Karl Popper – „Alles Leben ist Problemlösen“. Erinnerungen an den großen Philosophen zum 30. Todestag

Subjektivität, Objektivität, Philosophie, Quelle: geralt, Pixabay License, Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

Am 17. September 1994 ist Karl Popper in London gestorben. Acht Monate vor seinem Tod schrieb er das Vorwort zu einem Sammelband mit dem Titel „Alles Leben ist Problemlösen“, der Aufsätze aus seiner letzten Lebensphase enthält. Dieses letzte Buch, das zu Lebzeiten erschien, widmet sich allgemeinen Lebensthemen, die jeden Menschen interessieren sollten: Freiheit, Demokratie, Frieden, Zukunftsgestaltung, Lebensbewältigung, Hoffnung und Optimismus. Im Vorwort schreibt er, das Buch sei eine Fortsetzung seines Werkes „Auf der Suche nach einer besseren Welt“, das zehn Jahre zuvor erschien. Popper zeigt sich in beiden Werken als hoffnungsvoller Optimist, der durchaus Skepsis und Kritik kennt, in seinem Grundbestreben jedoch immer wieder nach besseren Lösungen für Lebensprobleme sucht. Und der glaubt, dass dies möglich ist.

Überblick über das Lebenswerk von Karl Popper

Die philosophischen Schwerpunkte von Karl Popper waren die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, die Sozial- und Geschichtsphilosophie sowie die politische Philosophie. Er gilt als der Begründer des Kritischen Rationalismus. Aus seiner Denkschule stammen zahlreiche Philosophen, die von seinem Denken geprägt waren und später ebenfalls sehr bekannt wurden, wie z.B. Thomas S. Kuhn, Paul Feyerabend, George Soros oder Hans Albert. Mit den Nobelpreisträgern Friedrich August von Hajek, Peter Brian Medawar, Konrad Lorenz, Albert Einstein, John Eccles und Bertrand Russell war er befreundet. Die Philosophen und Politiker Ralf Dahrendorf sowie Bundeskanzler Helmut Schmidt waren eng mit ihm verbunden und hörten gerne auf seinen Rat.

Kurzes biografisches Porträt von Karl Popper

Sir Karl Popper wurde am 28. Juli 1902 in Wien geboren. Dort verbrachte er seine ersten 35 Lebensjahre. Sein Vater war Rechtsanwalt. Seine Mutter hieß vor der Ehe Jenny Schiff und stammte aus einer bekannten ungarisch-schlesischen Familie mit zahlreichen Ärzten, Wissenschaftlern und Musikern. Der berühmte Dirigent Bruno Walter war mit Poppers Mutter verwandt. Popper hatte sehr vielfältige Interessen. Er studierte an der Universität Wien neben Philosophie auch Mathematik, Geschichte, Musik und Psychologie. Seine Promotion machte er im Fach Psychologie. Sein Doktorvater war Karl Bühler. Seine Dissertation aus dem Jahr 1928 trug den Titel „Zur Methodenfrage der Denkpsychologie“ (vgl. Csef 2024).

Karl Popper interessierte sich auch für Pädagogik. Ein zweites Studium absolvierte er eine einige Jahre am Pädagogischen Institut in Wien. Anschließend arbeitete er fünf Jahre lang als Lehrer. Kurz nach seiner Anstellung als Lehrer heiratete er im Jahr 1930 in Wien die 4 Jahre jüngere Josefine Henninger. Seine Ehefrau erkrankte im Jahr 1977 an Krebs und ist nach drei Operationen im Jahr 1985 gestorben (biografische Angaben nach Salamun 2018).

Bei einem Englandbesuch lernte er im Jahr 1935 in London seinen österreichischen Landsmann Friedrich August von Hayek kennen. Der drei Jahre ältere Hajek war zu dieser Zeit bereits angesehener Ökonomie-Professor an der renommierten London School of Economics. Popper war damals noch einfacher Hauptschullehrer in Wien. Im Jahr 1937 musste Popper wegen seiner jüdischen Herkunft ins Exil nach Neuseeland fliehen. Er war für 8 Jahre Dozent am Canterbury University College in Christchurch. Hayek und Popper unterhielten einen regen Briefwechsel und Popper las die Bücher von Hayek. Der einflussreiche Hayek schaffte es nach dem Zweiten Weltkrieg, Popper ebenfalls an die London School of Economics zu locken. Dort war er schließlich 20 Jahre lang – von 1949 bis 1969 – Professor für Logik und Wissenschaftslehre. Im Jahr 1992 erhielt er mit dem Kyoto-Preis die höchste Auszeichnung, die ein Philosoph erreichen kann.

In seiner Autobiographie „Ausgangspunkte – Meine Entwicklung“, die im Jahr 1976 auf Englisch und 1979 auf Deutsch erschien, bekannte Karl Popper, dass sein Freund Hayek ihm zweimal das Leben gerettet habe. Das erste Mal dadurch, dass nach vielen Ablehnungen seines Hauptwerkes „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ durch die angefragten Verlage ihm Hayek die Erstpublikation im Londoner Routledge-Verlag ermöglichte. Die zweite Lebensrettung war, als das relativ mittellose Ehepaar Popper durch großen Einsatz von Hayek eine finanzielle Lebensgrundlage erhielt. Hayek vermittelte ihm 1946 eine Dozentenstelle und 1949 eine Professorenstelle an der London School of Economics (Popper 1979).

„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (Karl Popper)

In seinem zweibändigen Grundlagenwerk wendet sich Karl Popper gegen totalitäre Systeme wie Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus. Geschrieben hat er sein Buch in den Jahren 1938 bis 1943 im Exil in Christchurch. Publiziert wurde es zuerst in englischer Sprache im Londoner Routledge Verlag. Anlass für sein umfangreiches Werk war im Jahr 1938 der Einmarsch von Hitlers Truppen in sein Heimatland Österreich. Die Wurzeln totalitärer Staaten sieht er in problematischen Ideen, die Demokratie und menschenfeindliche Tendenzen fördern. Popper hatte besonders einige Philosophen im Visier, die seiner Meinung nach „falsche Propheten“ sind: Platon, Hegel und Karl Marx sowie ihre Anhänger. Popper unterscheidet offene und geschlossene Gesellschaften. In offenen Gesellschaften werden die Grundrechte von Demokratien verwirklicht wie Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit und religiöse Neutralität. In geschlossenen Gesellschaften wie Diktaturen oder anderen totalitären Systemen sind diese Grundrechte eingeschränkt, weil der Staat von oben einen Rahmen vorgibt und die Regeln festlegt. In offenen Gesellschaften sind die Institutionen veränderbar und in einem ständigen Wandel. Die Ziele einer offenen Gesellschaft sind eine ausreichende Grundversorgung und Gleichberechtigung. Das Leitmotiv von Popper ist nicht die Maximierung von Glück, sondern die Minimierung von Leiden. Karl Popper ist der Verfechter einer liberalen Demokratie, die er für die beste Staatsform hält.

Die Publikation seines Hauptwerkes gestaltete sich in der Nachkriegszeit schwierig. Wegen der Kritik an dem sowjetischen Sozialismus gab es politische Widerstände gegen eine Publikation in Deutschland. Die alliierten Besatzungsmächte verweigerten die notwendige Lizenz, um den verbündeten Diktator Stalin nicht zu verärgern. Folglich erschien das Buch mit großer Unterstützung seines Freundes Hayek zuerst in englischer Sprache im Londoner Routledge-Verlag. Erst 12 Jahre später erschien die deutsche Fassung im Münchner Francke-Verlag.

„Auf der Suche nach einer besseren Welt“ (1984)

In seinem Sammelband „Auf der Suche nach einer besseren Welt“ aus dem Jahre 1984 befinden sich Vorträge, die Karl Popper in 30 Jahren gehalten hat. Da ein Teil dieser ausgewählten Reden und Vorträge nicht vor Akademikern oder Philosophen gehalten wurde, hat sich Popper sehr um eine für alle verständliche Sprache bemüht. Enthalten sind z.B. die Rede zum Jubiläum 25 Jahre österreichischer Staatsvertrag oder zu den Salzburger Festspielen im Jahr 1979.  Popper erhielt mehr als 20 Ehrendoktorwürden als Anerkennung für seine herausragenden akademischen Leistungen. Im Jahr 1979 wurde er als Ehrendoktor an den Universitäten Frankfurt am Main und Salzburg ausgezeichnet. Die zu diesem Anlass gehaltenen Vorträge sind ebenfalls abgedruckt.

Im Jahr 1983 waren in seinem Heimatland Österreich zwei sehr öffentlichkeitswirksame Ereignisse: das Altenburger Gespräch mit dem Freund und Nobelpreiskollegen Konrad Lorenz im Februar 1983 und das Popper-Symposium zu seinem 80. Geburtstag im Mai 1983 in Wien. Die Vorträge und Diskussionen von beiden Veranstaltungen wurden in einem Sammelband veröffentlicht (Karl Popper und Konrad Lorenz 1985). Im Dezember 1984 hat der damals 82jährige Karl Popper ein Nachwort für dieses Buch geschrieben. Darin teilte er eine wichtige Erkenntnis mit, die als Warnruf für die Zukunft verstanden werden kann:

„Wenn es den Menschen sehr gut geht, wird ihnen die freie Atmosphäre zur Selbstverständlichkeit, und sie werden die Wachsamkeit verlieren gegen die Gefahren, die die Freiheit bedrohen. Solange es ehrgeizige, machthungrige Menschen gibt, werden sie deshalb eine allzu glückliche Gesellschaftsform leicht ins Unglück stürzen.“ (Karl Popper 1984, S. 138)

Karl Popper war einer der bedeutenden politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, der sich vehement für Freiheit und Demokratie einsetzte. Seit seinem Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ warnte er unaufhörlich vor den Feinden der Demokratie und den Gefahren des Totalitarismus. In den aktuellen Bedrohungen anlässlich des Russland-Ukraine-Krieges haben die Warnrufe Poppers universelle Bedeutung.

Literatur

Csef, Herbert (2024), Karl Popper und die Psychologie. Tabularasa Magazin vom 9. März 2024

Franco, Guiseppe (Hrsg.) (2019), Handbuch Karl Popper. Wiesbaden: Springer VS Verlag

Popper Karl (1957), Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Teil 1, Der Zauber Platons, München: Francke Verlag

Popper Karl (1958), Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Teil 2, Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen, München: Francke-Verlag

Popper, Karl (1979), Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. Autobiographie. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag

Popper, Karl (1984), Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren. München: Piper Verlag

Popper, Karl (1994), Rechte und Pflichten derer, die von ihren Mitmenschen lernen wollen. Aufklärung und Kritik Nr. 1, S. 118

Popper, Karl (1994), Die Wege der Wahrheit. Zum Tode von Karl Popper. Aufklärung und Kritik Nr. 2, S. 38 – 49

Popper, Karl (1994), Alles Leben ist Problemlösen. München: Piper Verlag

Popper, Karl, Lorenz, Konrad (1985), Die Zukunft ist offen. Das Altenburger Gespräch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums. München: Piper Verlag

Salamun, Kurt (2018), Ein Jahrhundertdenker. Karl R. Popper und die offene Gesellschaft. Wien: Molden Verlag

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email: herbert.csef@gmx.de

Über Herbert Csef 144 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.