Im Garten des Prinzregententheaters spricht Dramaturg Christoph Gaiser eindringlich ins Mikrophon. Vor ihm: geladene „Unterstützende“ des Bayerischen Staatsballetts, die, wenn sie nicht zu den ihnen gereichten Erfrischungen greifen, seinen Worten lauschen. Eigentlich müsste ihnen ja der mit „Konstellationen“ eher etwas akademisch-trocken als spannend klingende Inhalt der letzten Spielzeitpremiere bekannt sein. Nun wird sie zur ersten Premiere der diesjährigen Münchner Opernfestspiele, die am 4. Juli wieder „Oper für alle“ bieten, erstmals mit einer Aufführung der „Walküre“.
Nach vier Stücken – 19, 9, 5 und 22 Minuten lang – gibt es eine Pause von einer knappen halben Stunde, um zum Abschluss noch ein 4 und 16 Minuten langes Stück zu bringen. Ein Abend voller rätselhafter, bravouröser, unkonventioneller, akrobatisch-tänzerisch durchwegs erstaunlicher und hochprofessionell getanzter Kunst-Stücke der von Laurent Hilaire geleiteten Münchner Compagnie.
Im Publikum macht sich von der ersten Minute des einleitenden Grand pas classique aus Marius Petipas „Paquita“, formal-romantisch einstudiert von Laurent Hilaire mit zweimal sieben gleich “lautenden“ jungen Tänzerinnen, angeführt vom Traumpaar Violetta Keller und dem umwerfenden Julian MacKay, eine Geneigtheit breit, die die Bedeutung des auf hohem Niveau arbeitenden Staatsballetts unterstreicht. Es lebe Symmetrie und Gleichklang! Severin Brunhuber und Ana Goncalves glänzen dann in der einzigen Uraufführung, entwickelt vom Choreographen Simon Adamson-De Luca, der sich, umjubelt vom Publikum, persönlich zeigt. Zwei tolle Bewegungs-Rhythmiker in weißer Unterwäsche, gestrandet auf einer Insel, umrauscht vom beredten Meer, dem sich beide anverwandt fühlen. Was sich dann hinter dem Shakespeare-Ansatz von „Romeo und Julia“, blendend getanzt von Violetta Keller und Jakob Feyfrlik, verbirgt, wurde nicht so ganz klar, Text und Musik sind von Radiohead. Wer kennt die/den/das schon? So recht finden die beiden ja wohl nicht zueinander.
Voller Gegensätze mit Reibungspotential: „Un trait d`union“ von Angelin Preljocaj, auch vom Chef einstudiert mit den beiden phantastischen Gegen- und Zueinander-Spielern Severin Brunhuber und Konstantin Ivkin. Hier wird höchste Körpersprachen-Akrobatik geboten, wozu ein Leder/Chef-Sessel und ein „Schamerl“ gebraucht werden, um zu Johann Sebastian Bachs Largo aus dem f-Moll-Cembalokonzert virtuos die Ungleichheit einer Partner-Beziehung deutlich spüren zu lassen. Die Ovationen aus dem dicht gefüllten Saal nehmen an Stärke zu.
Vier Minuten raffiniert-witzige Komik-Delikatesse gelingt dem vertrackt agierenden, aneinander vorbei und wieder zusammen zuckenden, ruckenden, sich anschreienden, weiß geschminkten Paar Carollina Bastos und Ariel Merkuri mit „Shutters Shut“. Den grandiosen Abschluss erreichen „Konstellationen“ mit einem riesenhaften roten Teppich bei „Subject to Change“. Da darf Franz Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ den musikalischen Background liefern. Vier Tänzer, ganz in Schwarz mit teuflisch rotem Jackett-Futter lassen dem Promi-Paar Jakob Feyferlik und Laurretta Summerscales zurückhaltend den Vortritt. Die beiden erhalten die einhellige Zustimmung der den Atem anhaltenden, da und dort noch Rätsel lösenden Zuschauerinnen und Zuschauer.
Man kann nur wünschen, dass sich die „Unterstützenden“ des Bayerischen Staatsballetts mehren. Wo gibt es eine potentere, jugendfrischere und begnadetere Compagnie als in München?!
