Venedig und die Kunst des Verrisses

Cinema. Bild von PublicDomainPictures auf Pixabay

Filmfestivals sind Maschinen der Zustimmung. Roter Teppich, Applauslänge, Gala, Pressekonferenz, Preisgerüchte. In Venedig existiert seit Jahren ein kleiner Gegenort. Eine Wand mit dem Motto „Gebt uns unser Geld zurück“ sammelt bissige Kommentare des Publikums. Die Tradition lebt von teils brutalen Urteilen. Ausgerechnet diese Wand wirkt wie eine Erinnerung daran, dass Kulturkritik Spaß machen darf.

Die Feedback-Wand widerspricht dem Festivalritual

Der Verriss hat heute einen schlechten Ruf. Er gilt schnell als arrogant, destruktiv oder persönlich. In sozialen Medien wiederum wird Kritik oft so grob, dass sie tatsächlich nur noch Beleidigung ist. Dazwischen verschwindet eine alte Form. Ein kluger Verriss nimmt ein Werk ernst genug, um genau zu beschreiben, warum es scheitert.

Das Festivalmilieu braucht diese Form besonders. Dort entstehen Hypes in Stunden. Ein prominenter Regisseur, ein bekannter Schauspieler und eine gute Premiere können eine Erzählung erzeugen, bevor der Film regulär im Kino läuft. Kritik sollte diese Erzählung prüfen, nicht verlängern.

Kritik ist mehr als Sterne

Die venezianische Wand ist natürlich kein Feuilleton. Ihre Pointen sind kurz, manchmal unfair, und genau darin liegt ihr Reiz. Sie schafft jedoch ein Gegengewicht zur zeremoniellen Verehrung. Wer zehn Tage lang Filme sieht, darf genervt sein. Begeisterung wird nicht wertvoller, wenn Enttäuschung institutionell unerwünscht ist.

Interessant ist, dass Festivals negative Reaktionen trotzdem brauchen. Ein Film, über den gestritten wird, lebt länger als einer, den alle höflich mittelmäßig finden. Kontroverse ist Teil der Aufmerksamkeit. Die Branche sollte daher nicht jedes schlechte Urteil als Angriff behandeln.

Ein schlechter Film verdient eine gute Begründung

Gute Kritik bleibt dennoch mehr als Geschmack. Sie sollte Form, Rhythmus, Schauspiel, Drehbuch und Kontext benennen. „Langweilig“ ist ein Gefühl, aber noch kein Argument. Die Aufgabe des Kritikers besteht darin, die Langeweile zu untersuchen. War das Tempo falsch, die Figur leer, die Inszenierung vorhersehbar? Erst dann wird der Verriss für Leser nützlich.

Zugleich stehen die preisgekrönten Filme des Festivals im Mittelpunkt. Preise und Verrisse gehören zusammen, weil beide den gleichen Anspruch voraussetzen. Filme sind es wert, ernst genommen zu werden. Ernstnehmen bedeutet auch, ein Scheitern nicht höflich zu verschweigen.

Der Verriss hat zudem eine ökonomische Funktion. Festivals, Verleiher und Streamingdienste investieren große Summen in Aufmerksamkeit. Unabhängige Kritik kann verhindern, dass Marketing vollständig zur Deutungshoheit wird. Je professioneller PR arbeitet, desto wichtiger bleibt ein Ort, an dem Begeisterung nicht gekauft werden kann.

Gleichzeitig sollte Kritik ihre Macht reflektieren. Ein vernichtender Text kann kleinen Produktionen stärker schaden als einem Blockbuster. Das ist kein Grund für Schonung, wohl aber für Genauigkeit. Je härter das Urteil, desto besser sollte die Begründung sein.

Soziale Medien verändern den Ton zusätzlich. Ein kurzer Spott verbreitet sich schneller als eine lange Analyse. Kritiker geraten damit in Versuchung, Pointen für Reichweite zu produzieren. Die venezianische Wand darf das, weil sie ausdrücklich Spiel ist. Ein Feuilleton sollte mehr leisten.

Vielleicht braucht Kultur wieder mehr Lust am Urteil. Nicht jede Besprechung muss ausgewogen sein, wenn sie fair argumentiert. Begeisterung und Ablehnung sind produktiver als jene vorsichtige Mitteltemperatur, in der jedes Werk irgendwann nur noch „interessant“ heißt.

Der Verriss gehört zur Kunstkritik, weil Öffentlichkeit keine Werbeabteilung der Biennale ist. Eine negative Rezension kann präziser über eine Ausstellung nachdenken als zehn höfliche Eröffnungsberichte. Problematisch wird sie erst, wenn die Pointe das Sehen ersetzt. Große Schauen sind ungleichmäßig. Wer aus einem schwachen Raum auf die gesamte Ausgabe schließt, schreibt möglicherweise unterhaltsam, aber nicht gerecht.

Venedig verstärkt diese Versuchung. In wenigen Tagen müssen Kritiker Hunderte Arbeiten, Länderpavillons und Nebenveranstaltungen sehen. Müdigkeit wird zur Methode, Zeitdruck zur Urteilskraft. Das lässt sich nicht vollständig vermeiden. Transparenter wäre, stärker zu unterscheiden zwischen ersten Eindrücken und späterer Bilanz. Manche Werke wachsen erst, wenn der Messe- und Eröffnungsbetrieb abgeklungen ist.

Kritik braucht außerdem Distanz zur Institution und Nähe zum Werk. Sie darf politische oder kuratorische Ansprüche prüfen, sollte sich aber nicht darin erschöpfen. Ein Verriss ist dann gut, wenn der Leser versteht, was zu sehen war und warum es nicht überzeugt. Bloße Häme altert schneller als die Ausstellung, die sie treffen wollte.

Für die Kulturkritik bleibt dabei ein einfacher Prüfstein: Ein Werk oder eine Institution muss mehr aushalten als die erste Schlagzeile. Kontext, handwerkliche Qualität, historische Linien und die Erfahrung des Publikums gehören zusammen. Sobald nur noch Marktwert, Moral oder technische Neuheit zählt, wird aus einer vielschichtigen Sache ein Etikett. Gerade die Reibung zwischen diesen Ebenen hält Kultur interessant.

Festivalurteile haben noch ein zweites Problem: Sie entstehen in einer künstlichen Verdichtung. Ein Werk konkurriert dort mit dem nächsten Film, mit Gesprächen, Terminen, Premieren und der Erwartung, sofort eine Haltung zu besitzen. Der erste Eindruck kann deshalb brillant sein und trotzdem falsch liegen. Manche Filme verlieren nach zwei Tagen ihren Glanz, andere arbeiten weiter, obwohl sie im Saal zunächst sperrig wirkten. Das spricht nicht gegen den schnellen Text; Festivals brauchen ihn. Aber er sollte als solcher erkennbar bleiben. Eine Kritik, die am Morgen nach der Premiere geschrieben wurde, muss nicht so tun, als sei sie das letzte Wort. Spannender wäre eine Kultur des Wiederlesens und Wiedersehens, in der Urteile korrigiert werden dürfen. Ein Verriss gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn sein Autor später einräumt, dass er einen Film unterschätzt hat. Kritik wird dadurch nicht schwächer. Sie wird menschlicher, weil sie zeigt, dass Sehen kein Verwaltungsakt ist und Geschmack sich unter dem Eindruck eines Werkes verändern kann.

Venedigs Feedback-Wand ist vielleicht keine hohe Kritik. Sie ist aber ein gesundes Zeichen in einer Kultur, die oft zu viel PR und zu wenig Urteil produziert. Ein schlechter Film überlebt einen guten Witz. Ein schlechter Kritiker nicht unbedingt.