Erdogan: Friedliche Gespräche nach gewaltsamen Räumungen?

Am gestrigen Tage wurde der Taksim-Platz, nahe des Gezi-Parks wie in einem Planspiel gestürmt und vermutlich fungierten Polizisten in Zivil als Krawallmacher gegen die Polizei, um die Reputation der Demonstranten zu schädigen und die unverhältnismäßigen Polizeiangriffe zu legitimieren: mit Tränengaß, Wasserwerfern und Gummigeschossen versuchten sie, den Taksim-Platz von über 30.000 Demonstranten zu “reinigen”. Reinigung erfolgreich: es soll hunderte Verletzte und Dutzende Festnahmen gegeben haben. Dies geschah, nachdem die Demonstranten zunächst wie gewöhnlich friedlich zu einer Kundgebung versammt waren. Plötzlich kam es zu dem “massivsten Polizeieinsatz seit Beginn der Proteste”. Bilder zeigen u.a. einen hilflosen Rollstuhlfahrer, der Mitten auf dem Platz von einem Wasserwerfer attackiert wird.
Heute morgen wurden im Gezi Park Zelte wiederaufgebaut, Spuren des Kampfes beseitigt. Eine ausharrende Demonstrantin berichtete: “Es war eine schlimme Nacht. (…) Wir konnten nicht mehr atmen, nicht mehr sehen. Ich appelliere an Erdogan: Er soll sein Volk nicht quälen” , ein anderer sagte :” Es geht nicht mehr um den Park. Er ist ein Diktator, der sein Volk angreift.”
Hüseyn Avni Mutlu, Gouverneur von Istanbul, sagte zu den Vorfällen: “Wir werden allen Randgruppen, die sich uns in den Weg stellen, (…) die nötige Strafe erteilen.” Gut, dass sich die Regierung diese Randgruppen selbst als Begründung für Gewalt schenken kann.
Entgegen zu diesem Schauspiel, oder als Teil davon, steht nun Erdogans Plan, heute Nachmittag friedliche Gespräche mit Vertretern der Protestbewegung aufzusuchen. Die Maske des sich selbst teilweise zum Opfer stilisierenden und nun das friedliche Gespräch suchenden Präsidenten hat tiefe Risse, unter denen die Wahrheit bereits deutlich zu sehen ist. Bleibt die Frage: Wen trifft Präsident Erdogan eigentlich zum Gespräch? Welcher Vertreter der Protestbewegung, die er noch vor Tagen als “Gesindel” (capulcu) bezeichnete, trifft er nun gesprächsbereit?
Aktivisten als Vertreter der Protestbewegung, die vom Gezi-Park ausging, sollen nicht dabei sein, obwohl bekanntlich dort die Quelle des Aufstandes verwurzelt ist. Ein Schauspielerin soll unter den Vertretern sein, die nicht sehr aktiv in den Protesten gewesen sei,außerdem weitere Schauspieler und Künstler.
Auf Informationen bezüglich des Ausgangs dieser Verhandlungen darf man gespannt sein.

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Über Knobloch Nora 11 Artikel
Nora P. Knobloch, geb. 1990 in Köln, Studierende der Psychologie, Friedensdienste in Ghana, Reiseberichte und Online-Redakteurin bei diefreiheitsliebe.de

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