Mehr als drei Viertel der Befragten geben an, zunehmende Belastungen zu spüren. Zugleich steigen die Verbraucherpreise, während die Reallöhne zuletzt zulegten. Der ARD-Deutschlandtrend zeigt, wie unterschiedlich wirtschaftliche Entwicklung und persönliche Wahrnehmung ausfallen.
Die Sorge um den Lebensstandard
In der Anfang Oktober veröffentlichten Befragung für den ARD-Deutschlandtrend erklärten 77 Prozent der Wahlberechtigten, sie spürten immer mehr Belastungen, obwohl die Bundesregierung Entlastungen versprochen habe. Etwa jeder Zweite befürchtete, den eigenen Lebensstandard künftig nicht halten zu können. Die Ergebnisse stammen aus einer Erhebung von Infratest dimap vom 28. bis 30. September unter 1.303 Wahlberechtigten, über die die Tagesschau und der WDR am 1. Oktober berichteten.
Die Umfrage erfasst Einstellungen und Erwartungen. Sie sagt nicht aus, dass die verfügbaren Einkommen von 77 Prozent der Haushalte tatsächlich gesunken sind. Die Antworten beziehen sich auf wahrgenommene Belastungen und auf die Bewertung der politischen Entlastungsversprechen. Für die Entwicklung der Kaufkraft müssen daneben Preis- und Einkommensdaten betrachtet werden.
Das Misstrauen betrifft auch die Zukunft der sozialen Sicherung. Nur 17 Prozent trauten der Bundesregierung zu, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung auf Dauer zu sichern; 79 Prozent verneinten dies. Nach den veröffentlichten Ergebnissen des WDR erklärten 50 Prozent, sie würden Einschnitte in die Sozialleistungen hinnehmen, wenn deren Notwendigkeit verständlich erläutert werde. 61 Prozent sprachen sich dafür aus, solche Einschnitte an der finanziellen Situation der Betroffenen auszurichten.
Energie treibt die Preise im September
Unabhängig von der Umfrage zeigen die amtlichen Verbraucherpreisdaten einen erneuten Anstieg der Teuerung. Nach der vorläufigen Berechnung des Statistischen Bundesamtes lagen die Preise im September 2026 um 3,3 Prozent über dem Vorjahresmonat; im August hatte die Inflationsrate 2,9 Prozent betragen. Energie verteuerte sich im September im Jahresvergleich um 14,9 Prozent. Die endgültigen Septemberwerte will Destatis am 13. Oktober veröffentlichen.
Besonders deutlich war der Preisdruck bereits im August an den Tankstellen. Nach den endgültigen Augustdaten von Destatis waren Kraftstoffe 27,7 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Für Nahrungsmittel wurde dagegen nur ein Preisanstieg von 0,1 Prozent gegenüber August 2025 ausgewiesen. Diese Unterschiede erklären, weshalb die persönliche Belastung stark davon abhängt, wie viel ein Haushalt beispielsweise für Mobilität, Heizung, Miete und Lebensmittel ausgibt.
Eine sinkende Inflationsrate bedeutet lediglich, dass die Preise langsamer steigen. Erst bei einer negativen Veränderung des Verbraucherpreisindex würde das allgemeine Preisniveau gegenüber dem Vergleichszeitraum zurückgehen. Die Belastung eines Haushalts lässt sich daher aus der aktuellen Jahresinflationsrate allein nicht bestimmen; entscheidend sind auch frühere Preissteigerungen, das verfügbare Einkommen und die Zusammensetzung der Ausgaben.
Reallöhne steigen, Sorgen bleiben
Bei den Arbeitseinkommen ergibt sich ein anderes Bild als bei der reinen Preisentwicklung. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die Nominallöhne im zweiten Quartal 2026 um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Bei einer Teuerung von 2,5 Prozent ergab sich ein Reallohnzuwachs von 1,5 Prozent. Bereits 2025 waren die Reallöhne im Jahresdurchschnitt um 1,9 Prozent gestiegen. Die Zahlen beziehen sich allerdings auf Durchschnittswerte der erfassten Beschäftigten und beschreiben nicht die Einkommenslage jedes einzelnen Haushalts.
Auch Rentner, Selbstständige und Menschen ohne Erwerbseinkommen sind nicht unmittelbar durch die Lohnstatistik abgebildet. Zudem können Preissteigerungen bei einzelnen Ausgabenpositionen höher ausfallen als die amtliche Gesamtinflation. So lässt sich erklären, weshalb positive Reallohnwerte und eine hohe wahrgenommene finanzielle Belastung gleichzeitig auftreten können, ohne dass die beiden Erhebungen einander widersprechen.
Wie die sozialen Sicherungssysteme finanziert werden sollen, ist unter den Befragten umstritten. Im ARD-Deutschlandtrend bevorzugten 41 Prozent höhere Beiträge, 37 Prozent eher Leistungskürzungen. Eine gemeinsame Mehrheitsposition für eines dieser beiden Instrumente ergibt sich daraus nicht. Die Regierung muss bei anstehenden Reformen deshalb Entscheidungen über Beiträge, Leistungen und mögliche Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt treffen; die Umfrage zeigt vor allem, dass viele Bürger bereits jetzt mit weiteren Belastungen rechnen.
Die Ergebnisse sind eine Momentaufnahme. Die Stichprobe umfasste 777 Telefon- und 526 Onlineinterviews; Infratest dimap nennt je nach Anteilswert eine statistische Schwankungsbreite von ungefähr zwei bis drei Prozentpunkten. Die Daten über Preise und Verdienste beruhen dagegen auf amtlichen Statistiken. Für die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage müssen beide Arten von Informationen getrennt betrachtet werden.
