Gehört das Kreuz zu Deutschland? Markus Söder unternimmt einen Rettungsversuch

Kreuz auf dem Vatikan, Foto: Stefan Groß

Gehört das Kreuz zu Deutschland? Markus Söder unternimmt einen Rettungsversuch, die Grünen sind alarmiert und blasen zum Sturm auf das Kreuz. Droht uns nun endgültig der Untergang des Abendlandes? Und für was steht das Kreuz eigentlich?

Die Aufklärung hat die Religion einst vom Himmel geholt und in die Regulative der praktischen Vernunft gekettet. Religion im Gewand der Moral war das einzig legitime Korsett religiöser Geltungskraft. Und die Postmoderne schließlich hat der Religion endgültig den Dolchstoß verpasst und sie in das Nirwana der Identitätslosigkeit verbannt. An die Stelle von Heimat, Ordnung, Sinn- und Identitätsstiftung, verbunden mit einem normativ-regulativ-universalem Geltungsanspruchs des Religiösen, ist die plaudernde, diskursoffene Differenz, der Pluralismus und die Polyphonie getreten. Die Religion ist seitdem auf dem Rückzug und mit ihr die Symbolkraft. Das Kreuz als Symbol des Leidens, der Auferstehung und des Prinzips Hoffnung ist zu einem Randphänomen einer Gesellschaft geworden, die sich zunehmend ihrer traditionellen Wurzeln entkleidet und die zivilisatorisch-technische Vernunft zum A und O verklärt.

Dabei steht Europa auf den Grundfesten der abendländischen Tradition, des christlichen Hellenismus sowie des christlich fundierten Humanismus, einer Synthese von Glauben und Vernunft also, die als prägende Kräfte die letzten zweitausend Jahre die Menschengeschichte formten und nach wie vor die vorpolitischen Grundfesten unserer kulturellen Identität bilden. Wer an diesen Fundamenten rüttelt, stellt nicht nur die christlich-zivilisatorischen Kategorien der Nächstenliebe, Vergebung und Verzeihung in Frage, sondern zugleich das gesamte Wertefundament samt der unendlichen Fülle kultureller Wertschöpfungen. Was ist denn die gotische Kirche anderes als Symbol des göttlichen Jerusalems, als Strahlen- und Lichttempel, der auf die göttliche Ordnung verweist?

Das Symbol als „aufschließende Kraft“

Der Philosoph Ernst Cassirer dachte den Menschen als „animal symbolicum“, als ein symbolbildendes und Symbole verwendendes Wesen, das sich dadurch erst einen Wirklichkeitsbezug erschafft. Unsere Welt in ihrer Totalität bleibt symbolisch aufgeladen; Symbole ermöglichen gemeinsame Verständigung und Erinnerung. Und schon für Johann Wolfgang Goethe war das Symbolische die „aufschließende Kraft“, die „im Besonderen das Allgemeine darzustellen vermochte, die die „Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild verwandeln konnte“ und der dabei immer etwas zugrunde lag, das sich jeder Vereinnahmung widersetzte. Auch für den protestantischen Theologen Paul Tillich wohnte dem Symbol eine Macht inne, die „die Sphäre der Anschauung unbedingt übersteigt“. Religiöse Symbole waren für ihn daher konstitutive Elemente von Identifikation und Handlung. Und selbst die Sprache, so Tillich, sei religiös und symbolisch, weil sie sich auf das Transzendente bezieht.

Das Transzendente widersetzt sich der Vereinnahmung hatte Joseph Ratzinger einst im Dialog mit Jürgen Habermas betont und herausgehoben: „Den Kulturen der Welt ist die absolute Profanität, die sich im Abendland herausgebildet hat, zutiefst fremd. Sie sind überzeugt, daß eine Welt ohne Gott keine Zukunft hat. Insofern ruft uns gerade die Multikulturalität wieder zu uns selber zurück.“

Für Ratzinger bleibt es die Kreuzestheologie, das Kreuz, dass sich der Vereinnahmung widersetzt, das Salz der Erde und Stachel im Fleisch zugleich ist. Es bildet den essentiellen Hinterraum einer offenen Gesellschaft, den zu verschließen, die Selbstaufhebung der Gesellschaft mit impliziert. Und angesichts der Gefahr einer „entgleisenden Moderne“ hatte Habermas nicht für die Ausklammerung, sondern für eine Übersetzung auch und gerade der religiösen Überzeugungen in „eine öffentlich zugängliche Sprache“ plädiert. „Eine liberale politische Kultur“ müsse „sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, daß sie sich an den Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentliche Sprache zu übersetzen.“

Postmoderne Beliebigkeit

Wer christliche Symbole abschafft, weil er damit religiöse Gefühle Andersgläubiger verletzt, weil er eben nur auf eine interkulturelle Harmonie und Versöhnung setzt, der öffnet genau wie einst die Postmoderne der Beliebigkeit und des anything goes à la Paul Feyerabend Tor und Türe. Das Ergebnis bleibt irritierend wie schockierend zugleich. Irritierend, weil es die gewachsene Geschichte aus dem Geist des Christentum verleugnet, schockierend, weil es zeigt, wie uns die Beliebigkeit im Angesicht des Fremden zum Ausdruck kultureller Anpassungsfreudigkeit geworden ist. Wer seine Symbole abschafft, verliert letztendlich seine Kultur als Nähr- und Wehrboden.

Die Postmoderne ist gescheitert, weil sie keine kulturellen Normen und Werte, keine Ethik, aus sich entwickeln konnte, weil sie letztendlich nur gegen das Bestehende, das Tradierte kämpfte, ohne etwas Substantielles dagegenzustellen. Wo dieses aber fehlt, regiert das Allerlei, verliert die Gesellschaft ihr Halteseil.

 Die Macht des Symbols

Im heraufziehenden Kulturkampf, in der Verleugnung des Eigenen und in einer zunehmend pluralistisch sich zeichnenden Gesellschaft bleibt der Rekurs auf das Identitätsstiftende, das Kreuz, überlebenswichtig, denn es verweist auf das Transzendente, das zur Kultur befähigt. Dieses befindet sich in Europa im schleichenden Abgesang; in der islamischen Welt hingegen ist es der zündende Funke religiöser Überzeugungen und Inspirationen, die Kraftquelle, die über ein zivilisatorisch müdes Europa obsiegen kann.

Grüne Idealisten sollten sich dies kritisch vor Augen halten, wenn sie dem Kreuz abschwören, es für obsolet und seine Symbolkraft für tradiert erklären. Die Kraft des Religiösen, versinnbildlicht sich in seinen Symbolen und ist stärker als die säkularisierte Vernunft, weil sie aus einer Quelle schöpft, von der die Vernunft nur Abbild ist. Der Islam mit seinen Symbolen ist auf dem Vormarsch die Welt zu erobern, ein Christentum, das sich selbst zerfleischt, bietet ihm hier die günstigste Angriffsfläche, um sich selbst zu entmächtigen. Falsch verstandene Toleranz führt eben nicht zu Versöhnung zwischen den Kulturen, sondern zur Auflösung der eigenen.

Im Kreuzgang – Markus Söder und der grüne Shitstorm

Seit Tagen wird der Bayerische Ministerpräsident Markus mit seinem Kruzifix-Vorstoß mit Hohn und Spott überzogen. Heftige Kritik kam dabei aus der grünen Multikulti-Ecke. So kritisierte Katrin Göring-Eckardt Söders Kruzifix-Pflicht als beschämend für Christen. „Das Kreuz ist keine heimelige Wand-Deko“, sondern wird für plumpes Wahlkampfgetöse missbraucht. Auch der Münchner Weihbischof Wolfgang Bischof kritisierte Söder und die Kreuzespflicht in allen staatlichen Behörden. Das Kreuz sei kein Symbol für Bayern „und erst recht kein Wahlkampflogo.“ „Wer im Geist des Kreuzes handeln will, der muss die Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns stellen, und zwar besonders die Menschen in Not.“ Nun ist beim Vorwurf des Bischofs kein Kausalzusammenhang zu erkennen denn Bayern ist sowohl in Sachen Flüchtlingskrise als auch bei der Integration Vorreiter.

Kirche kritisiert Kreuz-Vorstoß

Das ausgerechnet Kritik von Seiten der Kirche kommt, ist nicht nur befremdlich, aber vielleicht verständlich, wenn man sich an den Besuch von Kardinal Marx und Landesbischof Bedford-Strohm am Tempelberg erinnert, wo die Kreuze einfach in der Tasche verschwanden, um religiöse Gefühle nicht zu verletzten. Der allgemein hervorgebrachte Vorwurf, Söder instrumentalisiere die Religion samt Kreuz und verletzte damit die Neutralität des Staates in Sachen Religionsfreiheit, bleibt absurd, denn Artikel 4 des Grundgesetzes, der die Religionsfreiheit garantiert und dazu verpflichtet, weltanschaulich und religiös neutral zu sein, wird durch das Aufhängen von Kreuzen nicht tangiert. Weder wird dadurch das Kreuz auf ein kulturelles Symbol reduziert noch zum Symbol des Staates verklärt. Auch der Vorwurf einer „populistischen Symbol-Wahlkampfaktion“, wie sie der sonst umsichtige FDP-Chef Christian Lindner in den aufgewühlten Diskurs wirft, mag nicht tragen, sondern eher befremden. Wie groß muss die Illusion denn sein, um mit dem Kreuz eine Landtagswahl zu gewinnen?

Der neue Ministerpräsident selbst lässt sich durch den anschwellenden Gesang der Kritiker nicht aus dem Schritt bringen. In Sachen Kruzifix bleibt er unnachgiebig. Er weiß eben um die Kraft des Symbolischen – anders als seine Gegner, die ihn hier deutlich unterschätzen. Traurig nur, dass Söders Kreuzesvorstoß zum leidigen Kreuzweg des Ministerpräsidenten selbst wird, der im aufbrechenden Kulturkreuzkampf zum letzten Verteidiger des Christentums avanciert.

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Über Stefan Groß-Lobkowicz 2079 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".