Die Ahnung von Unglück oder Sprachvielfalt der Liebe

„Es gibt Leute, die sich nie verliebt hätten, wenn sie nicht von der Liebe hätten sprechen hören.“ Diesen Satz von François de La Rochefoucauld stellt Jeffrey Eugenides seinem lang erwarteten neuen Roman voran. Doch gleich im Anschluss hinterfragt er mit einem Auszug des Songtextes „Once in a lifetime“ von Talking Head die Liebe und deren zuweilen zu Tage tretende Schmerzen:
„You may ask yourself,
Well, how did I get here?…
And you may tell yourself,
This is not my beautiful house.
And you may tell yourself,
This ist not my beautiful wife.“
Und genau dies zeichnet den Plot des amerikanischen Autors aus. „Die Liebeshandlung“ ist zugleich Konstruktion als auch Dekonstruktion der Liebe.
Drei Hauptakteure Anfang zwanzig lieben, leiden, streiten, verzweifeln und jubilieren in Eugenides Roman: zwei Männer – Mitchell und Leonard – und eine Frau – Madeleine. Vielleicht eine Dreiecksgeschichte nach klassischem Muster? Der englische Originaltitel „The Marriage Plot“ lässt dies vermuten. Bezeichnet doch dieser Begriff in der Literaturwissenschaft vor allem die viktorianische Literatur, als deren bestes Beispiel die Romane von Jane Austen oder der Schwestern Brontë herangezogen werden können. Die Ehe als finaler Höhepunkt und deren vorangehende Rituale und Verstrickungen des Werbens zwischen Mann und Frau gaben dieser Art des Schreibens Inhalt und Struktur. Doch Jeffrey Eugenides geht es um mehr. Er will die unterschiedlichen „Spielarten der Liebe – die romantische, erotische, platonische Liebe, die Nächstenliebe“ ausloten und gleichzeitig eine totgesagte Literaturgattung ins 21. Jahrhundert tragen und vielleicht gar neu beleben.
Angesiedelt hat der Pulitzer-Preisträger seine Handlung in den achtziger Jahren. Der Leser begegnet am Morgen ihrer Collegeabschlussfeier der verkaterten Anglistikstudentin Madeleine, deren Liebeswirren „zu einer Zeit begonnen [hatten], als sie Bücher von französischen Theoretikern las, die den Begriff der Liebe dekonstruierten.“ Allerdings steckt sie mit ihrem Freund, dem hochintelligenten, charismatischen, aber manisch-depressiven Biologie- und Philosophiestudenten Leonard Bankhead, nicht nur in Liebesnöten. Zuweilen „verschmolz sie zu einer großen protoplasmischen, ekstatischen Einheit“ mit ihm. Der Halbgrieche Mitchell Grammaticus, ein Student der Religionswissenschaft, würde allerdings allzu gern den männlichen Hauptpart in Madeleines Leben austauschen und die Rolle mit ihm besetzen. Da ihm das jedoch nicht zu gelingen scheint, begibt er sich lieber auf eine spirituelle Reise durch Europa und Indien. Eine zuweilen emotional-schmerzhafte Verbindung zu Madeleine bleibt dennoch bestehen. Aber wie kann man in Anthony Trollopes „Die Türme von Barchester“ lesen: „Es gibt kein Glück in der Liebe, außer am Ende eines englischen Romans.“ Ob Jeffrey Eugenides Erzählung sich dieses Motto gleichfalls zu Eigen macht? Wer weiß…
Eugenides erzählt nicht stringent chronologisch, sondern springt in seiner Romanhandlung zeitlich zurück, berichtet in Rückblenden, bis er wieder in der Gegenwart ankommt. Dabei lässt er die Erzählperspektive zwischen den drei Protagonisten abwechseln. Nicht selten wird somit ein Ereignis aus mehreren Blickwinkeln betrachtet. In trocken-ironischem, tragikomischem Tonfall lotet der Autor die Liebe in all ihren Spielarten, als auch die Frage nach dem Sinn des Lebens feinfühlig und intelligent aus. „Die Liebeshandlung“ wird damit zu einer „geballten Welt- und Sinneserfahrung“. Seine stärksten Momente hat das Buch zweifelsohne in den Passagen, in denen sich der amerikanische Autor der Beschreibung des manisch-depressiven Leonard Bankhead annimmt, seinem aussichtslosen Kampf gegen die Krankheit, seiner Qual und Einsamkeit. Vielleicht eine Hommage an den großen David Forster Wallace.
Auch wenn das Buch nicht nahtlos an das geniale „Middlesex“ anknüpfen kann, für das Eugenides 2003 den Pulitzerpreis bekam, unterhalten, und das auf literarisch hohem Niveau, hat dieser vielschichtige und dichte „Liebesroman über Liebesromane“ allerdings bestens. Und ein Quell literarischer Fundstücke ist es allemal. Aber das kann man bereits mit dem ersten Satz im Text erahnen, der da lautet: „Zunächst mal, schauen Sie sich all diese Bücher an.“

Jeffrey Eugenides
Die Liebeshandlung
Originaltitel: The Marriage Plot
Aus dem Englischen übersetzt von Uli Aumüller und Grete Osterwald
Rowohlt Verlag, Berlin (Oktober 2011)
624 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3498016741
ISBN-13: 978-3498016746

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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