Die Frauen haben den längeren Atem – Waltraud Meier verabschiedete sich und uns von ihrer Isolde

Warum Isolde, Tristans große irdische Liebe, am Ende von Richard Wagners nach dem sagenhaften Liebespaar benannter 150-jähriger Oper ganz alleine singt? Das fragte der Regisseur der noch gespielten Münchner Nationaltheater-Inszenierung von 1998 im letzten Abschnitt seines Programmheft-Aufsatzes „Zwei Arten von Tod“. Die Frauen, so verallgemeinert er, seien stärker. Sie „haben eine andere Rolle in unserer Kulturgeschichte, können etwas aussprechen, was die Männer nicht mehr aussprechen können. Die Frauen sind nicht so eingebunden in die Spielregeln, haben den längeren Atem“.
Wie wahr. Und wie trefflich auf die Situation mit der zentralen Person am späten Abend des 12. Juli 2015, an dem die fabulöse, aus Würzburg stammende Wagner-Sängerin Waltraud Meier sich – in eben jener, nun 17 Jahre alten Inszenierung Konwitschnys (Bühne: Johannes Leiacker) von ihrer Lieblingsrolle der Tristan-Geliebten verabschiedete. Ein letztes Mal den Liebestod: „Mild und leise / wie er lächelt, / wie das Auge hold er öffnet – seht ihr`s, Freunde?/ Seht ihr`s nicht?“ O ja, die Freunde sahen`s. Und hörten`s. Sahen, wie eine wunderbare Isolde, im schlichten langen schwarzen Gewand, ähnlich gekleidet (zum und im Tod vereint) wie ihr grandioser Tristan (Robert Dean Smith), aus dem dunklen Leben ins lichte Leben scheidet. Ins Leben, das, durch das Tor des Todes gegangen, auf die darin vereinten Liebenden wartet, weit ab von Geld und Macht und Gier und Krieg, einzig hingegeben dem jeweils „anderen“.
Viele „Freunde“ waren gekommen, darunter zahlreiche Kunst-Promis, um mit Waltraud Meier diesen Abschied zu feiern. Der Jubel nach der Aufführung war, wie schon angeklungen nach den beiden ersten Akten, seit langer Zeit nicht mehr im Haus so immens. Er schwoll an. Er wollte und sollte lange nicht enden. Immer wieder mündete er in Getrampel und „Bravo“-Rufe. Die teilte die sichtlich gerührte Protagonistin sich mit Philippe Jordan, dem schier unvergleichlich zu nennenden „Tristan“-Kenner und sanften, Pianissimo-reichen Dirigenten, den sich München, sollte Kirill Petrenko wirklich von dannen ziehen, unbedingt sichern sollte. Keinen „teureren Trauten“ am Pult des über sich selbst hinauswachsenden Bayerischen Staatsorchesters hätte Waltraud Meier sich für ihr Rollen-Ade wünschen können.
Sie war schon 1998 in Konwitschnys optimistisch stimmender Inszenierung die Isolde. Begonnen hatte sie mit dieser Partie fünf Jahre zuvor in Bayreuth, wo sie weitere zehn Jahre früher zur gefeierten Kundry geworden war, die sie auch in München gab. Hier begegnete man ihr zuerst in den mächtigen Mezzo-Partien wie Wagners Waltraute und Verdis Eboli und Amneris, später Venus und Ortrud. Sie musste sich den Vorwürfen mancher kritischer Geister stellen, viel zu hoch hinauf zu wollen – in die Sopran-Gipfel einer Beethoven-Leonore etwa, einer Sieglinde. „Ich bin ja von Haus aus nie ein wirklicher Sopran gewesen“, gestand sie einem Interviewer. Fügte aber gleich an, ein paar Sopranpartien ausgewählt zu haben, die sie sich „so zurechtlegen“ konnte, ohne Schaden zu nehmen. Sie sang erst, auch in München, die Brangäne (die ihr gut lag und bei der sie sich, wie sie sagte, stets wohlfühlte), doch schielte sie da schon immer zur Isolde hinüber. Vier Jahre lang habe sie an dieser Partie gearbeitet, zu der ihr Daniel Barenboim Mut machte. Im Jahre 1993 war die Meier von sich selbst nicht recht überzeugt, eine gute Isolde abzugeben.
22 Jahre später muss wohl auch der letzte Meier-Isolden-Skeptiker in die Knie gehen vor der phantastischen Leistung, die sich die 59e-Jährige durch Fleiß und Beständigkeit, Hartnäckigkeit und Widerstandskraft abrang. Dass sie nun – am Zenit ihrer Expressivitäts-Potentiale (als durchgeistigte Sängerin nicht weniger denn als fulminante Darstellerin) – das Isolden-Feld räumt, ist ihr hoch anzurechnen. Lieber gehen, wenn man noch weiter könnte, als bleiben, wenn man gerade noch so kann – das ist eine künstlerische Devise von respektablem Adel.

FOTO (Hans Gärtner)

Sang ihre letzte Isolde: am Münchner Nationaltheater, wo sie ihre Lieblingsrolle erstmals vor 22 Jahren verkörperte (hier mit René Pape als König Marke): Waltraud Meier

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Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 323 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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