City-Wissenschaftler zur Zukunft des Luftverkehrs

Blick aus dem Flugzeug, Foto: Tine Vogeltanz

Nachfolgend finden Sie ein Interview [1] mit Linus Bauer [2], Gastdozent
an der City, University of London.

WIE KANN DIE GLOBALE LUFTFAHRTINDUSTRIE IHREN WEG AUS COVID-19
HERAUSFINDEN?

LINUS BAUER, EIN LEITENDER BERATER IN DER LUFTFAHRTINDUSTRIE UND
GASTDOZENT DES CITY’S AIR TRANSPORT MANAGEMENT MSC-PROGRAMMS, BEFASST
SICH MIT DER ZUKUNFT DES LUFTVERKEHRS.

Die Reise- und Geschäftsflugbranche hat durch die COVID-19-Pandemie
erheblichen Schaden erlitten.

Nach den kürzlich veröffentlichten Zahlen des Internationalen
Luftverkehrsverbandes (IATA) wird die weltweite Luftfahrtindustrie im
Jahr 2020 252 Milliarden US-Dollar verlieren, wobei viele
Fluggesellschaften Insolvenz anmelden und bis zu 90 Prozent ihrer
Flugkapazitäten abbauen werden.

Linus Bauer ist ein herausragender City-Absolvent, Managing Consultant
bei Bauer Aviation Advisory und Gastdozent des MSc Air Transport
Management-Programms.

CITY NEWS (CN) FRAGTE NACH SEINEN EINSCHÄTZUNGEN ÜBER DIE ZUKUNFT DER GESCHÄFTSLUFTFAHRT.

CN: Die Fluggäste haben immer noch ein bedeutendes Maß an Flugangst,
selbst wenn sie während der Reise in Flugzeugen Masken tragen und vor
dem Einsteigen Temperaturkontrollen durchlaufen hätten. Welche weiteren Maßnahmen können die Fluggesellschaften ergreifen, um ihre Bedenken abzubauen?

LB: Gesundheit und Sicherheit werden zu einem allgegenwärtigen Faktor
werden, denn Angst und Vertrauen werden die beiden Emotionen sein, die
bei der Planung einer Reise im Vordergrund stehen. In den letzten zwei
Wochen haben wir neue Luftwutauslöser erlebt: Fluggesellschaften
brechen ihr Versprechen, die mittleren Sitze frei zu halten, und
Passagiere treffen keine Vorkehrungen, indem sie nicht auf soziale
Distanzierung achten_. _Die Fluggesellschaften müssen transparenter und
selbstbewusster bei der Kommunikation des Protokolls zur sozialen
Distanzierung sein, insbesondere im Zeitalter der sozialen Medien. Die
Passagiere verlangen, per Videobotschaften darüber informiert zu
werden, was die Fluggesellschaften tun, um das Reisen für alle sicher
zu machen – von präventiven Maßnahmen an Bord und speziellen
Reinigungsprozessen bis hin zu minutengenauen Änderungen der Flugpläne usw. Solche Maßnahmen würden sicherlich die Ängste von
gesundheitsbewussten Passagieren und Fluggästen über 50 Jahren
verringern. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass eine
Fluggesellschaft ihre Gesundheit und Sicherheit nicht ausreichend
respektiert, werden sie schnell eine finden, die dies tut!

CN: Ist angesichts der immer tiefer werdenden Krise in der globalen
Luftfahrt und der großen Fluggesellschaften, die Insolvenz anmelden,
staatliche Hilfe die einzige Option?

LB: Für eine große Gruppe großer Fluggesellschaften auf der ganzen
Welt ist die staatliche Unterstützung die einzige Option für ihr
Überleben. In Deutschland zum Beispiel bietet die Wiederanlage von
Stabilisierungsfonds mit Sonderkrediten aus der vorangegangenen globalen
Finanzkrise die beste Lösung für deutsche Aktiengesellschaften wie die
Lufthansa.

CN: Werden Flugpreise bei den derzeit niedrigen Ölpreisen und der
entsprechend geringen Nachfrage nach Reisen für Reisende
erschwinglicher werden?

LB: Aufgrund der Treibstoff-Hedging-Aktivitäten Ende 2019 wird die
Mehrheit der Fluggesellschaften leider derzeit nicht von den niedrigen
Ölpreisen profitieren. Die Fluggesellschaften berichten von massiven
Verlusten beim Treibstoff-Hedging, da die Treibstoffpreise stark
gefallen sind. Die Markt-zu-Markt-Verluste aus den
Überschussabsicherungsgeschäften sind auch deshalb entstanden, weil
Kapazitätskürzungen aufgrund von COVID-19 dazu geführt haben, dass
der Treibstoffverbrauch der Fluggesellschaften in den nächsten
Geschäftsjahren niedriger sein wird als bisher angenommen. Was die
Nachfrageseite betrifft, so wird die Luftfahrtindustrie in den nächsten
drei Jahren unter einer geringeren Nachfrage leiden.

Aufgrund technologischer Vorteile (z.B. Videokonferenzen) und der
wirtschaftlichen Rezession (Insolvenzen von Unternehmen) werden
Geschäftsreisen auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse beschränkt
sein, und ein Teil der Geschäftsreisen wird möglicherweise nie wieder
zurückkehren (mittelfristig 5-8% Rückgang). Diese Ereignisse
(Kapazitätskürzungen, Nachfragerückgang und höhere Treibstoffkosten
als erwartet) werden mittelfristig zu einer Erhöhung der Flugpreise
beitragen. Wir können jedoch zu Beginn für einen begrenzten Zeitraum
günstigere Flugpreise erwarten, und es werden Methoden entwickelt, um
den Verkehr und die Nachfrage während der Erholungsphase anzukurbeln.

CN: Gibt es bestimmte geographische Gebiete oder Reisemärkte in der
Welt, die besser darauf vorbereitet sind, zur Normalität
zurückzukehren?

LB: Eine Rückkehr zur Normalität ist vor 2023 unwahrscheinlich.
Abgesehen davon glaube ich, dass Länder wie Australien und Neuseeland
einen geografischen Vorteil haben und während dieser Pandemie eine
große Arbeit geleistet haben, um die Verbindungen untereinander zu
festigen. Eine Trans-Tasman-Reiseblase wird entstehen, sobald es sicher
ist, Flüge zwischen beiden Ländern zu ermöglichen. Wenn es gut
funktioniert, könnten sie erwägen, die pazifischen Inseln und Singapur
einzuladen, sich dieser Blase anzuschließen. Dieses Modell könnte sich
als gutes Beispiel für den Rest der Welt erweisen, um die Reisen
zwischen den Ländern Schritt für Schritt in Gang zu bringen.

CN: Wird sich die Luftfahrtindustrie zum Besseren verändern? Könnte
COVID-19 angesichts der Rolle, die die staatliche und private
Finanzierung bei der Umstrukturierung von Fluggesellschaften spielen
kann, die bereits schlecht verwalteten Fluggesellschaften zwingen,
effizienter zu werden?

LB: Jede einzelne Krise führt zu neuen Möglichkeiten, die Dinge zu
verbessern. Was in der Vergangenheit als Fehler angesehen wurde, kann
jetzt korrigiert werden. Nach einem Weckruf aus dieser Krise wird Themen
wie Nachhaltigkeit und Umwelt viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, was zu einer höheren betrieblichen Effizienz für die Zukunft führt.

CN: Wie wird sich die Pandemie auf die Ausbildungspipeline der Piloten
auswirken?

LB: Piloten, Flugbegleiter und Flugsteigbedienstete sind die Gruppen,
die am unmittelbarsten von dem starken Rückgang der Passagiernachfrage
betroffen sind, seit die Pandemie weltweit ausgebrochen ist und den
Flugverkehr für Millionen von Menschen im Wesentlichen zum Erliegen
gebracht hat. Die COVID-19-Krise hat den weltweiten Mangel an Piloten in
einen Überschuss verwandelt. Die gegenwärtige Krise hat alles
verändert, einschließlich der Fluggesellschaften, die aufgrund des
starken Kapazitätsabbaus für die nächsten drei Jahre Tausende von
Piloten entlassen.


Links:
——
[1]
https://www.city.ac.uk/news/2020/may/how-can-the-global-aviation-industry-chart-its-way-out-of-covid-19
[2] https://www.city.ac.uk/news/2019/may/defying-all-odds


Ida JUNKER
international consultant

Das könnte interessant sein Powered by AdWol Online Werbung

Die fünf Todsünden der Zivilisation

Was auf dieser Welt in nah und fern passiert, ist unfassbar. Als gäbe es eine Art Opernregie, fäh...

Neuzulassungen jedoch in den ersten sieben Monaten noch bei minus 30 Prozent, Produktion bei minus 36 Prozent – Inländischer Auftragseingang legt im Juli erneut zu – Hildegard Müller: Unternehmen stehen unter enormem Druck

Im Juli lagen die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland mit 315.000 Neuwagen um 5 Prozent unter dem Niv...

Wie Bildung in Krisenzeiten gelingen kann: Leopoldina veröffentlicht fünfte Ad-hoc-Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie

Die Coronavirus-Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens haben dazu gef...