Albert Camus in Zeiten des Coronavirus – Mehr Vernunft bitte

geist gehirn denkweise wahrnehmung intelligenz, Quelle: johnhain, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Das Absurde infiziert. Es regiert im Gewand eines Virus, der die Welt in Atem hält. Doch so sehr das Coronavirus sich ausbreitet, Ängste schürt; es gibt nichts Absurdes gegen das sich der Mensch nicht stemmen kann. So absurd die Weltlage derzeit ist, Rettung erwächst vom rebellierenden Menschen. Das Coronaviurs zeigt aber auch: das Analoge regiert weiter.

Camus‘ Philosophie ist eine im Wartestand. Denn weder glaubt er an die Verheißungen der Ideologen und eilfertigen Theologen noch liefert er sich dem Nichts Sartres aus. Jenseits der Tablets, jenseits des Machbarkeitswahns bleibt sie, die Absurdität und erweist sich als tägliche Konstante, der keiner entrinnt – hier hilft auch kein virtueller Verdrängungsmechanismus. Größer als die Macht des Virtuellen bleibt das Analoge, das als Schicksal immer dann und gewaltig zuschlägt, als Todeserfahrung, als Trennung oder Selbstentzweiung. Das Virtuelle verfängt nicht im Scheitern – das Analoge schon, denn es zeigt, dass sich Differenz- und Leiderfahrungen nicht virtualisieren lassen, dass bei allem Digitalisierungs- und Optimierungswahn die nackte Existenz bleibt. Vielleicht ist das Leben der technikaffinen Selbstoptimierer sogar absurder, weil es das rein Menschliche und Endliche verdrängt, weil es dem Leben gerade das nimmt, was es motiviert sich dagegen aufzulehnen – das Absurde, das Leid?

Das Coronavirus als die Offenbarung des Absurden

Die Selbstverschanzung und Vermummung hinter dem Virtuellen erweist sich nämlich genau dann als schöner Schein, wenn das Leben, die Welt in ihrer Unendlichkeit, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit als Klimakrise oder neue Pest, als Coronavirus, die Hybris offenbart und sich in die Fratze des Absurden kleidet, der keiner mehr zu entrinnen vermag und die den Selbstoptimierern vielmehr die Atemmasken ins Antlitz drückt.

So ist die Absurdität des Daseins mit der Pandemie wieder auf den Plan getreten und die Digitalisierer geraten in Anbetracht dessen in Verzweiflung, weil der Virus etwas ist, das sich nicht per Mausklick abschalten lässt. Und aus dieser Ohnmacht heraus geriert sich ein neuer Pessimismus, der nicht nur allerorten regiert, sondern der mittlerweile Dimensionen annimmt, die selbst Kierkegaards „Krankheit zum Tode“ radikal zu überbieten scheint.

Die Welt scheint aus den Fugen. Die hysterische Menschheit steht vor der Klippe. Lässt sie sich von Pessimismus und Resignation einfangen, springt sie gar in den Glauben wie einst Kierkegaard oder widersteht sie dem pandemischen Absurden durch Revolte, lehnt sie sich gegen das Schicksal auf?

Dem Absurden mit Vernunft begegnen

Camus‘ Pessimismus führt nicht in die Resignation, gebiert nicht lähmende Untätigkeit, sondern schöpft aus der Tiefe des Pessimismus heraus jene Kraft zur Revolte, die Behauptung der eigenen Existenz. „Eben weil die Welt ungerecht ist, müssen wir für die Gerechtigkeit wirken. Und weil sie im Grunde absurd ist, müssen wir ihr umso mehr Vernunft geben.“ Oder: Weil die Pandemie die Grenzen des Vernünftigen sprengt, müssen wir ihr mit mehr Vernunft begegnen, müssen ein Scheitern-Können in einen produktiven Sieg verwandeln, zumindest dieser Form des Absurden widerstehen oder es gar als reinigende Kraft begreifen, die uns das Schicksal in die Hände gelegt hat, um der Selbstreflexion willen, um das Absurde als das zu verstehen, was es immer war, die Konfrontationslinie, der Sperrzaun, die Grenzmauer, die das Subjekt immer wieder in Frage stellt und ihm dadurch dennoch Würde zurückgibt.

Sein wie Sisyhos

Die Rebellion bleibt das letzte Wort Camus‘. Das Meer des Lebens auszutrinken ist das humanitäre Ideal des Einzelnen, der selbst, wenn er in seiner Individualität zu Grunde geht, buchstäblich nichts mehr von ihm bleibt, keine Träne und selbst die Erinnerung nicht. Eben weil nichts von uns bleibt, weil uns die Geschichte wie die tosende Brandung, die an der Erde nagt, tilgt und hinwegträgt, wenn keine Träne im endlosen Meer an uns erinnert, gilt es standhaft wie Sisyphos zu sein, glücklich im Absurden, heroisch kämpfend auch in Zeiten der Pandemie. Nur wenn wir standhalten, wenn wir den Irrsinn eines fast medial-metayphsich aufgeblasenem Coronavirus mutig entgegentreten, scheitern wir nicht endgültig.

„Unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander sind auf eine Probe gestellt“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in Bezug auf die Bedrohung durch den Coronavirus. Und genau diese Menschlichkeit zu finden, meint Humanität im Sinne Albert Camus’.

Finanzen

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2134 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".