „demokratische und staatsbürgerliche Bildung des deutschen Volkes auf christlicher Grundlage“, wie es in der Satzung heißt.

Für Seidel wuchs politische Bildung aus „der rechten Einschätzung des hohen Wertes einer Gemeinschaftsordnung auf der Grundlage der Gerechtigkeit und Freiheit. Die Wertschätzung“, so Seidel, „äußert sich in dem Verlangen nach aktiver Teilnahme an den Einrichtungen und dem Leben dieser Gemeinschaft und sie gipfelt in der Bereitschaft, diese freiheitliche Ordnung zu behaupten und für ihre Erhaltung auch persönlich Opfer zu bringen.“

Meine Damen und Herren, unsere Stiftung ist dem Erbe Hanns Seidels verpflichtet. In Bayern, Deutschland und durch internationale Zusammenarbeit vermitteln wir Wissen und Werte für Demokratie, Frieden und Entwicklung. Feiern Sie mit uns heute unseren Namenspatron, Hanns Seidel! Seien Sie uns herzlich willkommen!“

Begrüßung Klaus Holetschek
Über Stefan Groß-Lobkowicz 2332 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".