„Bleiben Sie gesund!“ und die Krankheitsgebürtlichkeit des Menschen

Bild von Willfried Wende auf Pixabay.

Bereits seit Monaten wird der unsägliche Aufruf „Bleiben Sie gesund!“ kritisiert. So schrieb die Altphilologin Melanie Möller am 19. Juni 2020 in der Neuen Zürcher Zeitung: „… wie müssen sich… dauerhaft Erkrankte, ob lebensbedrohlich oder nur «eingebildet», vorkommen, wenn ihnen im Zweistundentakt dieser Appell entgegenschallt?“ Allein, es hat nichts geholfen.

Unternehmen wir also einen weiteren Anlauf: Was ist falsch an diesem vielerseits gutgemeinten Aufruf? Nun, er verkennt unsere Krankheitsgebürtlichkeit. Wir sind nicht nur geboren, um zu sterben, sondern zu allem Überfluss auch geboren, um vor dem Sterben ausgiebig zu erkranken. Zunächst im Stakkato in der Kindheit, dann mit zunehmendem Alter gehäuft. Zwischendurch ohnehin.

Der Aufruf „Bleiben Sie gesund!“ ist zynisch, weil er unsere Conditio inhumana in der Bezeichnung für eine einzige Krankheit – Covid-19 – zusammendrängt. Geradewegs so, als wäre das Kranksein von Menschen erst 2020 von der Evolution erfunden worden. „Bleiben Sie gesund!“ kommt einseitig imperativ daher: Es besagt: „Erkranken Sie nicht an Covid-19, der Rest ist unwichtig“. Somit suggeriert „Bleiben Sie gesund!“ sehr erfolgreich: „Covid-19 ist das Einzige wovor Sie sich ängstigen müssen.“ Doch weit gefehlt, denn das Heer der Kranken ist größer als die Zahl der an Covid-19 Erkrankten.

Um uns vom Allein-Ängstigungs-Anspruch von „Bleiben Sie gesund!“ zu entängstigen, müssen wir etwas Paradoxes tun: Wir müssen zeigen, dass die Wirklichkeit menschlichen Daseins sehr viel Schrecklicher ist als das, was „Bleiben Sie gesund!“ zu transportieren versucht. Hier sei nur ein Anfang gemacht.

Zunächst nenne ich, ohne lange nachzudenken, einige Erkrankungen, die in meinem weiteren Bekanntenkreis aufgetreten sind: Arthrose, Arthritis, Augenerkrankungen, Blasenkrebs, Blutkrebs, Bandscheibenvorfälle, Nierenversagen, Hirntumore, Lebertumore, Ischias, Skelettdeformationen, Migräne, Brustkrebs, diverse Lungenerkrankungen, Lungenkrebs, rheumatische Erkrankungen, Parkinson, Alzheimer, Hautkrebs, diverse Wucherungen usw. usf. Welcher Person unter den Betroffenen würde ein Nicht-Zyniker wünschen: Bleiben Sie gesund?

Nun könnte man sagen: Wir wissen eben nicht um die Krankheiten unserer Nachbarn oder Kollegen. Deshalb folgender Hinweis, auf dass das ewige „Bleiben Sie gesund!“ endlich eingestellt werden möge: Die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands IST bereits chronisch krank. Wie kann man all diesen Menschen permanent wünschen: Bleiben Sie gesund? Laut Ärzteblatt „verteilen sich die chronischen Erkrankungen zu je rund 20 Prozent auf Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. 11,4 Prozent sind Muskel- und Skeletterkrankungen und je rund 8,5 Prozent psychische und neurologische Störungen.“

Um das erschreckende Gewicht anderer Krankheiten als Covid-19 ermessen zu können, führe man sich diese Zahlen aus dem Ärzteblatt vor Augen: Aufgrund der Vorrangstellung („Betten freihalten“) von Covid-19 fiel die Bettenauslastung 2020 bei den diagnosebezogenen Fallgruppen (DRG) auf ein historisches Allzeittief von 67,3 Prozent. Dabei machten die summierten Aufenthalts-Dauern 1,9 Prozent aller Verweildauertage in deutschen Krankenhäusern aus. Somit waren 98,1 Prozent aller Krankenhauspatienten von anderen Krankheiten heimgesucht.

„Bleiben Sie gesund!“ verfehlt Leben und Leiden von zig Millionen Menschen.

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Über Karim Akerma 68 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000) sowie „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006).