Wir legen den Finger in die Wunde. Mal sehen, ob Sie diesmal aufwachen. Über Bürokratie und die Frage, was ein Staat seinen Bürgern zumutet

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Es beginnt mit einem Bescheid. Ein paar Seiten Papier, Zahlen, Paragraphen und Fristen. Eine Steuer wird neu berechnet, eine Zahlung wird fällig, eine Behörde erklärt ihre Zuständigkeit. Alles scheint seine Ordnung zu haben: Der Staat hat gerechnet, die Verwaltung hat entschieden, der Bürger soll bezahlen. Doch hinter dieser scheinbaren Sachlichkeit verbirgt sich eine politische Frage, die weit über einen einzelnen Steuerbescheid hinausgeht: Was geschieht mit dem Menschen, wenn der Staat ihn nur noch als Steuerpflichtigen, Aktenzeichen oder Zahlungsverpflichteten wahrnimmt? Und noch grundsätzlicher: Für wen ist der Staat eigentlich da?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der ständig von Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und Bürgernähe gesprochen wird, während Menschen mit festen und begrenzten Einkommen erleben, dass ihre finanziellen Spielräume immer kleiner werden. Die Bürokratie erscheint dabei als etwas Neutrales. Sie rechnet, prüft, entscheidet und verschickt Bescheide. Aber Bürokratie ist nicht nur Verwaltungstechnik. Sie ist auch Macht. Sie entscheidet darüber, wer zahlen muss, wer Unterstützung erhält, wer warten muss, wer einen Anspruch nachweisen kann und wer gegen eine Entscheidung Widerspruch einlegen darf.

Die Bürokratie braucht dafür nicht einmal offene Härte. Sie muss den Bürger nicht anschreien und ihn nicht persönlich bedrohen. Es genügt, wenn sie ihn von einer Zuständigkeit zur nächsten verweist: „Dafür ist das Finanzamt zuständig.“ – „Darauf haben wir keinen Einfluss.“ – „Das kann nur eine andere Behörde entscheiden.“ – „Sie können Sozialleistungen beantragen.“ Jeder dieser Sätze kann formal richtig sein. Doch zusammen können sie eine Mauer bilden, an der jede Frage des Bürgers abprallt. Je genauer Zuständigkeiten verteilt werden, desto leichter kann sich Verantwortung auflösen. Der Bürger fragt, warum seine finanzielle Belastung so stark gestiegen ist. Die Antwort lautet, dafür sei eine andere Behörde zuständig. Er fragt, was diese Entwicklung für Menschen mit festen und begrenzten Einkommen bedeutet. Die Antwort lautet, dafür gebe es gegebenenfalls soziale Unterstützung. Er fragt, ob die Kommune etwas tun könne. Die Antwort lautet, man habe darauf keinen Einfluss. Und plötzlich ist jede einzelne Antwort formal erklärbar, während die eigentliche Frage unbeantwortet bleibt: Wer trägt Verantwortung für die Lebenswirklichkeit, die aus dem Zusammenspiel all dieser Entscheidungen entsteht?

Das ist keine juristische Spitzfindigkeit. Es ist eine demokratische Frage. Der Rechtsstaat braucht Regeln. Ohne Regeln gibt es keine Rechtssicherheit und keine Gleichheit vor dem Gesetz. Doch aus der formalen Gleichheit folgt noch keine soziale Gerechtigkeit. Ein und dieselbe finanzielle Belastung trifft Menschen unterschiedlich. Für einen wohlhabenden Haushalt kann eine zusätzliche Zahlung ärgerlich sein. Für einen Menschen mit einem festen und begrenzten Einkommen kann dieselbe Summe bedeuten, dass an anderer Stelle gespart werden muss: bei Lebensmitteln, Energie, Gesundheit oder Wohnen. Wenn eine Behörde sagt: „Das Gesetz gilt für alle“, ist damit noch lange nicht beantwortet, wie unterschiedlich die Folgen dieses Gesetzes für verschiedene Menschen ausfallen. Rechtmäßigkeit ist notwendig. Aber sie ist nicht das Ende jeder politischen Diskussion.

Nehmen wir die Grundsteuer. Wenn ein kommunaler Hebesatz bei 410 Prozent, 500 Prozent oder sogar 700 Prozent liegt, ist das zunächst eine politische und finanzielle Stellschraube der Kommune. Für den Bürger zählt am Ende jedoch nicht die abstrakte Prozentzahl, sondern der Betrag, der tatsächlich auf seinem Bescheid steht und von seinem Einkommen bezahlt werden muss. Was bedeutet es für einen Menschen mit einem festen und begrenzten Einkommen, wenn seine finanzielle Belastung innerhalb kurzer Zeit massiv steigt, während sein Einkommen oder seine Rente nicht annähernd im gleichen Maß wächst? Was soll ein Rentner tun, dessen monatlicher finanzieller Spielraum ohnehin eng ist? Was soll eine alleinstehende Mutter tun, deren Einkommen kaum Spielraum für zusätzliche Belastungen lässt? Man kann auf eine Tabelle zeigen. Man kann auf einen Hebesatz zeigen. Man kann auf Paragraphen zeigen. Aber kein Paragraph beantwortet die Frage, was am Ende des Monats noch zum Leben übrig bleibt.

Und deshalb reicht es nicht aus, zu sagen: „Der Hebesatz gilt für alle.“ Nein. Die Folgen gelten nicht für alle gleichermaßen. Ein Mensch mit hohem Einkommen kann eine zusätzliche Belastung auffangen. Ein Mensch mit einem kleinen, festen Einkommen kann dadurch gezwungen werden, bei Lebensmitteln, Heizung, Gesundheit oder anderen notwendigen Ausgaben zu sparen. Die formale Gleichbehandlung kann deshalb in ihrer tatsächlichen Wirkung eine erhebliche soziale Ungleichheit erzeugen. Auch das Argument, dass andere Kommunen einen noch höheren Hebesatz haben, überzeugt nicht. Wenn anderswo 600 oder 700 Prozent verlangt werden, wird eine Belastung von 410 Prozent dadurch nicht sozial gerecht. Ein Rennen nach oben ist keine soziale Begründung. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie viel zusätzliche Belastung kann man einem Menschen zumuten, bevor aus einer Steuer eine soziale Überforderung wird?

Besonders problematisch wird es, wenn auf eine erhebliche finanzielle Belastung mit dem Hinweis reagiert wird, der Betroffene könne ja Sozialleistungen beantragen. Natürlich gibt es Sozialleistungen. Natürlich braucht ein Sozialstaat soziale Unterstützung. Aber politisch stellt sich eine viel unbequemere Frage: Warum soll ein Mensch zunächst stärker belastet werden, um anschließend möglicherweise staatliche Unterstützung beantragen zu müssen, damit er diese Belastung überhaupt bewältigen kann? Noch problematischer wird es, wenn der Betroffene danach mit langen Formularen, Nachweisen, Kontoauszügen und weiteren bürokratischen Anforderungen konfrontiert wird. Für eine Behörde mögen dreizehn oder vierzehn Seiten Formulare ein normaler Vorgang sein. Für einen älteren Menschen oder jemanden, der bereits finanziell unter Druck steht, können sie eine weitere Hürde darstellen. Wer wenig Geld hat, kann sich nicht ohne Weiteres einen Anwalt, einen Steuerberater oder professionelle Beratung leisten. Genau deshalb ist das Machtverhältnis zwischen Staat und Bürger nicht gleich.

Hier berühren wir die Frage der Menschenwürde. Artikel 1 des Grundgesetzes beginnt mit einem Satz, der eigentlich jede staatliche Institution täglich begleiten müsste: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz ist keine Dekoration der Verfassung. Er ist eine Zumutung an den Staat. Er erinnert daran, dass der Mensch niemals vollständig in seiner Funktion aufgehen darf: nicht im Steuerpflichtigen, nicht im Antragsteller, nicht im Leistungsempfänger und nicht im Aktenzeichen. Hinter jedem Verwaltungsvorgang steht ein Leben. Hinter jeder Steuer steht ein Einkommen. Hinter jeder Forderung steht die Frage, was nach ihrer Begleichung noch übrig bleibt.

Natürlich wird darauf verwiesen werden, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist, dass Kommunen Einnahmen brauchen und dass der Staat seine Verteidigungsfähigkeit stärken muss. Bundeskanzler Friedrich Merz hat das Ziel formuliert, Deutschland solle die stärkste konventionelle Armee Europas aufbauen. Gleichzeitig werden dafür erhebliche zusätzliche finanzielle Mittel mobilisiert. Auch für Infrastruktur wurden 500 Milliarden Euro als Sondervermögen vorgesehen. Das Problem ist nicht, dass ein Staat Geld für Sicherheit, Verteidigung oder Infrastruktur ausgibt. Das Problem ist die politische Prioritätensetzung.

Deutschland erwirtschaftete 2025 rund 4,47 Billionen Euro und bleibt damit mit Abstand die größte Volkswirtschaft Europas. Gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein: Wenn ein Staat in der Lage ist, für große politische Projekte Milliardenbeträge zu mobilisieren, warum wird einem Menschen mit einem kleinen und festen Einkommen bei einer plötzlich stark gestiegenen finanziellen Belastung so häufig nur gesagt: „Das Gesetz ist so.“ Und wenn er diese Belastung nicht mehr tragen kann? Dann lautet die Antwort: „Gehen Sie zum Sozialamt.“

Das ist keine Antwort auf das Problem. Es ist die Weiterleitung des Problems. Der Bürger wird zum Ball zwischen Behörden: Finanzamt, Kommune, Sozialamt. Jeder hat seine Zuständigkeit. Jeder kann auf Vorschriften verweisen. Jeder kann erklären, warum er persönlich nichts ändern kann. Aber wer ist dann für den Menschen zuständig? Genau hier liegt der Kern des Problems.

Eine Verwaltungsangestellte kann keinen Steuerbescheid des Finanzamtes aufheben. Ein Mitarbeiter der Kommune kann nicht eigenmächtig die Steuerpolitik des Staates verändern. Aber zwischen rechtlicher Unmöglichkeit und menschlicher Gleichgültigkeit besteht ein gewaltiger Unterschied. Man kann seine Zuständigkeit erklären, ohne den Bürger abzuwimmeln. Man kann Grenzen benennen, ohne seine Not zu ignorieren. Man kann sagen: „Ich kann diese Entscheidung nicht ändern. Aber ich verstehe, warum sie für Sie ein ernstes Problem darstellt.“ Das kostet den Staat nichts. Und trotzdem fehlt es erstaunlich häufig genau daran.

Es gehört inzwischen zum Sprachgebrauch vieler Verwaltungen, vom „Kunden“ zu sprechen. Doch der Bürger ist nicht einfach ein Kunde. Ein Kunde kann einen schlechten Anbieter wechseln. Der Bürger kann den Staat nicht wechseln. Er lebt innerhalb seiner Rechtsordnung, finanziert ihn durch Steuern und Abgaben und unterliegt seinen Entscheidungen. Der Bürger ist nicht der Kunde des Staates. Er ist der Träger der demokratischen Ordnung, aus der staatliche Macht überhaupt ihre Legitimation bezieht.

Demokratie findet deshalb nicht nur im Parlament und nicht nur am Wahltag statt. Sie beginnt auch dort, wo ein Bürger einer Behörde gegenübersitzt. Sie zeigt sich darin, ob eine kritische Frage als lästig oder als legitim betrachtet wird. Der kritische Bürger ist kein Störfaktor. Er ist Teil demokratischer Kontrolle. Eine Demokratie, die nur mit gehorsamen Bürgern gut funktioniert, ist keine robuste Demokratie.

Wenn Menschen erleben, dass ihre finanziellen Belastungen steigen, während ihre Einkommen oder Renten nicht annähernd im gleichen Maß wachsen, und wenn sie auf ihre Fragen lediglich mit Paragraphen, Zuständigkeiten und Verweisen auf andere Behörden antworten, entsteht Entfremdung. Der Staat erscheint dann nicht mehr als gemeinsames Projekt. Er erscheint als fremde Macht. Und genau hier liegt die politische Gefahr.

Eine Gesellschaft kann sich noch so oft Rechtsstaat, Sozialstaat und Demokratie nennen. Diese Begriffe müssen sich im Alltag der Menschen bewähren. Sie müssen sich gerade dort bewähren, wo ein Mensch wenig Geld, wenig Einfluss und wenig Möglichkeiten hat, sich gegen eine staatliche Entscheidung zu wehren. Ein Staat darf sich nicht nur daran messen lassen, wie groß seine Wirtschaft ist, wie modern seine Infrastruktur ist oder wie stark seine Armee wird. Er muss sich auch daran messen lassen, wie er mit den Menschen umgeht, die von seiner wirtschaftlichen Stärke am wenigsten profitieren.

Deutschland ist wirtschaftlich stark. Deutschland ist die mit Abstand größte Volkswirtschaft Europas und erwirtschaftet rund 4,47 Billionen Euro. Doch was bedeutet diese wirtschaftliche Stärke für einen Bürger, dessen finanzielle und soziale Belastung von Jahr zu Jahr größer wird? Was nützt ein reicher Staat, wenn Menschen mit kleinen und festen Einkommen immer mehr Druck aushalten müssen? Was nützt die Behauptung, ein Sozialstaat zu sein, wenn ein Mensch erst finanziell unter Druck geraten und anschließend seine Bedürftigkeit in langen Formularen beweisen muss? Was nützt ein Rechtsstaat, wenn sich der Bürger zwar gegen eine Entscheidung wehren darf, aber praktisch nicht die finanziellen Mittel besitzt, um sich wirksam zu verteidigen?

Deutschland ist reich. Deutschland ist wirtschaftlich stark. Aber wirtschaftliche Stärke verliert ihren moralischen Wert, wenn diejenigen, die am wenigsten haben, jeden Tag mehr tragen müssen.

Ein Staat darf sich nicht nur daran messen lassen, was er sich leisten kann. Er muss sich daran messen lassen, was er seinen Bürgern zumutet.

Und deshalb lautet die letzte Frage nicht nur: Was kann sich dieser Staat leisten?

Sondern: Was ist er seinen Bürgern schuldig?

Deutschland – schämst du dich nicht?

 Quellen:

  • Statistisches Bundesamt (Destatis) – Realsteuervergleich 2024 / Grundsteuer-Hebesätze
  • Statistisches Bundesamt (Destatis) – Bruttoinlandsprodukt (BIP)
  • Bundesministerium der Finanzen – Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität
  • Bundesministerium der Finanzen – Fragen und Antworten zum 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen
  • Bundesregierung – Bundeshaushalt 2026 / Verteidigungsausgaben
  • Grundgesetz – Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar
Über Hossein Zalzadeh 71 Artikel
Hossein Zalzadeh ist Ingenieur, Publizist und politisch Engagierter – ein Mann, der Baustellen in Beton ebenso kennt wie die Bruchstellen von Gesellschaften. Zalzadeh kam Anfang zwanzig zum Studium nach Deutschland, nachdem er zuvor in Teheran als Lehrer und stellvertretender Schulleiter in einer Grundschule tätig gewesen war. Er studierte Bauwesen, Sanierung und Arbeitssicherheit im Bereich Architektur sowie Tropical Water Management an mehreren technischen Hochschulen. An bedeutenden Projekten – darunter der Frankfurter Messeturm – war er maßgeblich beteiligt. Seine beruflichen Stationen führten ihn als Ingenieur auch in verschiedene afrikanische Länder, wo er die großen sozialen Gegensätze und die Armut unserer Welt ebenso kennenlernte wie ihre stillen Uhrmacher – Menschen, die im Verborgenen an einer besseren Zukunft arbeiten. Bereits während des Studiums engagierte er sich hochschulpolitisch – im AStA, im Studierendenparlament sowie auf Bundesebene in der Vereinten Deutschen Studentenschaft (VDS) – und schrieb für studentische Magazine. In diesem Rahmen führte er Gespräche mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Herta Däubler-Gmelin über die Lage ausländischer Studierender. Seit vielen Jahren kämpft er publizistisch gegen das iranische Regime. Geprägt ist sein Schreiben vom Schicksal seines Bruders – Jurist, Schriftsteller und Journalist –, der vom Regime ermordet wurde. Derzeit schreibt er an seinem Buch Kampf um die Menschlichkeit und Gerechtigkeit – ein Plädoyer für Freiheit, Würde und den Mut, der Unmenschlichkeit zu widersprechen.