Der 1. Mai: Von den Idealen Chicagos bis zur Existenzkrise des iranischen Arbeiters unter Krieg und politischer und ökonomischer Instabilität

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Der Internationale Tag der Arbeit ist weit mehr als ein symbolischer Kalendereintrag; er ist das historische und blutige Zeugnis eines langen Kampfes um elementare Menschenrechte. Seine Ursprünge reichen auf den 1. Mai 1886 in Chicago zurück, als Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter gegen Ausbeutung streikten und die Forderung nach dem Achtstundentag erhoben. Die Ereignisse von Haymarket und die Hinrichtung der Arbeiterführer machten diesen Kampf zu einem weltweiten Symbol der Arbeiterbewegung und der internationalen Solidarität.

Im heutigen Zeitalter von Automatisierung und Digitalisierung lässt sich die Lage der Arbeiterklasse jedoch nicht mehr nur durch den klassischen Gegensatz von Arbeit und Kapital erklären. In vielen Regionen verschränken sich Krieg, politische Gewalt, wirtschaftliche Instabilität und der Zerfall industrieller Strukturen zu einer umfassenden sozialen Krise.

Im Iran fällt der 1. Mai 2026 in eine Phase tiefgreifender Erschütterungen. Die Arbeiterklasse steht unter einem doppelten Druck: einerseits durch äußere militärische Gewalt und andererseits durch interne strukturelle Repression und wirtschaftliche Misswirtschaft. Die Luftangriffe der Vereinigten Staaten von Amerika und Israels auf industrielle Infrastruktur haben massive Zerstörungen verursacht. Nach Schätzungen wurden etwa 20.000 Produktionsstätten – rund 20 Prozent der industriellen Kapazität des Landes – beschädigt oder vollständig zerstört. Besonders betroffen sind Stahlindustrie, Petrochemie, Textilproduktion, Lebensmittelindustrie sowie Zulieferbetriebe, die entweder direkt zerstört oder durch unterbrochene Lieferketten stillgelegt wurden.

Diese Angriffe richten sich nicht gegen abstrakte Strukturen oder politische Systeme, sondern treffen unmittelbar die arbeitende Bevölkerung. Gleichzeitig hat die Islamische Republik Iran durch ihre seit 47 Jahren bestehende Politik der Repression, der wirtschaftlichen Fehlentwicklung und der Einschränkung von Arbeiterrechten die soziale Lage der unteren Klassen systematisch verschärft und breite Bevölkerungsschichten in Armut gedrängt. Die Arbeiter stehen damit faktisch zwischen zwei Seiten einer Zange: dem kapitalistisch-imperialen Druck der USA und Israels einerseits und der autoritär-religiösen Struktur der Islamischen Republik andererseits.

Die Folgen dieser Entwicklung sind gravierend. Mehr als zwei Millionen direkte Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Unter Berücksichtigung indirekter Beschäftigungsverluste – etwa in Zulieferketten, Dienstleistungen und informellen Sektoren – sind insgesamt über vier Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit oder prekäre Existenzbedingungen geraten. Besonders betroffen sind industrielle Regionen wie Chuzestan, Buschehr und Teheran. Allein in Chuzestan haben der Stillstand der Öl-, Gas- und Petrochemieindustrie sowie die Zerstörung zentraler Produktionsanlagen tausende Familien in existenzielle Not gestürzt.
Unter diesen Bedingungen wird deutlich, dass die Verteidigung von Arbeiterrechten ohne die Frage nach Frieden und stabilen ökonomischen Verhältnissen nicht möglich ist. Wenn der Arbeitsmarkt strukturell zusammenbricht und die Erwerbsbeteiligung auf historische Tiefstände sinkt, wird das „Recht auf Arbeit“ faktisch zu einer unerreichbaren Forderung.

Der 1. Mai im Iran darf daher nicht auf symbolische Rituale reduziert werden. Er muss als Warnsignal verstanden werden – als Ausdruck tiefgreifender sozialer Verwerfungen, die durch Krieg, politische Gewalt und wirtschaftliche Instabilität entstehen. Massenarbeitslosigkeit ist dabei nicht nur eine ökonomische Kennziffer, sondern eine soziale Katastrophe.

Der 1. Mai dieses Jahres ist mehr denn je ein Tag des Rufes nach Frieden. Denn die materielle Existenz der Arbeiterklasse ist untrennbar mit Stabilität und Sicherheit verbunden, nicht mit Krieg und permanenter Unsicherheit.

Keine Macht kann dauerhaft eine Klasse unterdrücken, die sich ihrer Lage bewusst wird, sich organisiert und solidarisch handelt. Doch Krieg als zutiefst unmenschliches Phänomen unterbricht genau diese Prozesse: Er zerstört soziale Organisation, schwächt kollektive Bewegungen und verhindert in entscheidenden Momenten die Möglichkeit von Gleichheit und Gerechtigkeit.

Die militärische Intervention der Vereinigten Staaten von Amerika und Israels gegen ein Land, dessen Bevölkerung keinen Krieg wollte, hat Tod, Zerstörung, Armut und Massenarbeitslosigkeit verschärft. Gleichzeitig bietet auch die interne Struktur der Islamischen Republik keine Perspektive, die den Interessen der arbeitenden Bevölkerung entspricht. Die Hauptlast dieser Entwicklung trägt die Arbeiterklasse.

Aus dieser Situation ergibt sich eine historische Verantwortung für progressive Kräfte, Arbeiterbewegungen und freiheitsorientierte Akteure. Die Forderung nach einem sofortigen Ende des Krieges muss ins Zentrum rücken. Frieden ist die Voraussetzung für wirtschaftlichen Wiederaufbau, soziale Stabilisierung und gesellschaftliche Organisierung. Ohne ihn gibt es weder Brot noch Freiheit.

Die Verbindung von „Frieden, Brot und Freiheit“ ist unter diesen Bedingungen kein abstraktes Motto, sondern eine konkrete historische Notwendigkeit.
Wie Albert Einstein formulierte:

„Wenn die durch den Krieg freigesetzten Kräfte für den Wiederaufbau genutzt würden, welche Welt könnten wir schaffen? Ein Bruchteil der im Krieg verbrauchten Ressourcen würde ausreichen, um allen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen und globale Arbeitslosigkeit zu verhindern

Quellen:

1. International Labour Organization (ILO), Jahresberichte zur Auswirkung von Konflikten auf Arbeitsmärkte im Nahen Osten.
2. Bundesministerium für Arbeit und Soziales der Islamischen Republik Iran, veröffentlichte Statistiken zur Beschäftigungslage (April 2026).
3. Berichte unabhängiger Gewerkschaften und regionaler Arbeiterorganisationen, insbesondere aus Chuzestan und Buschehr, zu Schäden an industriellen Infrastrukturen.
4. Wirtschaftliche Analysen und Artikel in iranischen Medien wie Donyaye Eghtesad und Etemad zur Arbeitslosigkeit und den Folgen militärischer Spannungen.

Über Hossein Zalzadeh 51 Artikel
Hossein Zalzadeh ist Ingenieur, Publizist und politisch Engagierter – ein Mann, der Baustellen in Beton ebenso kennt wie die Bruchstellen von Gesellschaften. Zalzadeh kam Anfang zwanzig zum Studium nach Deutschland, nachdem er zuvor in Teheran als Lehrer und stellvertretender Schulleiter in einer Grundschule tätig gewesen war. Er studierte Bauwesen, Sanierung und Arbeitssicherheit im Bereich Architektur sowie Tropical Water Management an mehreren technischen Hochschulen. An bedeutenden Projekten – darunter der Frankfurter Messeturm – war er maßgeblich beteiligt. Seine beruflichen Stationen führten ihn als Ingenieur auch in verschiedene afrikanische Länder, wo er die großen sozialen Gegensätze und die Armut unserer Welt ebenso kennenlernte wie ihre stillen Uhrmacher – Menschen, die im Verborgenen an einer besseren Zukunft arbeiten. Bereits während des Studiums engagierte er sich hochschulpolitisch – im AStA, im Studierendenparlament sowie auf Bundesebene in der Vereinten Deutschen Studentenschaft (VDS) – und schrieb für studentische Magazine. In diesem Rahmen führte er Gespräche mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Herta Däubler-Gmelin über die Lage ausländischer Studierender. Seit vielen Jahren kämpft er publizistisch gegen das iranische Regime. Geprägt ist sein Schreiben vom Schicksal seines Bruders – Jurist, Schriftsteller und Journalist –, der vom Regime ermordet wurde. Derzeit schreibt er an seinem Buch Kampf um die Menschlichkeit und Gerechtigkeit – ein Plädoyer für Freiheit, Würde und den Mut, der Unmenschlichkeit zu widersprechen.